30-Sekunden-Überblick: Ma Ying-jeou (geboren 1950 im britischen Hongkong) war der zwölfte und dreizehnte Präsident der Republik China (2008–2016). In seiner Amtszeit kamen das ECFA, die direkten Verbindungen über die Taiwanstraße und der 80-sekündige Händedruck beim Ma-Xi-Treffen vom 7.11.2015 zustande – er hinterließ aber auch 22K, jenen niedrigen Lohneinstieg, an den sich eine ganze Generation junger Menschen bis heute erinnert, die Sonnenblumenbewegung und den Rekordwert von 9,2 % in der Umfrage von ERA News. Nach seinem Amtsende reiste er 2023 und 2024 zweimal nach China; beim zweiten Ma-Xi-Treffen am 10.4.2024 in Peking versprach er sich, sagte statt „chinesische Nation“ „Republik China“ und korrigierte sich sofort. Im Mai 2026 beantragten Familienangehörige eine gerichtliche Unterstützungserklärung für ihn, und Ma Ying-jeou selbst antwortete in einem Video: „Anwalt, damit ist doch bewiesen, dass ich nicht dement bin, oder?“ – zehn Jahre nach seinem Amtsende steht er noch immer in den Schlagzeilen. Das Image der „Sauberkeit“, internationaler Weitblick, umstrittene Entscheidungen und die Kontroversen nach seinem Amtsende – diese Eindrücke bestehen bis heute in unterschiedlicher Gewichtung in den Köpfen verschiedener Taiwaner nebeneinander. Unter der Nachricht vom 22. Mai, in der er per Video auf die Demenzgerüchte reagierte, standen ebenfalls zwei Lager von Kommentaren gegenüber: Die einen betonten seine Integrität und Selbstdisziplin sowie den Eisbrecher in den Beziehungen über die Taiwanstraße, die anderen hielten dagegen, dass Aufzeichnungen wie die Sonderzulagen-Affäre, der Machtkampf mit Wang Jin-pyng, die Niederschlagung der Sonnenblumenbewegung oder sein Rückzug in die „Teflon-Pfanne“ nicht vom Begriff „Sauberkeit“ überdeckt werden sollten.
Am 7. November 2015 um 15 Uhr schüttelten sich Ma Ying-jeou und Xi Jinping vor einer gelben Hintergrundwand in der Lobby-Etage des Shangri-La-Hotels in Singapur die Hand – Gelb als Symbol der Nachkommen von Yan und Huang. Beide sprachen sich gegenseitig mit „Herr“ an, die Kameras blitzten 1 Minute 20 Sekunden lang1. Es war das erste Treffen der höchsten Führungsfiguren seit der politischen Teilung beider Seiten der Taiwanstraße 1949 – 66 Jahre zuvor.
Dasselbe Foto löste am nächsten Tag in Taiwan zwei völlig gegensätzliche Reaktionen aus. Anhänger der Kuomintang sahen darin ein historisches Verdienst beim Eisbrechen über die Taiwanstraße. Die Demokratische Fortschrittspartei (DPP) und viele junge Menschen sahen darin ein Nachgeben in der Frage der Eigenständigkeit. Zehn Jahre später, rückblickend, verlieh die Anti-Auslieferungsgesetz-Bewegung in Hongkong 2019 der zweiten Deutung eine zusätzliche Bedeutungsebene; nach Lai Ching-tes Amtsantritt 2024 und der steigenden Spannung in der Taiwanstraße fanden die Anhänger der ersten Deutung wieder Gehör.
Um zu verstehen, warum dieser Mann gleichzeitig auf zwei Arten in Erinnerung bleiben kann, muss man bei einer früheren Szene ansetzen. 1981 kehrte ein 31-jähriger Absolvent der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Nationalen Taiwan-Universität, gerade mit einem SJD-Abschluss von Harvard zum Thema „Die Meeresgrenzen des Ostchinesischen Meeres und rechtliche Fragen ausländischer Investitionen“ in der Tasche, nach Taipeh zurück. Auf Empfehlung von Chien Fu (錢復) trat er ins Präsidialamt ein und wurde dort Englischübersetzer von Chiang Ching-kuo23.

Am Nachmittag des 7. November 2015 führten Ma Ying-jeou und Xi Jinping im Shangri-La-Hotel in Singapur ein Gespräch unter vier Augen. Beide Seiten schüttelten öffentlich 1 Minute 20 Sekunden lang die Hände und sprachen sich gegenseitig mit „Herr“ an – das erste Treffen der höchsten Führungsfiguren seit der politischen Teilung beider Seiten der Taiwanstraße 1949, 66 Jahre zuvor. Foto: Präsidialamt. Lizenz via Flickr (CC BY 2.0)
Der Englischübersetzer im Büro von Chiang Ching-kuo: 1981–1996, der Weg, auf dem kein Staub haften blieb

Offizielles Porträt von Ma Ying-jeou zu seiner Amtseinführung als zwölfter Präsident am 29. Mai 2008. Foto: Außenministerium der Republik China / Präsidialamt. Lizenz via Wikimedia Commons (Erklärung zu offenen Regierungsdaten)
Ma Ying-jeou wurde am 13. Juli 1950 im Kwong-Wah-Krankenhaus in Yau Ma Tei, Kowloon, im britischen Hongkong geboren. Sein Vater Ma Ho-ling (馬鶴凌) war Partei- und Verwaltungskader der Kuomintang und brachte es bis zum Abteilungsleiter der Jugendberatungs- und -förderungskommission des Exekutiv-Yuan sowie zum stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralen Disziplin- und Untersuchungsausschusses der Kuomintang. Auf der Urne, die nach Ma Ho-lings Tod zurückblieb, standen acht eingravierte Schriftzeichen: „化獨漸統,全面振興中國“ („Die Unabhängigkeit auflösen, schrittweise zur Vereinigung, China umfassend wiederaufblühen lassen“)4. Diese acht Schriftzeichen wurden später oft von außen herangezogen, um Ma Ying-jeous politische Entscheidungen zu den Beziehungen über die Taiwanstraße zu erklären, obwohl er selbst sich dazu nur selten direkt äußerte.
Sein Bildungsweg war die Standardversion für die politische Elite der zweiten Generation der Waishengren (Angehörige der Generation, die 1945–1949 mit der Kuomintang nach Taiwan kam): die Chien-Kuo-Oberschule, die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Nationalen Taiwan-Universität, 1974 mit einem Sun-Yat-sen-Stipendium der Kuomintang in die USA, 1977 Master of Laws (LL.M.) an der New York University, 1981 Doctor of Juridical Science (SJD) an der Harvard University3. Das Thema seiner Dissertation waren die Meeresbodengrenzen im Ostchinesischen Meer und die Streitfragen ausländischer Investitionen rund um die Diaoyutai-Inseln – das war zugleich eine Fortsetzung seiner Teilnahme an der Baodiao-Bewegung (Bewegung zur Verteidigung der Diaoyutai-Inseln) während seines Auslandsstudiums und legte den Grundstein für seine später kompromisslose Haltung in der Diaoyutai-Frage.
1981 kehrte er nach Taiwan zurück und wurde auf Empfehlung von Chien Fu (錢復) ins Präsidialamt geholt, um dort Chiang Ching-kuos Englischübersetzer zu werden35. Diese Position war im Taiwan der 1980er-Jahre ein Einstiegsticket für die politische Elite. Nach Chiang Ching-kuos Tod 1988 übernahm Lee Teng-hui die Nachfolge, und Ma Ying-jeou wechselte als Vorsitzender in die Forschungs-, Entwicklungs- und Evaluierungskommission des Exekutiv-Yuan. Dort wurde ihm der Auftrag erteilt, die „Arbeitsgruppe des Exekutiv-Yuan für Festlandangelegenheiten“ aufzubauen und als deren Exekutivsekretär zu fungieren; anschließend trieb er die Ausarbeitung des „Gesetzes über die Beziehungen zwischen der Bevölkerung im Gebiet Taiwan und im Festlandgebiet“ voran und gründete den Festlandangelegenheitenrat (MAC) sowie die Stiftung für den Austausch über die Meerenge (SEF)5. Das konzeptionelle Fundament seines späteren Kurses in den Beziehungen über die Taiwanstraße wurde bereits in dieser Zeit gelegt.
Am 27. Februar 1993 übernahm Ma Ying-jeou das Amt des Justizministers6. Während seiner Amtszeit trieb er mit Nachdruck eine Anti-Bandenkriminalitäts-Kampagne voran und bekämpfte mit der Haltung einer „Kriegserklärung an die Unterwelt“ organisiertes Verbrechen und Schwarzgeldpolitik; die Medien positionierten ihn als integren, mutigen Reformer. Der Ausdruck „Teflon-Pfanne“ (不沾鍋, wörtlich „die nicht anhaftende Pfanne“) heftete sich ihm danach wie ein Schatten an7. Der Begriff war zunächst ein Kompliment (gemeint war, dass an ihm kein Staub der politischen Ämterpatronage haften blieb), später änderte sich der Kontext, und er bekam eine negative Bedeutung (gemeint war, dass er Verantwortung auswich und sich weigerte, politische Entscheidungen zu treffen). Derselbe Begriff, zwei Bedeutungen.
📝 Kuratorische Anmerkung
Die gängige Erklärung lautet, „Teflon-Pfanne“ sei eine Charakterfrage. Betrachtet man aber den Weg von 1993 bis 2007 genauer (Übersetzer für Chiang Ching-kuo, Exekutivsekretär für Festlandangelegenheiten, Vorsitzender der Forschungs-, Entwicklungs- und Evaluierungskommission, Justizminister, Bürgermeister von Taipeh), dann war jede dieser Positionen eine mit hoher Sichtbarkeit, hohem Ansehen und geringer tatsächlicher Verantwortung. „Teflon-Pfanne“ könnte eher eine aktiv gewählte Karrierestrategie gewesen sein als ein passives Charaktermerkmal. Als er 2008 Präsident werden und echte politische Entscheidungen treffen musste, wurde dieser nie mit Staub in Berührung gekommene Weg ausgerechnet zur Last.
5,22 Prozentpunkte und eine Sonderzulagen-Affäre: 1998–2007, der politische Aufstieg
Am 5. Dezember 1998 fand die Neuwahl des Bürgermeisters von Taipeh statt. Ma Ying-jeou besiegte mit 51,13 % der Stimmen (766.377 Stimmen) den amtierenden Bürgermeister Chen Shui-bian, der 45,91 % erhielt – ein Vorsprung von nur 78.305 Stimmen, 5,22 Prozentpunkten8. Dieser knappe Sieg schrieb die Machtverteilung zwischen dem nicht-mainstream Flügel der Kuomintang (Benshengren-Flügel) und dem Mainstream-Flügel (Waishengren-Flügel) in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre neu und machte Ma Ying-jeou zum nächsten startklaren Kandidaten der Kuomintang, nachdem sie sich von Lee Teng-huis Kurs getrennt hatte.
2002 wurde er mit 64,11 % der Stimmen als Bürgermeister von Taipeh wiedergewählt9 – bis heute der Rekord für die höchste Stimmenquote bei einer Bürgermeisterwahl in Taipeh. Während seiner Amtszeit setzte er die gebührenpflichtige Müllsack-Regelung konsequent durch. Diese Erfolge waren in der Mitte der 2000er-Jahre in Taipeh etwas, worüber sich die Mittelschicht einig war, wenn sie darüber sprach.
Im Juli 2005 besiegte Ma Ying-jeou mit 72,36 % der Stimmen Wang Jin-pyng und wurde Vorsitzender der Kuomintang10. Die Ära Lien Chan ging damit offiziell zu Ende. Doch die Verstimmung, die dieser innerparteiliche Wettbewerb zwischen Ma Ying-jeou und Wang Jin-pyng hinterließ, sollte acht Jahre später, in einem September, zum dramatischsten politischen Showdown der taiwanesischen Politikgeschichte werden.
Der 13. Februar 2007 ist eine Szene, die sich nur mit den drei Worten „am selben Tag“ beschreiben lässt: Am Vormittag erhob die Staatsanwaltschaft Taipeh gemäß dem Gesetz zur Bestrafung von Korruption Anklage gegen Ma Ying-jeou wegen der Sonderzulagen-Affäre; am Nachmittag hielt Ma Ying-jeou eine Pressekonferenz ab und kündigte seinen Rücktritt als Kuomintang-Vorsitzender sowie seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2008 an11. Am Vormittag angeklagt, am Nachmittag die Kandidatur für das höchste politische Amt verkündet – das ist eine Art Musterbeispiel dafür, wie Juristen in die Politik gehen. Ma Ying-jeous Verteidigungsstrategie war die sogenannte „Stausee-Theorie“: Öffentliche und private Konten seien vermischt, Geld sei aufgrund seiner Fungibilität austauschbar, und solange Zu- und Abflüsse in der Gesamtsumme ausgeglichen seien, liege keine Straftat vor. Am 14. August sprach ihn das Bezirksgericht Taipeh in erster Instanz frei. Am 28. Dezember bestätigte das Obergericht in zweiter Instanz den Freispruch.
💡 Wussten Sie schon? Ma Ying-jeou wurde in seinem Leben insgesamt dreimal angeklagt: 2007 die Sonderzulagen-Affäre, 2014 der Fall der Geheimnisverletzung durch Huang Shih-ming, 2017 der „Drei-Zhong“-Fall. In allen drei Fällen erging bis heute ein Freispruch. Am 31. Dezember 2025 entschied das Obergericht im „Drei-Zhong“-Fall in zweiter Instanz: Ma Ying-jeou, Chang Che-chen und Wang Hai-ching wurden freigesprochen, die Oberstaatsanwaltschaft erwägt Berufung; Tsai Cheng-yuan wurde wegen Veruntreuung im Amt zu 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt12. Die Erfolgsquote eines Juristen auf dem juristischen Schlachtfeld und seine Erfolgsquote auf dem politischen Schlachtfeld sind zwei vollkommen verschiedene Dinge.
Im Juli jenes Jahres startete Ma Ying-jeou die Wahlkampfstrategie „Taiwan schreitet voran – Long-Stay-Programm“, deren erste Station ein 18-tägiger Aufenthalt in Zentraltaiwan war13. Diese Strategie wurde später von Analysten oft als einer der Schlüssel dafür angesehen, dass er bei der Wahl 2008 mit 2.000.000 Stimmen Vorsprung gewinnen konnte: Ein Waishengren der zweiten Generation aus Taipeh, der nie im Süden oder in der Mitte Taiwans gelebt hatte, zog von Ort zu Ort und wohnte bei einheimischen Familien. Doch bevor diese Strategie zu der schärfsten Kritik führte, die er acht Jahre später hinterlassen sollte, verhalf sie ihm zunächst auf den Präsidentenstuhl.
Der Raum nach dem Finanz-Tsunami: Wie 22K zur Gehaltsobergrenze wurde
Am 22. März 2008 besiegten Ma Ying-jeou und Vincent Siew mit 7.659.014 Stimmen (58,45 %) das Duo Frank Hsieh und Su Tseng-chang mit 5.444.949 Stimmen (41,55 %)14. Es war der Präsidentschaftswahlsieg mit der höchsten Stimmenquote seit der Demokratisierung Taiwans, mit einem Vorsprung von über 2.000.000 Stimmen. Die Erwartung der Wählerschaft war klar: politische Streitfragen ruhen lassen, die Wirtschaft ankurbeln, die Beziehungen über die Taiwanstraße verbessern.
In seiner Antrittsrede am 20. Mai 2008 stellte Ma Ying-jeou den Rahmen „weder Vereinigung, noch Unabhängigkeit, noch Gewalt“ für die Beziehungen über die Taiwanstraße vor und versprach, die Gespräche zwischen beiden Seiten auf Grundlage des „92er Konsens“ wiederaufzunehmen. Der am häufigsten zitierte Satz aus dem Originaltext lautet: „Ying-jeou ist fest davon überzeugt, dass der Schlüssel zur endgültigen Lösung der Frage zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße nicht im Souveränitätsstreit liegt, sondern in der Lebensweise und den Grundwerten.“15
Doch was er übernahm, war mehr als nur ein Versprechen. Im September 2008 brach Lehman Brothers zusammen, und der globale Finanz-Tsunami erreichte Taiwan. Das „633-Wahlversprechen“, mit dem Ma Ying-jeou 2008 im Wahlkampf angetreten war (durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 6 %, Arbeitslosigkeit unter 3 %, Pro-Kopf-Einkommen von 30.000 US-Dollar bis 2016), musste er bereits im September in einem Interview mit mexikanischen Medien als wegen der Finanzkrise kurzfristig nicht einlösbar eingestehen16. Am Ende seiner Amtszeit lag das durchschnittliche Wirtschaftswachstum bei etwa 2,81 % bis 3,0 %, die Arbeitslosigkeit bei etwa 4 %, und das Pro-Kopf-Einkommen erreichte die 30.000 US-Dollar nicht.
Im April 2009 brachte der Exekutiv-Yuan unter dem Druck der Finanzkrise das „Programm für Hochschulabsolventen zum Berufseinstieg in Unternehmen“ auf den Weg, gemeinhin bekannt als 22K. Der Staat bezuschusste Unternehmen, die Hochschulabsolventen einstellten, mit einem monatlichen Grundgehalt von NT$22.000 zuzüglich NT$4.190 für Arbeiter- und Krankenversicherung pro Person17. Die ursprüngliche Absicht war, den Druck auf dem Arbeitsmarkt zu lindern. Das tatsächliche Ergebnis war, dass das monatliche Einkommen der 20- bis 24-jährigen Beschäftigten von NT$23.351 im Jahr 2008 auf NT$21.685 im Jahr 2009 fiel, ein Rückgang von 7 %. Das Programm lief in zwei Phasen über 2 Jahre und 5 Monate (April 2009 bis September 2011); die zugrunde liegende Regelung wurde erst am 3. Juni 2013 offiziell aufgehoben.
Wie tief der Zusammenhang zwischen 22K und Ma Ying-jeous persönlichen Entscheidungen tatsächlich ist, ist in der taiwanesischen Wirtschaftswissenschaft bis heute umstritten.
⚠️ Kontroverse Sichtweise
Die „Verursacher“-Fraktion (DPP, Arbeiterbewegung, Teile der Wissenschaft): Der staatliche Zuschussbetrag wurde direkt zu einem „Preisanker“. Unternehmen zahlten genau NT$22.000 aus, ohne aufzustocken. Zwischen 2008 und 2009, während der Einführungsphase des Programms, fielen die Löhne der 20- bis 24-Jährigen um 7 %. Dass die taiwanesischen Reallöhne das gesamte Jahrzehnt der 2010er über praktisch auf der Stelle traten, bedarf dieser Zahl zufolge keiner weiteren Deutung.
Die „Symptom“-Fraktion (Kuomintang, Teile der Wirtschaftswissenschaft, die National Policy Foundation): 22K sei eine befristete Nothilfe nach der Finanzkrise 2008 gewesen; dass die Löhne in jener Zeit sanken, sei ohnehin ein allgemeines Phänomen gewesen18. In dieser Fraktion heißt es oft, der strukturelle Lohnrückgang sei das Ergebnis von Globalisierung, der Sogwirkung Chinas und der Abwanderung von Industrien insgesamt – es sei unfair, ihn einer einzelnen Politik direkt zuzuschreiben.
Doch selbst wenn die „Symptom“-Fraktion strukturelle Faktoren einräumt, bleibt unbestritten, dass 22K zu einem Symbol einer ganzen Generation wurde. Damalige Hochschulabsolventen machten 22K auf PTT und in Blogs zum Codewort für eine geopferte Generation. Dieser Eindruck hielt länger an als die tatsächliche Laufzeit des 22K-Programms selbst und wurde später zu einem der Schlüsselfaktoren bei der Herausbildung des politischen Bewusstseins der jungen Generation Taiwans zwischen 2014 und 2020.
Im August jenes Jahres kam Taifun Morakot. Die Flutkatastrophe vom 8. August forderte 681 Todesopfer und 18 Vermisste19. Das Dorf Xiaolin wurde ausgelöscht, 474 Menschen wurden lebendig unter Erdmassen begraben. Der Regierung Ma wurde eine zu langsame Reaktion bei der Katastrophenhilfe vorgeworfen, und das Kabinett von Liu Chao-shiuan trat Anfang September desselben Jahres geschlossen zurück. Es war die erste große Krise von Ma Ying-jeous Regierungszeit und zugleich eine der Perioden, in denen der Ausdruck „Teflon-Pfanne“ eine negative Bedeutung zu bekommen begann.
ECFA – Ein Abkommen, zwei Rechnungen: 2010–2013
Am 29. Juni 2010 unterzeichneten SEF-Vorsitzender Chiang Pin-kung (江丙坤) und ARATS-Vorsitzender Chen Yunlin (陳雲林) in Chongqing das Rahmenabkommen für wirtschaftliche Zusammenarbeit über die Taiwanstraße (ECFA)20. Dies war die zentrale Errungenschaft von Ma Ying-jeous Kurs in den Beziehungen über die Taiwanstraße. Auf der „Frühernte-Liste“ senkte das chinesische Festland vorrangig die Zölle für 539 taiwanesische Warenkategorien, während Taiwan im Gegenzug 18 chinesischen Agrarprodukten Zollvergünstigungen gewährte. Am 1. Januar 2013 sanken die Zölle für alle betroffenen Produkte auf null.
Vor der Unterzeichnung des ECFA, am Nachmittag des 25. April 2010, führten Ma Ying-jeou und die DPP-Vorsitzende Tsai Ing-wen eine Fernsehdebatte über das ECFA21. Es war das erste Mal, dass ein Präsident der Republik China eine politische Debatte mit dem Vorsitzenden einer Oppositionspartei führte. Ma Ying-jeous Argument war, dass das ECFA verhindern würde, dass taiwanesische Produkte auf dem chinesischen Markt im Wettbewerb mit der ASEAN-plus-eins-Gruppe ins Abseits gerieten; Tsai Ing-wens Argument war, dass das ECFA die taiwanesische Wirtschaftsstruktur übermäßig von China abhängig machen und die Arbeiter bestimmter Branchen (traditionelle Fertigungsindustrie und Landwirtschaft) opfern würde. Zehn Jahre später betrachtet, hatten beide Seiten dieser Debatte teilweise recht.
Der tatsächliche wirtschaftliche Nutzen des ECFA wird bis heute anhand zweier unterschiedlicher Rechnungen betrachtet. Die erste Rechnung ist die offizielle Prognose des GTAP-Modells des Taiwan Institute of Economic Research: ein geschätzter Anstieg des BIP um 1,65 % bis 1,72 %20. Die zweite Rechnung betrifft die Verteilung der Vorteile: Von der Frühernte-Liste profitierten vor allem große Unternehmen der traditionellen Fertigungsindustrie, während kleine und mittlere Unternehmen sowie der Dienstleistungssektor von der Dividende nichts spürten; im selben Zeitraum stieg Taiwans Handelsabhängigkeit von China kontinuierlich weiter, ohne bis zum Ausbruch der Sonnenblumenbewegung wieder zu sinken.
📝 Kuratorische Anmerkung
Das ECFA ist ein klassisches Beispiel für „Gesamtwirtschaft versus Verteilung“. Aus Sicht der Makroökonomen ließ das Abkommen Taiwans BIP um 1,65 % steigen; aus Sicht der Fabrikarbeiter und Bauern hat diese Zahl nichts mit ihrem Lohn zu tun. Die Wirtschaftspolitik der Ära Ma Ying-jeou in den Beziehungen über die Taiwanstraße war statistisch gesehen ein Erfolg – aber das, was die Statistik nicht verrät, sollte am Abend des 18. März 2014 um 21:20 Uhr ans Licht kommen. In jener Nacht stürmten Hunderte Studierende in den Plenarsaal des Legislativ-Yuan.
Die Präsidentenresidenz in der Taifunnacht und die 9,2 % von ERA News: die Wang-Jin-pyng-Affäre 2013
Am 14. Januar 2012 besiegte Ma Ying-jeou mit 6.891.139 Stimmen (51,60 %) das Duo Tsai Ing-wen und Su Chia-chyuan mit 6.093.578 Stimmen (45,6 %) und wurde als dreizehnter Präsident wiedergewählt22.
Die zweite Amtszeit brach schon zu Beginn ein. Im April 2012 wurden die Treibstoffpreise auf einen Schlag um fast 10 % angehoben, im Mai folgten die Strompreise mit einer ebenso deutlichen Erhöhung. An der Großdemonstration „519 gegen Ma“ beteiligten sich nach Polizeischätzung 55.000 Menschen23. Nur vier Monate nach seiner Wiederwahl hatte sich die öffentliche Meinung bereits gegen Ma Ying-jeou gewendet.
In der Nacht des Taifuns Kong-rey, am 31. August 2013, betrat Generalstaatsanwalt Huang Shih-ming (黃世銘) die Präsidentenresidenz, um Ma Ying-jeou Bericht zu erstatten. Der Bericht betraf den Verdacht, dass der Präsident des Legislativ-Yuan, Wang Jin-pyng, sich für den DPP-Abgeordneten Ker Chien-ming (柯建銘) in einem Gerichtsverfahren eingesetzt habe; die Sonderermittlungsabteilung hatte entsprechende Telefongespräche abgehört. Noch in derselben Nacht, zwischen 23 und 24 Uhr, rief Ma Ying-jeou bei Huang Shih-ming an, um Rückfragen zu stellen. Am 1. September erstattete Huang ein zweites Mal in der Residenz Bericht. Am 4. September riet Ma Ying-jeou Huang Shih-ming, auch dem Vorsitzenden des Exekutiv-Yuan, Jiang Yi-hua (江宜樺), Bericht zu erstatten. Am 6. September veröffentlichte die Sonderermittlungsabteilung auf einer Pressekonferenz die Abschriften der abgehörten Gespräche.
Am 8. September hielt Ma Ying-jeou eine Pressekonferenz ab, an seiner Seite Vizepräsident Wu Den-yih (吳敦義) und der Vorsitzende des Exekutiv-Yuan, Jiang Yi-hua. Die Worte, die er dort sprach, wurden von den anwesenden Journalisten festgehalten und gingen in die Geschichte ein24:
„Wenn Menschen mit Macht die Justiz durch Einflussnahme beeinflussen können, wie soll der einfache Bürger dann erwarten können, dass die Justiz für Fairness und Gerechtigkeit sorgt?“ „Dies ist der schwerste Eingriff in die richterliche Unabhängigkeit und zugleich der beschämendste Tag in der Entwicklung von Taiwans demokratischer Rechtsstaatlichkeit.“
Am 11. September entzog der Disziplinarausschuss der Kuomintang Wang Jin-pyng die Parteimitgliedschaft. Am 13. September gewährte das Bezirksgericht Taipeh Wang Jin-pyng gegen eine Sicherheitsleistung von NT$9.380.000 eine einstweilige Verfügung, die ihm seine Parteimitgliedschaft vorläufig erhielt. Ma Ying-jeou gewann die moralische Oberhand, verlor aber an politischer Zustimmung und an Geschlossenheit innerhalb der eigenen Partei.
Am 15. September 2013 veröffentlichte eine Umfrage von ERA News eine Zustimmungsrate für Ma Ying-jeous Amtsführung von 9,2 % und eine Ablehnungsrate von 80,5 %25. Dies ist einer der niedrigsten je gemessenen Werte für einen amtierenden Präsidenten seit der Demokratisierung Taiwans. Eine zeitgleiche Umfrage von TVBS kam auf 11 %. (In den vergangenen zehn Jahren haben viele Medien diese 9,2 % fälschlicherweise TVBS zugeschrieben; die korrekte Quelle ist die Umfrage von ERA News vom 15. September jenes Jahres.)
📝 Kuratorische Anmerkung
Die gängige Erklärung lautet, die „September-Krise“ beweise, dass es Ma Ying-jeou an politischem Urteilsvermögen mangele. Eine treffendere Beschreibung wäre womöglich: Ma Ying-jeou hat einen politischen Kampf mit einer durch und durch juristischen Logik geführt. Aus juristischer Sicht war der Verdacht der Einflussnahme gegen Wang Jin-pyng durch Abhöraufnahmen belegt, und der Entzug der Parteimitgliedschaft gemäß Parteistatut war verfahrensrechtlich korrekt. Aus politischer Sicht bestand der Preis dieses Kampfes darin, die Zusammenarbeit mit dem Parlamentspräsidenten, den Zusammenhalt der eigenen Partei und die Unterstützung der öffentlichen Meinung zu verlieren. Die Grenze eines Juristen in der Politik liegt nicht darin, dass er nicht klug genug wäre, sondern darin, dass Verfahrensgerechtigkeit und politische Realität zwei unterschiedliche Dimensionen sind.
Die 150 Verletzten vor dem Sonnenblumen-Plenarsaal und vor dem Exekutiv-Yuan: die Explosion der Zivilgesellschaft 2014

Menschenansammlung vor dem Legislativ-Yuan während der Sonnenblumenbewegung am 18. März 2014. Die 318er Sonnenblumenbewegung begann am Abend des 18. März um 21:20 Uhr, als Studierende in den Plenarsaal stürmten, und endete am 10. April mit dem Rückzug – insgesamt 24 Tage Besetzung des Legislativ-Yuan. Foto: Voice of America. Lizenz via Wikimedia Commons (Public Domain, Werk der US-Regierung/VOA)
Am Nachmittag des 17. März 2014 erklärte der Kuomintang-Abgeordnete Chang Ching-chung, Vorsitzender des Innenausschusses des Legislativ-Yuan, innerhalb von 30 Sekunden die Ausschussprüfung des Dienstleistungshandelsabkommens für abgeschlossen26. Am Abend des 18. März, um 21:20 Uhr, stürmten rund 300 Studierende in den Plenarsaal des Legislativ-Yuan. Am 30. März schätzten die Veranstalter des Protestmarsches gegen das Dienstleistungshandelsabkommen auf dem Ketagalan-Boulevard die Teilnehmerzahl auf 500.000, die Polizei auf 116.000. Am 10. April zogen sich die Studierenden zurück. Das Dienstleistungshandelsabkommen ist bis heute nicht endgültig verabschiedet.
Dazwischen liegt jene eine Nacht, der 23. März. An jenem Abend um 19:35 Uhr versuchten Hunderte Studierende, den Exekutiv-Yuan zu besetzen. In den frühen Morgenstunden des 24. März meldete der Chef der Nationalen Polizeibehörde, Wang Cho-chun (王卓鈞), dem Vorsitzenden des Exekutiv-Yuan, Jiang Yi-hua, dass Aufforderungen zum Verlassen des Gebäudes wirkungslos geblieben seien; Jiang Yi-hua ordnete daraufhin die rechtmäßige Räumung an. Ab Mitternacht führte die Polizei mehrere Wellen gewaltsamer Räumungen durch und setzte dabei Wasserwerfer und Schlagstöcke ein. Um 5:30 Uhr morgens war die vollständige Räumung abgeschlossen; sowohl auf Seiten der Protestierenden als auch der Polizei gab es Verletzte und Blutvergießen27. Der Kontroll-Yuan kam nach neunjähriger Untersuchung (Bericht veröffentlicht 2023) zu dem Schluss, dass „die Polizeibehörden die Räumung mit einem das Verhältnismäßigkeitsprinzip überschreitenden Gewalteinsatz durchgeführt haben“, und rügte den Exekutiv-Yuan, das Innenministerium, die Nationale Polizeibehörde, die Polizei der Stadt Taipeh sowie die Staatsanwaltschaft Taipeh.
Jiang Yi-hua beharrte im Nachhinein28: „Ich bereue es nicht nur nicht, ich glaube sogar, dass ich nie wieder eine Entscheidung getroffen habe, die richtiger gewesen wäre als diese (die Räumung).“ Die Vorwürfe versuchten Totschlags bezeichnete er als „eine Verdrehung der Tatsachen, eine grundlose, böswillige Verleumdung und einen Missbrauch des Anzeigerechts“. Ma Ying-jeou und Jiang Yi-hua wurden in der Folge wegen versuchten Totschlags angeklagt; am 15. September 2020 wurden sie in einer erneuten zweiten Instanz freigesprochen.
Lin Fei-fan, einer der Anführer jener Bewegung, sagte zehn Jahre später, im Rückblick 2024, Folgendes29: „(Die Sonnenblumenbewegung hat uns allen gezeigt:) Über Taiwans Schicksal entscheiden wir selbst. Weil wir das Dienstleistungshandelsabkommen aufgehalten haben, konnte die Regierung Ma kein Warenhandelsabkommen abschließen, keinen militärischen Vertrauensbildungsmechanismus vereinbaren und keine politischen Verhandlungen mit der Gegenseite führen – das ist unsere Errungenschaft, das ist das Ergebnis, das wir geschaffen haben.“
Ma Ying-jeou selbst äußerte sich vier Jahre später, im Vorwort seiner im Dezember 2018 veröffentlichten Acht-Jahre-Präsidentschaft-Memoiren, folgendermaßen über die Sonnenblumenbewegung30: „Diese Schuldigen, die Taiwan zum Stillstand gebracht haben!“ Er bezeichnete es als das, was ihn am meisten schmerze und bedauere, dass das Dienstleistungshandelsabkommen bis heute auf Eis liege – ein tiefer Schaden für das Land mit weitreichenden Folgen.
Dieselbe Bewegung, zwei völlig entgegengesetzte historische Einordnungen. Zehn Jahre sind vergangen, keine der beiden Seiten hat nachgegeben.
📝 Kuratorische Anmerkung
Die Geschichte der Sonnenblumenbewegung wäre zu dünn erzählt, würde man nur schreiben: „Studierende besetzten den Plenarsaal, die Regierung Ma räumte mit Wasserwerfern, es kam zum Regierungswechsel.“ Was diese Bewegung wirklich zu einem Wendepunkt der taiwanesischen Zivilgesellschaft machte, ist das, was danach kam: Die Sonnenblumen-Generation trug Tsai Ing-wen 2016 zu 6.890.000 Stimmen, 2020 zu 8.170.000 Stimmen und 2024 Lai Ching-te zu 5.580.000 Stimmen. Als Ma Ying-jeou 2018 von den „Schuldigen, die Taiwan zum Stillstand gebracht haben“ schrieb, waren jene damals 21-jährigen Studierenden bereits 25 und stimmten gerade über den nächsten Präsidenten ab. Alle Widersprüche seiner achtjährigen Präsidentschaft wurden am Ende zur Wählerstruktur der folgenden drei Präsidentschaftswahlen.
Am 14. März 2014 sagte Ma Ying-jeou bei einem Empfang für Funktionäre des Lions Clubs, Hirschgeweih in Samt sei „die Behaarung im Innern des Hirschohrs“31. Dieser Versprecher brachte, zusammen mit den zeitgleich kursierenden Memes „Ist A-gei ein Personenname?“ und dem „Todesgriff“, Ma Ying-jeous Image bei der jungen Generation vollends zum Einsturz. Neun Monate später, bei den Kommunalwahlen am 29. November 2014 (den „9-in-1“-Wahlen), erlitt die Kuomintang eine schwere Niederlage: 14 Landkreise und Städte gingen an das grüne, nur 8 an das blaue Lager. In Taipeh gewann Ko Wen-je mit 853.983 Stimmen (57,16 %) gegen Sean Lien (連勝文) mit 609.932 Stimmen (40,82 %)32. Am 3. Dezember trat Ma Ying-jeou als Vorsitzender der Kuomintang zurück.
Bis zu seinem Ausscheiden als Präsident blieb ihm noch anderthalb Jahre.
Von 80 Sekunden zu 16 Sekunden: die beiden Ma-Xi-Treffen und die beiden Erzählungen nach dem Amtsende
Am 7. November 2015 war Ma Ying-jeou bereits ein „lahme Ente“-Präsident. Die Kuomintang hatte bei den Kommunalwahlen des Vorjahres so schwer verloren, dass ihr nur noch die Kernanhängerschaft blieb, und Chu Li-luan (朱立倫), der Kandidat der Partei für die Wahl 2016, hatte nach der Übernahme des Parteivorsitzes bewusst Abstand zu Mas Kurs gehalten. Zu diesem Zeitpunkt flog Ma Ying-jeou nach Singapur ins Shangri-La-Hotel, um Xi Jinping die Hand zu schütteln.
Beide Seiten sprachen sich bewusst nur mit „Herr“ an, um offizielle Amtstitel zu vermeiden. Ma Ying-jeous fünf Kernpunkte in seiner Eröffnungsrede lauteten33: „Den ‚92er Konsens' festigen und den friedlichen Status quo bewahren … Der Konsens, den beide Seiten der Taiwanstraße im November 1992 zum ‚Ein-China'-Prinzip erzielt haben, wird kurz ‚92er Konsens' genannt. Der 92er Konsens ist die gemeinsame politische Grundlage für die friedliche Entwicklung beider Seiten … Die Menschen auf beiden Seiten der Taiwanstraße gehören derselben chinesischen Nation an, sind allesamt Nachkommen von Yan und Huang, sollten einander unterstützen und zusammenarbeiten und sich für die Wiederbelebung Chinas einsetzen.“
Anhänger sahen darin das erste Treffen der höchsten Führungsfiguren beider Seiten der Taiwanstraße seit 1949 und einen historischen Durchbruch beim Abbau der gegenseitigen Feindseligkeit. Die Britannica schreibt im Ma-Ying-jeou-Eintrag34 (aus dem Englischen übersetzt): „Die US-Regierung war mit Ma als Präsident tatsächlich sehr zufrieden, vor allem weil er die Spannungen in der Taiwanstraße verringerte, indem er freundschaftliche Beziehungen zu Peking pflegte, anstatt dessen Führung zu provozieren. Dadurch verlor die Taiwanstraße ihren früheren Status als einer der gefährlichsten Krisenherde der Welt.“
Gegner sahen darin ein Nachgeben in der Frage der Eigenständigkeit: Die gegenseitige Anrede mit „Herr“ unter Vermeidung des Titels „Präsident der Republik China“ komme einer stillschweigenden Herabstufung gleich, und die Formulierung „die Menschen auf beiden Seiten der Taiwanstraße gehören derselben chinesischen Nation an, sind allesamt Nachkommen von Yan und Huang“ greife Xi Jinpings „Ein-China“-Formulierung auf. Nach der Anti-Auslieferungsgesetz-Bewegung in Hongkong 2019 führte die Sichtweise, „die wirtschaftliche Integration über die Taiwanstraße könnte ein Testlauf für eine Hongkongisierung sein“, dazu, dass mehr Menschen dieses Foto vom 7. November 2015 neu interpretierten.
Am 20. Mai 2016 schied Ma Ying-jeou aus dem Amt und übergab an Tsai Ing-wen. Da er mit dem Ende seiner Amtszeit die strafrechtliche Immunität verlor, nahm die Staatsanwaltschaft Taipeh noch am selben Tag die Ermittlungen in 24 Strafverfahren wieder auf, darunter der Fall der Geheimnisverletzung durch Huang Shih-ming35.
Am 27. Juli 2018 wurde die „Ma-Ying-jeou-Stiftung“ im Ambassador Hotel in Taipeh gegründet. Frühere Kuomintang-Vorsitzende wie Vincent Siew und Lien Chan nahmen teil. Die Stiftung betreibt das Jugendlager „Dajiu-Akademie“ sowie den Jugendaustausch über die Taiwanstraße.
Vom 27. März bis 7. April 2023 unternahm Ma Ying-jeou seine erste, zwölftägige Reise nach China – als erster ehemaliger Präsident, der seit 1949 China besuchte. Am 28. März hinterließ er am Sun-Yat-sen-Mausoleum in Nanjing eine Inschrift mit den acht Schriftzeichen „和平奮鬥 振興中華“ („Für den Frieden kämpfen, China wiederbeleben“)36. Der von chinesischer Seite vorbereitete Kranz bezeichnete ihn als „ehemaligen Vorsitzenden der Kuomintang“; Ma Ying-jeou selbst bezeichnete sich als „ehemaligen Präsidenten“. Während der gesamten Reise erwähnte er mehrfach, dass „beide Seiten der Taiwanstraße derselben chinesischen Nation angehören“.
Vom 1. bis 11. April 2024 reiste Ma Ying-jeou ein zweites Mal nach China. Am 4. April nahm er im Kreis Huangling in der Provinz Shaanxi persönlich an der Opferzeremonie am Grab des Gelben Kaisers teil (das erste Mal, dass er persönlich anwesend war, nachdem er zuvor sechsmal aus der Ferne von Taipeh aus seine Ehrerbietung erwiesen hatte) und legte gemeinsam mit dem chinesischen Vertreter Song Tao Blumen nieder. Beim Verlesen des Opfertextes stockte ihm zweimal die Stimme37.
Am 10. April um 16 Uhr fand im Osthallensaal der Großen Halle des Volkes in Peking das zweite Ma-Xi-Treffen statt. Das Gespräch dauerte etwa eine Stunde. In seiner Rede versprach sich Ma Ying-jeou und sagte statt „chinesische Nation“ „Republik China“, korrigierte sich aber sofort. Er zitierte den bekannten Ausspruch von Lu Xun (魯迅): „Nach allen Wirren sind die Brüder noch da; ein Lächeln bei der Begegnung, und aller Groll ist vergessen.“ Im Anschluss gab Wang Huning im Staatsgästehaus Diaoyutai ein Abschiedsbankett, bei dem Xi Jinping zu Ma Ying-jeou sagte: „Ich freue mich, wenn Sie künftig öfter kommen.“38
Der Händedruck im Shangri-La-Hotel in Singapur hatte 1 Minute 20 Sekunden gedauert39. Dieser in der Großen Halle des Volkes in Peking dauerte 16 Sekunden38.
Über diese China-Reise und den gesamten Kurs nach dem Amtsende ist sich die taiwanesische Gesellschaft weiterhin uneins:
⚠️ Kontroverse Sichtweise
Die „Kommunikationskanal“-Fraktion: Die offizielle Kommunikation zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße ist seit Tsai Ing-wens Amtsantritt 2016 zum Erliegen gekommen. Die „Dajiu-Akademie“ der Ma-Ying-jeou-Stiftung und der Jugendaustausch gehören zu den letzten verbliebenen zivilgesellschaftlichen Brücken. Dass das zweite Ma-Xi-Treffen 2024 zeitlich rund um Lai Ching-tes Amtsantritt gelegt wurde (10. April, Lai trat am 20. Mai sein Amt an), habe den Zweck gehabt, Peking ein „Fenster“ zu bieten – so die Darstellung der Befürworter.
Die „Verkauf Taiwans“-Fraktion: Die DPP wirft Ma Ying-jeou vor, seine Aussagen seien „deckungsgleich mit der Rhetorik der Kommunistischen Partei Chinas“ und „ein vollständiger Verrat am gesamten demokratischen Volk Taiwans“40. Bereits bei seiner ersten China-Reise 2023 führte Chen Chun-han (陳峻涵) von der Bewegung „Taiwan-Nation“ eine Protestgruppe zum Flughafen Taoyuan.
Am 21. Mai 2026 gaben Ma Ying-jeous Ehefrau Chow Mei-ching (周美青) und seine ältere Schwester Ma Yi-nan (馬以南) nacheinander Erklärungen ab, in denen sie sich wünschten, dass Ma Ying-jeou wirklich in den Ruhestand gehe und die Angelegenheiten der Stiftung dem Vorstand übergebe; Ma Yi-nan beauftragte einen Anwalt, beim Gericht einen Antrag auf eine gerichtliche Unterstützungserklärung zu stellen (nicht auf eine Entmündigung – beide haben unterschiedliche Rechtswirkungen)41.
Am folgenden Tag, dem 22. Mai, antwortete Ma Ying-jeou persönlich in einem Video, mit einem eigenhändig unterschriebenen Manuskript. Er hielt das Manuskript vor die Kamera und sagte: „Anwalt, damit ist doch bewiesen, dass ich nicht dement bin, oder?“ Über seine ältere Schwester sagte er: „Ich wohne weiter von meiner großen Schwester entfernt, wir wohnen im Bezirk Wenshan, sie wohnt im Bezirk Neihu, wir sehen uns höchstens einmal im Monat, wir stehen uns also gar nicht so nahe.“ Über die Stiftung sagte er: „Diese Korruptionsverbrecher sollen bloß nicht versuchen, diesen Vorwand zu benutzen, zu behaupten, ich sei dement, und dann irgendetwas zu tun, was sie nicht tun sollten.“
Der Hintergrund des Vorfalls: Eine dreiköpfige Untersuchungsgruppe der Ma-Ying-jeou-Stiftung zum „Fall der Haushaltsdisziplin“ (Sprecher: Lee De-wei (李德維)) ermittelt derzeit gegen Hsiao Hsu-tsen (蕭旭岑, Geschäftsführer) und Wang Kuang-tzu (王光慈, zuvor in der Geschäftsführung). Lee De-wei erwiderte auf die Erklärung der Familie: „Die Untersuchung der dreiköpfigen Gruppe zu diesem Fall wird nicht innehalten, sie wird fortgesetzt … Dass sich die Familie von Ma Ying-jeou zu einer Erklärung veranlasst sieht, zeigt, dass an seiner Gesundheit tatsächlich Zweifel bestehen.“
Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt, und die taiwanesische Gesellschaft hat noch keinen Konsens gefunden.
Jene 80 Sekunden und jene 16 Sekunden, jener junge Mann, der 1981 nach Taipeh zurückkehrte
Am 10. April 2024, im Osthallensaal der Großen Halle des Volkes in Peking, versprach er sich und sagte statt „chinesische Nation“ „Republik China“, korrigierte sich aber sofort. Sechzehn Jahre zuvor hatte er in seiner Antrittsrede als zwölfter Präsident geschrieben: „Ying-jeou ist fest davon überzeugt, dass der Schlüssel zur endgültigen Lösung der Frage zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße nicht im Souveränitätsstreit liegt, sondern in der Lebensweise und den Grundwerten.“
Am 22. Mai 2026 hob er in einem Video die Hand vor der Kamera und sagte: „Anwalt, damit ist doch bewiesen, dass ich nicht dement bin, oder?“ Jener 31-jährige junge Mann, der 1981 mit einem SJD-Abschluss im Seerecht von Harvard nach Taipeh zurückkehrte und auf Empfehlung von Chien Fu ins Präsidialamt kam, um dort Englischübersetzer zu werden, ist von diesem Kameramoment inzwischen fünfundvierzig Jahre entfernt.
Der Händedruck im Shangri-La-Hotel in Singapur, jene 80 Sekunden, dauerte 1 Minute 20 Sekunden. Jener in der Großen Halle des Volkes in Peking dauerte 16 Sekunden. Ein und derselbe Mensch, zwei historische Momente – die taiwanesische Gesellschaft erinnert sich bis heute auf unterschiedliche Weise an ihn.
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Weiterführende Lektüre:
- Die Sonnenblumenbewegung — Die Besetzung des Plenarsaals vom 18. März bis 10. April 2014: wie aus einer Protestbewegung gegen das Dienstleistungshandelsabkommen ein Reiferitus der taiwanesischen Zivilgesellschaft wurde
- Tsai Ing-wen — seine Nachfolgerin im Amt, Gegnerin in der ECFA-Debatte 2010, Integrationsfigur des Oppositionslagers nach der Sonnenblumenbewegung
- Chen Shui-bian — sein Gegner im Bürgermeisterwahlkampf von Taipeh 1998, Anführer des Regierungswechsels von 2000
- Ma-Ying-jeou-Meme — Hirschgeweih, Bento-Boxen, die Fertighäuser der „Provence“, der „Todesgriff“: wie 19 Internet-Memes zur anderen Seite seines öffentlichen Images wurden
- Die Taiwankrisen und die Entwicklung der Beziehungen über die Taiwanstraße — die Stellung des Ma-Xi-Treffens und des ECFA im langen Bogen der Beziehungen über die Taiwanstraße
Bildquellen
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- Ma Ying-jeou und Xi Jinping beim Gespräch unter vier Augen am 7.11.2015 im Shangri-La-Hotel in Singapur (Flickr, Präsidialamt, Photo 22472046408) — Foto: Präsidialamt, 2015-11-07, CC BY 2.0
- Offizielles Porträt von Ma Ying-jeou zu seiner Amtseinführung als zwölfter Präsident 2008 (Wikimedia Commons, File:Ma_Ying-jeou_MOFA_Presidential_Portrait_2008.png) — Foto: Außenministerium der Republik China / Präsidialamt, 2008-05-29, Erklärung zu offenen Regierungsdaten (Attribution Only), Originalquelle siehe Jahrbuch des Außenministeriums
- Szene vor dem Legislativ-Yuan während der 318er Sonnenblumenbewegung (Wikimedia Commons, File:Sunflower_movement_legislative_yuan.jpg) — Foto: Voice of America, 2014-03, Public Domain (Werk der US-Bundesregierung)
Referenzen
- Yahoo:歷史回顧—2015 年馬習會 世紀之握 長達 80 秒 — Details zum 1 Minute 20 Sekunden langen Händedruck, gegenseitige Anrede mit „Herr“, Szenerie im Shangri-La-Hotel in Singapur. Ergänzt durch ETtoday 馬英九致詞全文 zur Bestätigung der Uhrzeit der Szene.↩
- 中央社:馬英九憶蔣經國 出身威權終結威權 — Ma Ying-jeou erinnert sich am 22.1.2022 daran, wie er als Chiang Ching-kuos englischer Sekretär die Verkündung der Aufhebung des Kriegsrechts Wort für Wort übersetzte.↩
- 維基百科:馬英九 — Vollständiger Lebenslauf, Ausbildung (1977 LL.M. an der NYU, 1981 SJD in Harvard), „1981 kehrte er auf Empfehlung von Chien Fu nach Taiwan zurück, um Englischübersetzer des damaligen Präsidenten Chiang Ching-kuo zu werden.“↩23
- 維基百科:馬鶴凌 — Lebenslauf von Ma Ying-jeous Vater; höchstes öffentliches Amt: Abteilungsleiter der Jugendberatungs- und -förderungskommission des Exekutiv-Yuan sowie stellvertretender Vorsitzender des Zentralen Disziplin- und Untersuchungsausschusses der Kuomintang und Mitglied des Zentralen Beirats; dokumentiert die Inschrift auf seiner Urne, „化獨漸統,全面振興中國“.↩
- 政府官職資料庫:馬英九政務官資歷 — Offizielle Ernennungsunterlagen: am 21.12.1981 (Minguo-Jahr 70) stellvertretender Büroleiter im Präsidialamt, am 20.7.1988 (Minguo-Jahr 77) Sonderernennung zum Vorsitzenden der Forschungs-, Entwicklungs- und Evaluierungskommission des Exekutiv-Yuan, am 30.5.1991 (Minguo-Jahr 80) Sonderernennung zum stellvertretenden Vorsitzenden des Festlandangelegenheitenrats des Exekutiv-Yuan.↩2
- 維基百科:馬英九 §法務部長任期 — War vom 27. Februar 1993 bis zum 9. Juni 1996 Justizminister; trieb in dieser Zeit die Bekämpfung des organisierten Verbrechens und die Zerschlagung von Schwarzgeldnetzwerken voran.↩
- 中時:「不沾鍋」綽號的演變 — Zitat: „‚Teflon-Pfanne' – dieser Ausdruck heftet sich wie ein Schatten an Ma Ying-jeou. Nach seiner eigenen Erklärung bleibt er an keinem schlechten, üblen, illegalen oder mit dem System unvereinbaren ‚Topf' haften.“↩
- 維基百科:1998 年中華民國直轄市市長暨市議員選舉 — Ma Ying-jeou 51,13 % der Stimmen (766.377 Stimmen), Chen Shui-bian 45,91 %, Wang Chien-hsien (王建煊) 2,97 %; Ma gewann nur mit 78.305 Stimmen bzw. 5,22 Prozentpunkten Vorsprung. Zum Wahlkampfkontext des „Wang aufgeben, Ma sichern“ siehe auch 遠見.↩
- 維基百科:馬英九 §2002 連任北市長 — Bei der Wiederwahl als Bürgermeister von Taipeh 2002 erreichte er 64,11 % der Stimmen, bis heute der Rekord für die höchste Stimmenquote bei einer Bürgermeisterwahl in Taipeh.↩
- 維基百科:馬英九 §國民黨主席 — Besiegte im Juli 2005 mit 72,36 % der Stimmen Wang Jin-pyng und wurde Vorsitzender der Kuomintang, womit er offiziell die Ära Lien Chan ablöste.↩
- 維基百科:台北市長馬英九特別費案 — Am 13.2.2007 am selben Tag angeklagt und Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2008 angekündigt; die „Stausee-Theorie“ als Verteidigung wurde vom Gericht akzeptiert; am 14.8. Freispruch des Bezirksgerichts in erster Instanz, am 28.12. Bestätigung des Freispruchs durch das Obergericht in zweiter Instanz.↩
- 遠見:三中案二審判決出爐 — Am 31. Dezember 2025 entschied das taiwanesische Obergericht im „Drei-Zhong“-Fall in zweiter Instanz: Ma Ying-jeou, Chang Che-chen und Wang Hai-ching wurden freigesprochen, Tsai Cheng-yuan wurde wegen Veruntreuung im Amt zu 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt, die Oberstaatsanwaltschaft erwägt Berufung. Für Ma Ying-jeou ist dies der dritte Fall, in dem er nach einer Anklage freigesprochen wurde.↩
- 聯合報:台灣向前行—長住計畫 競選策略起源 — Am 11. Juli 2007 startete Ma Ying-jeou „Taiwan schreitet voran – Long-Stay-Programm“; erste Station war ein 18-tägiger Langzeitaufenthalt (Long Stay) in Zentraltaiwan.↩
- 維基新聞:2008 中華民國總統大選 馬英九壓倒性獲勝 — Bei der Wahl am 22.3.2008 besiegten Ma Ying-jeou/Vincent Siew mit 7.659.014 Stimmen (58,45 %) Frank Hsieh/Su Tseng-chang mit 5.444.949 Stimmen (41,55 %).↩
- 總統府:中華民國第 12 任總統馬英九先生就職演說 — Vollständiges Wortprotokoll der Antrittsrede vom 20.5.2008, mit den Originalsätzen „weder Vereinigung, noch Unabhängigkeit, noch Gewalt“ und „der Schlüssel zur endgültigen Lösung der Frage zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße liegt nicht im Souveränitätsstreit, sondern in der Lebensweise und den Grundwerten“.↩
- 維基百科:633 政見 — Wahlkampfversprechen 2008 (BIP-Wachstum 6 % / Arbeitslosigkeit 3 % / Pro-Kopf-Einkommen 30.000 US-Dollar); am 3.9.2008 gestand Ma Ying-jeou in einem Interview mit mexikanischen Medien ein, dass dies wegen der Finanzkrise nicht einlösbar sei.↩
- 維基百科:大專畢業生至企業職場實習方案 — Umsetzung 4/2009–9/2011 in zwei Phasen, staatlicher Zuschuss von monatlich NT$22.000 Grundgehalt + NT$4.190 Arbeiter- und Krankenversicherung; das monatliche Einkommen der 20- bis 24-Jährigen fiel von NT$23.351 (2008) auf NT$21.685 (2009) (Rückgang um 7 %); die Regelung wurde am 3.6.2013 offiziell aufgehoben.↩
- 國家政策研究基金會:22K 政策回顧與爭議 — Hsueh Cheng-tai, 14.12.2011, „Was ist das 22K-Programm?“: „Der Staat stellt jedem Absolventen monatlich NT$22.000 Gehalt zuzüglich Arbeiter- und Krankenversicherung zur Verfügung (gemeinhin 22K genannt)“, „denn dass das Lohnniveau während der Finanzkrise sank, war ohnehin ein allgemeines Phänomen.“↩
- 維基百科:八八水災 — Taifun Morakot forderte am 6.–10.8.2009 681 Todesopfer und 18 Vermisste; das Dorf Xiaolin wurde ausgelöscht, 474 Menschen wurden lebendig unter Erdmassen begraben; das Kabinett von Liu Chao-shiuan trat im September desselben Jahres geschlossen zurück. Ergänzt durch 遠見:莫拉克救災反思.↩
- 維基百科:海峽兩岸經濟合作架構協議(ECFA) — Am 29.6.2010 unterzeichneten Chiang Pin-kung und Chen Yunlin in Chongqing das ECFA; Frühernte-Liste: 539 Warenkategorien vom Festland an Taiwan + 18 Agrarprodukte von Taiwan ans Festland; am 1.1.2013 sanken die Zölle für alle Produkte auf null.↩2
- 維基百科:兩岸經濟協議電視辯論 — Am 25.4.2010 führten Ma Ying-jeou und die DPP-Vorsitzende Tsai Ing-wen eine Fernsehdebatte über das ECFA – die erste politische Debatte eines Präsidenten der Republik China mit dem Vorsitzenden einer Oppositionspartei.↩
- 維基百科:2012 年中華民國總統選舉 — Bei der Wahl am 14.1.2012 besiegten Ma Ying-jeou/Wu Den-yih mit 6.891.139 Stimmen (51,60 %) Tsai Ing-wen/Su Chia-chyuan mit 6.093.578 Stimmen (45,6 %) und James Soong (宋楚瑜)/Lin Jui-hsiung (林瑞雄) mit 369.588 Stimmen (2,77 %).↩
- 維基百科:519 嗆馬踹共大遊行 — Nach der doppelten Erhöhung von Treibstoff- und Strompreisen 2012 schlug die öffentliche Meinung um: Treibstoffpreise stiegen um 10,7 %, Strompreise um 29,5 %; an der 519-Großdemonstration nahmen laut Polizei 55.000 Menschen teil; am 27.4. hielten laut einer Umfrage des Taiwan-Thinktanks 44,1 % der Bevölkerung Taiwan habe „den falschen Präsidenten gewählt“.↩
- ETtoday:馬英九 9/8 記者會原文 — Wortprotokoll der Pressekonferenz zum Fall Wang Jin-pyng vom 8.9.2013, mit den Originalsätzen „Wenn Menschen mit Macht die Justiz durch Einflussnahme beeinflussen können, wie soll der einfache Bürger dann erwarten können, dass die Justiz für Fairness und Gerechtigkeit sorgt?“ und „der beschämendste Tag in der Entwicklung von Taiwans demokratischer Rechtsstaatlichkeit“.↩
- 自由時報:馬英九民調 9.2% 創紀錄 — Am 15.9.2013 veröffentlichte ERA News eine Umfrage mit einer Zustimmungsrate von 9,2 % und einer Ablehnungsrate von 80,5 % für Ma Ying-jeous Amtsführung; eine zeitgleiche TVBS-Umfrage kam auf 11 %. Viele Medien schreiben die 9,2 % irrtümlich der TVBS-Umfrage zu. Die 11 % von TVBS siehe ETtoday.↩
- 維基百科:太陽花學運 — Am 17.3.2014 erklärte der Kuomintang-Abgeordnete Chang Ching-chung innerhalb von 30 Sekunden die Ausschussprüfung des Dienstleistungshandelsabkommens für abgeschlossen; am 18.3. um 21:20 Uhr stürmten Studierende in den Plenarsaal des Legislativ-Yuan; am 30.3. Demonstration auf dem Ketagalan-Boulevard (Veranstalter: 500.000 / Polizei: 116.000); am 10.4. zogen sich die Studierenden zurück. Ergänzt durch 中央社:太陽花十週年重回現場.↩
- 維基百科:323 佔領行政院事件 — Am 23.3.2014 um 19:35 Uhr besetzten Studierende den Exekutiv-Yuan; in den frühen Morgenstunden des 24.3. verletzten sich bei sechs Räumungswellen der Polizei über 150 Menschen; der Untersuchungsbericht des Kontroll-Yuan von 2023 stellte fest, „die Polizeibehörden hätten die Räumung mit einem das Verhältnismäßigkeitsprinzip überschreitenden Gewalteinsatz durchgeführt“, und rügte den Exekutiv-Yuan / das Innenministerium / die Nationale Polizeibehörde / die Polizei der Stadt Taipeh / die Staatsanwaltschaft Taipeh. Ergänzt durch 報導者:太陽花群眾的漫長創傷路.↩
- 華人今日網:驅離太陽花學運從不後悔 江宜樺:知識分子要堅持做對的事 — Jiang Yi-huas Originalzitat vom 3.9.2020: „Ich bereue es nicht nur nicht, ich glaube sogar, dass ich nie wieder eine Entscheidung getroffen habe, die richtiger gewesen wäre als diese (die Räumung).“ Ergänzt durch Newtalk: Er bezeichnete die Vorwürfe versuchten Totschlags als „eine Verdrehung der Tatsachen, eine grundlose, böswillige Verleumdung und einen Missbrauch des Anzeigerechts“.↩
- 中央社:林飛帆談太陽花十週年 — Lin Fei-fans Originalworte im Rückblick auf die Erfolge der Sonnenblumenbewegung: „(Die Sonnenblumenbewegung hat uns allen gezeigt:) Über Taiwans Schicksal entscheiden wir selbst. Weil wir das Dienstleistungshandelsabkommen aufgehalten haben, konnte die Regierung Ma kein Warenhandelsabkommen abschließen, keinen militärischen Vertrauensbildungsmechanismus vereinbaren und keine politischen Verhandlungen mit der Gegenseite führen – das ist unsere Errungenschaft, das ist das Ergebnis, das wir geschaffen haben.“ Ergänzt durch 天下雜誌.↩
- RFA:馬英九:「太陽花運動」讓台灣停滯不前 — Bericht vom 17.12.2018 über das Vorwort zu Ma Ying-jeous am 20.12. veröffentlichten Memoiren „Acht Jahre Präsidentschaft“: „Diese Schuldigen, die Taiwan zum Stillstand gebracht haben!“; im Vorwort bezeichnet er es als das, was ihn am meisten schmerze und bedauere, dass die Sonnenblumenbewegung das Dienstleistungshandelsabkommen bis heute „eingefroren“ habe – ein tiefer Schaden für das Land mit weitreichenden Folgen für Taiwans wirtschaftliche Gesamtentwicklung.↩
- ETtoday:馬英九「鹿茸是鹿耳朵裡面的毛」失言 — Am 14.3.2014 bezeichnete Ma Ying-jeou bei einem Empfang für Funktionäre des Lions Clubs Hirschgeweih in Samt als „die Behaarung im Innern des Hirschohrs“, was landesweit für Spott sorgte.↩
- Yahoo:2014 九合一選舉結果 — Am 29.11.2014 erlitt die Kuomintang bei den Kommunalwahlen eine schwere Niederlage: 14 Landkreise und Städte für das grüne, 8 für das blaue Lager; in Taipeh gewann Ko Wen-je mit 853.983 Stimmen (57,16 %) gegen Sean Lien (連勝文) mit 609.932 Stimmen (40,82 %); am 3.12. trat Ma Ying-jeou als Vorsitzender der Kuomintang zurück.↩
- ETtoday:馬英九馬習會致詞全文 — Wortprotokoll von Ma Ying-jeous fünf Kernpunkten vom 7.11.2015: den 92er Konsens festigen, die Feindseligkeit abbauen, den Austausch über die Taiwanstraße ausweiten, eine Hotline zwischen beiden Seiten einrichten, gemeinsame Zusammenarbeit über die Taiwanstraße; Originaltext von „die Menschen auf beiden Seiten der Taiwanstraße gehören derselben chinesischen Nation an, sind allesamt Nachkommen von Yan und Huang“. Ergänzt durch 大紀元 + 大陸委員會.↩
- Britannica:Taiwan—The Ma Ying-jeou presidency — Bewertung der Ära Ma Ying-jeou in der englischsprachigen Enzyklopädie: „The U.S. government was indeed very pleased with Ma as president, principally because he reduced tensions in the Taiwan Strait by pursuing cordial relations with Beijing rather than provoking its leaders. In the process, the Taiwan Strait was downgraded from its former status as the foremost flash point in the world“↩
- TVBS:馬英九卸任後失豁免權 24 案重啟調查 — Nach seinem Amtsende am 20.5.2016 nahm die Staatsanwaltschaft Taipeh noch am selben Tag die Ermittlungen in 24 Strafverfahren wieder auf, darunter der Fall der Geheimnisverletzung durch Huang Shih-ming.↩
- 鏡傳媒:馬英九南京中山陵題字 — Am 28.3.2023 hinterließ Ma Ying-jeou am Sun-Yat-sen-Mausoleum in Nanjing eine Inschrift mit den acht Schriftzeichen „和平奮鬥 振興中華“; der von chinesischer Seite vorbereitete Kranz bezeichnete ihn als „ehemaligen Vorsitzenden der Kuomintang“, Ma selbst bezeichnete sich als „ehemaligen Präsidenten“. Ergänzt durch 蘋果新聞.↩
- 維基百科:馬英九二訪中國大陸 — Zweite China-Reise 1.–11.4.2024; am 4.4. persönliche Opferzeremonie im Kreis Huangling in Shaanxi am Grab des Gelben Kaisers (erste persönliche Teilnahme, zuvor sechsmal aus der Ferne von Taipeh aus), gemeinsame Blumenniederlegung mit Song Tao, beim Verlesen des Opfertextes stockte ihm zweimal die Stimme. Ergänzt durch 中央社.↩
- 中央社:馬習二會北京登場 — Am 10.4.2024 um 16 Uhr zweites Ma-Xi-Treffen im Osthallensaal der Großen Halle des Volkes in Peking, Gespräch von etwa einer Stunde; in seiner Rede versprach sich Ma Ying-jeou und sagte statt „chinesische Nation“ „Republik China“, korrigierte sich aber sofort; Zitat von Lu Xun: „Nach allen Wirren sind die Brüder noch da; ein Lächeln bei der Begegnung, und aller Groll ist vergessen.“; im Anschluss gab Wang Huning im Staatsgästehaus Diaoyutai ein Abschiedsbankett, bei dem Xi Jinping zu Ma sagte: „Ich freue mich, wenn Sie künftig öfter kommen.“ Ergänzt durch 遠見 (16 Uhr) + 維基百科:馬英九二訪中國大陸 (Gespräch von etwa einer Stunde, Abschiedsbankett im Staatsgästehaus Diaoyutai, „Ich freue mich, wenn Sie künftig öfter kommen.“).↩2
- 維基百科:兩岸領導人會面 — Historischer Vergleich der Treffen zwischen den Führungsfiguren beider Seiten der Taiwanstraße, einschließlich des öffentlichen Händedrucks beim Ma-Xi-Treffen vom 7.11.2015, der 1 Minute 20 Sekunden (80 Sekunden) dauerte.↩
- 中央社:民進黨:馬英九與中共論調一致 背棄台灣人民 — Erklärung der DPP vom 15.10.2024: Ma Ying-jeous Aussagen seien „deckungsgleich mit der Rhetorik der Kommunistischen Partei Chinas“ und „ein vollständiger Verrat am gesamten demokratischen Volk Taiwans“.↩
- 公視新聞網:親屬盼退休、聲請輔助宣告 馬英九拍片反駁未失智 — Am 21.5.2026 gaben Chow Mei-ching und Ma Yi-nan nacheinander Erklärungen ab, „Ma Ying-jeou möge wirklich in den Ruhestand gehen / die Angelegenheiten der Stiftung dem Vorstand übergeben“; Ma Yi-nan beauftragte einen Anwalt mit einem Antrag auf gerichtliche Unterstützungserklärung (nicht Entmündigung); am 22.5.2026 antwortete Ma Ying-jeou persönlich in einem Video mit drei Originalsätzen: „Anwalt, damit ist doch bewiesen, dass ich nicht dement bin, oder?“, „Ich wohne weiter von meiner großen Schwester entfernt … wir sehen uns höchstens einmal im Monat“, „Diese Korruptionsverbrecher sollen bloß nicht versuchen, diesen Vorwand zu benutzen, zu behaupten, ich sei dement“; Hintergrund ist die dreiköpfige Untersuchungsgruppe der Ma-Ying-jeou-Stiftung zum „Fall der Haushaltsdisziplin“ (Sprecher Lee De-wei), die gegen Hsiao Hsu-tsen (Geschäftsführer) und Wang Kuang-tzu (frühere Geschäftsführung) ermittelt.↩