Taiwan-Enzyklopädie: Der 500-Millionen-Nationalwissens-Traum

2004 startete Taiwan mit der „Taiwan-Enzyklopädie“ das größte Wissensprojekt seiner Geschichte. Vom ursprünglichen 1,4-Milliarden-Entwurf von Wang Rong-wen bis zur tatsächlichen Ausführung mit 520 Millionen NT-Dollar durchlief das Projekt drei System-Iterationen und Lizenzentwicklungen, bevor die eigenständige Website 2014 geschlossen wurde. Dies ist nicht nur eine Geschichte des technologischen Wandels, sondern ein tiefgreifender Paradigmenwechsel der staatlichen Rolle im digitalen Zeitalter: vom „autoritativen Definitor“ zum „Anbieter offener Materialien“.

30-Sekunden-Überblick:
2004 gestartete „Taiwan-Enzyklopädie“ war ein Meilenstein in Taiwans Bemühen um kulturelle Subjektivität, mit einem Gesamtbudget von 520 Millionen NT-Dollar. Das Projekt ging von dem ursprünglichen 1,4-Milliarden-Entwurf des Verlegers Wang Rong-wen aus (inklusive 30 Bänden, 100.000 Einträgen und einer englischen Version), geriet aber in der Umsetzung in ein ständiges Ringen zwischen der „Autorität“ der Expertenbegutachtung und der „Freiheit“ der Netzwerk-Kollaboration. Nach drei System-Iterationen (Eigenentwicklung, MediaWiki, eigenständiges System), Lizenzentwicklungen (von GFDL zu CC) und der Reduzierung des Print-Projekts wurde die eigenständige Website am 15. Juli 2014 geschlossen und in die „Nationale Kulturdatenbank“ integriert. Dieses Experiment bewies den Rollenwandel des Staates im digitalen Zeitalter: vom Versuch, die „definitive Deutung“ zu monopolisieren, hin zur Bereitstellung „offener Materialien“ für die Zusammenarbeit von Bevölkerung und KI.

„Ah-bian hat immer geglaubt, wir sollten eine ‚Taiwan-Enzyklopädie‘ haben, eine Enzyklopädie, die den Zeitgeist und die taiwanesische Volksstimmung treu verdichtet.“1 Am 13. Mai 2004 erhob der damalige Präsident Chen Shui-bian in der 135. Ausgabe des „Ah-bian E-Papers“ die Kompilierung der Enzyklopädie offiziell zur nationalen Strategie und betonte ihre Bedeutung als „vollständige Suchmaschine für die Taiwan-Forschung“ und „Wissenssammlung der taiwanesischen Kultur“12.

Dieses 500-Millionen-Projekt war ein Hochrisikospiel um das „Deutungsrecht über Taiwans Subjektivität“. Als Teilprojekt des „Nationalen Digitalen Kulturerbe-Programms“ stand es in engem Zusammenhang mit der damals staatlich vorangetriebenen Digitalisierung, der Kultur- und Kreativwirtschaft sowie der Open-Data-Politik2.

Vision: Der 1,4-Milliarden-Großentwurf des Verlagsmagnaten

Die treibende Kraft hinter diesem Mammutprojekt war Wang Rong-wen, Vorstandsvorsitzender des Yuanliu-Verlags. Für ihn war die Enzyklopädie die höchste Auszeichnung eines Verlegers. Wangs ursprüngliche Vision war äußerst ehrgeizig: Er wollte die chinesische Online-Version in 4 Jahren, die englische Online-Version in 5 Jahren und die Printversion in 6 Jahren fertigstellen (mindestens 30 Bände, 50 Millionen chinesische Zeichen, 10.000 Exemplare als Geschenk an Schulen und internationale Institutionen)2.

Die Inhaltsziele umfassten eine klare Wissensbaumstruktur (Propedia) sowie mindestens 100.000 Einträge. Als Referenz diente das Überarbeitungsbudget der 16. Auflage der „Encyclopædia Britannica“, woraus sich ein sechsjähriges Gesamtbudget von 1,4 Milliarden NT-Dollar ergab; zudem schlug er die Gründung einer Stiftung für die langfristige Pflege vor2. Um die Autorität zu gewährleisten, berief das Projekt den Nobelpreisträger Lee Yuan-tseh im Mai 2007 zum Chef-Herausgeber des Überwachungs- und Redaktionskomitees13.

Doch zwischen Ideal und Realität klaffte eine erhebliche Lücke. Das tatsächliche Ausführungsbudget belief sich auf约 520 Millionen NT-Dollar1. Der ursprünglich für 2008 geplante Druck von 20 Bänden wurde aufgrund von Budgetkürzungen und dem Fokuswechsel auf Digitales nicht realisiert; letztlich vollendete nur die Yuanliu-Tochter „Smart Learning Technology“ die Redaktion der ersten 6 Bände, das großangelegte Printprojekt kam nie wie geplant zustande124.

📝 Kuratorennotiz: Als der Verlagstraum auf das Staatsbudget traf, schien dieses Hochrisikospiel den stärksten Rückhalt zu haben, war doch dazu verdammt, ein Jahrzehnt lang mit Bürokratie, technologischem Wandel und Community-Kultur zu verhandeln.

Wendepunkt: Drei System-Iterationen und das Ringen um Lizenzmechanismen

Das Projekt verfolgte zunächst eine „Volksausgabe-zuerst“-Strategie und durchlief drei Hauptphasen technischer System-Iterationen und Lizenzentwicklungen:

  1. Eigenentwicklung (Inbetriebnahme Januar 2005): Umgesetzt von der Taiwan Agenda 21 Association. Die Registrierung verlangte Namen, Telefonnummer und sogar die Personalausweisnummer, was schwere Datenschutzbedenken auslöste12. Anfangs galt das Prinzip „Beitrag bei bestandener Prüfung = Honorar“, was zu einem massiven Zustrom von Einträgen und schwerem Prüfungsrückstand führte5.
  2. MediaWiki-System (Überarbeitung 2007): Die Website wechselte auf MediaWiki, die Lizenz wurde auf die GNU Free Documentation License (GFDL) umgestellt2. Aufgrund der hohen Offenheit des Systems gab es „praktisch keine Prüfung von Nutzerinhalten“, plagiierte Artikel häuften sich, was zur größten Qualitätskrise des Projekts wurde12.
  3. Eigenständiges System (Überarbeitung Oktober 2009): Zur Lösung der Urheberrechts- und Qualitätsprobleme wurde die Website erneut auf ein eigenständiges System (taiwanpedia.culture.tw) umgestellt, die Lizenz auf CC BY-NC-SA 2.5 Creative Commons angepasst, was die Position „offen, aber nicht-kommerziell“ klarstellte12.

„Netz-affine Bürger neigen dazu, staatlich gelenktes Verfassen und Prüfen von Wissen abzulehnen.“5 Dies war der Konsens nach einer 2006 vom Kulturaufbaurat (heute Kulturministerium) einberufenen Expertenrunde. Die Bedenken der Experten gegen eine „Abschaffung der Prüfung“ betrafen nicht nur die Autorität, sondern auch die Sorge, ob die „taiwanesische Subjektivität“ durch Rauschen verwässert würde2.

Ergebnis: Wissensproduktion im Pyramidenstil

Trotz holprigen Verlaufs hinterließ die „Taiwan-Enzyklopädie“ ein wertvolles akademisches Erbe. Die Fachausgabe betonte den „Pyramidenstil“: Die ersten drei Sätze mussten konkrete Fakten enthalten, gefolgt von verständlicher Vertiefung und abschließenden Weiterführungsempfehlungen6. In den mittleren und späten 2000er-Jahren leistete das Projekt eine systematische Aufbereitung von 16 Bereichen Taiwans – Geschichte, Geografie, Volkskunde, Literatur u. a.57.

Kategorie Dateninhalt
Volksausgabe Planung 15.036 Einträge
Volksausgabe Einreichungen 11.793 Einträge (davon ca. 10.648 frühzeitig geprüft)2
Kumulierte Daten Bis Ende 2011 ca. 50.008 Einträge (inkl. nicht streng geprüfter Menge)2
Fachausgabe Produktion Über 13.000 von Experten korrigierte Qualitäts-Einträge5
Multimedia-Ressourcen 8.929 Bilder sowie teils Audio-/Videodateien2

📝 Kuratorennotiz: Das Wertvollste an dieser Enzyklopädie sind nicht die 500 Millionen, sondern dass sie Fachexperten in der frühen Digitalisierungsphase zu einer gründlichen Bestandsaufnahme taiwanesischen Wissens zwang und den Versuch unternahm, mit der Netz-Community zu interagieren.

Ende: Der digitale Rückzug 2014 und der Paradigmenwechsel

Im Juni 2014 integrierte das Kulturministerium die Einträge der „Taiwan-Enzyklopädie“ offiziell in die „Nationale Kulturdatenbank“ (nrch.culture.tw) und öffnete sie nicht mehr für Community-Kollaboration12. Am 15. Juli 2014 wurde die eigenständige Website offiziell geschlossen12.

Dies war ein wichtiger Wendepunkt: Der Staat erkannte die Grenzen einer einzelnen „definitiven Enzyklopädie“ im Web-2.0-Zeitalter an und wandelte die Inhalte in „Offene Daten“ (Open Data) um. Heute sind diese Einträge in das „Nationale Kulturgedächtnis 2.0“ integriert, vom „Experten-Definitivtext“ hin zum „Materialpool für alle“, mit Einbindung von NLP- und KI-Anwendungen, wobei der Austausch und die Neuschöpfung von „kultureller DNA“ betont wird89.

Herausforderungen und Kontroversen: Das neue Schlachtfeld der Wissenssouveränität

Dieser Wissenskrieg ist nicht zu Ende. Ende 2025 brachte der Verlag „Enzyklopädie Chinas“ die 960.000 Zeichen umfassende „Taiwan-Enzyklopädie: Geschichte“ heraus, die das „Ein-China-Prinzip“ betont10. Dies beweist: Wenn wir uns nicht selbst definieren, tun es andere für uns.

Die Zukunft von Taiwans Wissenssouveränität liegt vielleicht nicht in einer „nationalen Definitivfassung“, sondern darin, wie lokale Inhalte auf globalen Plattformen (wie Wikipedia, KI-Großmodellen) effektiv sichtbar und gewahrt werden können. Dieses 500-Millionen-Experiment hinterließ eine tiefe Lektion: Die geeignetste Rolle des Staates ist die des Hüters von Grundlagenarchiv und Offenen Daten, nicht die des Monopolisten der Wissensdeutung.

📝 Kuratorennotiz: Dieses Experiment bewies: Der Staat eignet sich als Hüter von Grundlagenarchiv und Offenen Daten, nicht als Monopolist der Definitivdeutung. Im Zeitalter dezentraler Kollaboration kommt die Lebenskraft des Wissens aus Offenheit, nicht aus Kontrolle.

Weiterführende Links:

  • Kulturministerium — Die dieses Projekt leitende Regierungsbehörde
  • Wikipedia — Zeitgenössisches Web-2.0-Kollaborations-Enzyklopädie-Paradigma
  • PanSci — Vergleichsbeispiel für zivilgesellschaftliche Wissenschafts-Community und Wissensplattform, von Artikeln, Kursen, Audio/Video bis zu Creator-Services, zeigt, wie Wissen in der Plattformökonomie transformiert wird
  • Nationales Kulturgedächtnis — Nachfolgeplattform, die die Einträge dieses Projekts aufnahm

Quellen:

  1. Taiwan-Enzyklopädie — Wikipedia — Vollständige Chronik: Budget 520 Mio. + drei System-Iterationen + Schließung 20142345678910
  2. Entwicklung der Redaktion traditioneller Enzyklopädien und Wikipedia — NTU Bibliotheksmitteilungen — Wissenschaftlicher Aufsatz zum Vergleich der Redaktionsparadigmen von Definitivfassungen und Kollaborations-Enzyklopädien23456789101112131415
  3. Lee Yuan-tseh — Wikipedia — Nobelpreisträger für Chemie, übernahm Mai 2007 das Amt des Chef-Herausgebers des Überwachungs- und Redaktionskomitees der Taiwan-Enzyklopädie
  4. Taiwan-Enzyklopädie — Douyin Baike — Dokumentation der Reduktion des Printprojekts von 30 Bänden auf die ersten 6 Bände der Yuanliu-Tochter „Smart Learning“
  5. Taiwan-Enzyklopädie Überarbeitung: Abschaffung des Prüfmechanismus — Taiwan Law Net — Protokoll der 2006 vom Kulturaufbauberufenen Expertenrunde zum Konsens „Netzbürger lehnen staatlich gelenkte Prüfung ab“234
  6. Redaktionsstil der Fachausgabe der Taiwan-Enzyklopädie — Smart Learning Enzyklopädie Blog — Schreibregel „Pyramidenstil“: Erste drei Sätze müssen konkrete Fakten enthalten
  7. Geschichte und Klassifikationsindex der Taiwan-Enzyklopädie — Eintragsübersicht der systematischen Aufbereitung von 16 Bereichen
  8. Nationales Kulturgedächtnis 2.0 neu online — Kulturministerium Pressemitteilung — Ankündigung des Wandels vom „Experten-Definitivtext“ zum „Materialpool für alle“ + NLP/KI-Integration
  9. Nationales Kulturgedächtnis Themenportal — Nachfolgeplattform, die die Einträge der Taiwan-Enzyklopädie aufnahm
  10. Chinas 960.000-Zeichen-‚Taiwan-Enzyklopädie: Geschichte‘ betont Ein-China-Prinzip — Storm Media — 2025 vom Verlag Enzyklopädie Chinas veröffentlicht, verdeutlicht den grenzüberschreitenden Wettbewerb um Taiwans Wissenssouveränität
Über diesen Artikel Dieser Artikel wurde gemeinschaftlich sowie mit Unterstützung von AI verfasst und geprüft.
Schlagwörter
Kulturministerium Wang Rong-wen Digitales Kulturerbe Nationales Kulturgedächtnis Wissenssouveränität Web 2.0 Lee Yuan-tseh
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Weiterführende Literatur

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