Sonnenkuchen: Vom Sonnenblumen-Tabu der Kriegsrechtszeit zum Wettstreit der hundert Bäckereien auf Taichungs Ziyou Road

Im Jahr 1964 eröffnete die Bäckerei „Sonnenhalle" (太陽堂) an der Ziyou Road in Taichung. Das von Künstler Yan Shui-long geschaffene Sonnenblumen-Mosaik wurde wegen eines politischen Tabus 25 Jahre lang hinter Holzbrettern versiegelt. Wie wurde dieses runde Gebäck – entstanden aus einem Malzkeks der späten Qing-Zeit und verfeinert von Wei Ching-hai – von einer Beilage der Bahnhofs-Bento-Box zum bekanntesten kulturellen Symbol Taichungs?

30-Sekunden-Überblick: Der Sonnenkuchen hieß nicht von Anfang an „Sonnenkuchen". Er geht auf den „Malzkeks" (麥芽酥餅) zurück, der in der späten Qing- und frühen Republikzeit populär war, und erhielt erst durch die Verfeinerung des Taichunger Bäckermeisters Wei Ching-hai aus Beitun seine heutige Form mit dünner, knuspriger Kruste. 1964 wurde das von Künstler Yan Shui-long für die „Sonnenhalle" geschaffene Sonnenblumen-Mosaik unter dem Verdacht „kommunistischer Propaganda" 25 Jahre lang hinter Holzbrettern versiegelt – eine politische Episode, die dem Gebäck nur noch mehr legendären Glanz verlieh.

1964 eröffnete die Bäckerei „Sonnenhalle" (太陽堂) feierlich in der Ziyou Road, Sektion 2, Nr. 23, in Taichung. An ihren Wänden zeigte ein „Sonnenblumen"-Mosaik, das Künstler Yan Shui-long über Monate hinweg mühevoll zusammengesetzt hatte, ursprünglich Sonnenlicht und Lebenskraft. Doch in jener Zeit des Kriegsrechts, in der jeder falsche Schritt Konsequenzen nach sich zog, geriet die strahlende Sonnenblume ins Visier der Sicherheitsbehörden: Man vermutete darin die Botschaft „das Herz wendet sich der Sonne (Mao Zedong) zu" – also kommunistische Propaganda. Um Ärger zu vermeiden, blieb Ladenbesitzer Lin Shao-song nichts anderes übrig, als das Wandbild mit Holzbrettern zu verschließen. Diese Versiegelung dauerte volle 25 Jahre.1

Diese Episode des „nie das Tageslicht Erblickens" fasst auf ironische Weise die enge Beziehung zwischen dem Sonnenkuchen und der Stadtentwicklung Taichungs zusammen: Er ist nicht nur ein Gebäck, sondern ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Wandels in Taiwan.

Vom Malzkeks zum Sonnenkuchen: Wei Ching-hais „runde Revolution"

Der Sonnenkuchen war in seiner Urform keine völlig moderne Erfindung; seine Wurzeln reichen zurück zum „Malzkeks" (麥芽酥餅), der in der späten Qing- und frühen Republikzeit in den Gegenden Beitun und Tanzih in Taichung verbreitet war.2 Die Kekse jener Zeit waren größer und dicker und dienten vor allem als lokaler Snack oder als Energiequelle während der arbeitsreichen Erntezeit.

Die Person, die dem Sonnenkuchen wirklich seine moderne Seele einhauchte, war der aus Beitun stammende Bäckermeister Wei Ching-hai – bekannt als „Meister A-ming" (阿明師). 1949 gründeten Wei Ching-hai und Guo Ding in Beitun, Taichung, den „Yuan-Ming-Laden" (元明商店). Er verfeinerte den ursprünglich groben Keks und entwickelte ein rundes Gebäck mit dünner, knuspriger Kruste und einer weichen, duftenden Malzzucker-Füllung, die nicht klebte.3 Dieses verfeinerte Gebäck, rund in der Form und golden in der Farbe – der roten Sonne auf der japanischen Flagge nicht unähnlich –, wurde in der Dämmerung der japanischen Kolonialzeit erstmals „Sonnenkuchen" genannt.4

📝 Kurator-Notiz: Die Geburt des Sonnenkuchens war keine plötzliche Innovation, sondern eine Bewegung der „Verfeinerung", die einen sättigenden Landsnack in ein kunstvolles städtisches Geschenk verwandelte.

Ziyou Road Nr. 23: Das verschwundene „Original" und der Wettstreit der hundert Läden

Wenn alteingesessene Bewohner Taichungs an Sonnenkuchen denken, ist der eine feste Bezugspunkt in ihren Köpfen meist die Bäckerei Sonnenhalle an der „Ziyou Road, Sektion 2, Nr. 23". Dieser Laden wurde 1954 von Lin Shao-song und seiner Frau He Xiu-mei gegründet, die Wei Ching-hai als Bäckermeister engagierten.5 Dass sich die Sonnenhalle abheben konnte, lag nicht nur an Wei Ching-hais Handwerkskunst, sondern auch an der tiefen Freundschaft der Familie Lin mit dem Künstler Yan Shui-long. Yan schuf nicht nur das berühmte Wandbild, sondern gestaltete auch die Verpackung, das Markenzeichen und sogar die Ladeneinrichtung der Sonnenhalle – ein für seine Zeit ausgesprochen avantgardistisches Konzept des „Markendesigns".6

Doch am 13. Mai 2012 schloss dieser seit einem halben Jahrhundert bestehende „altehrwürdige Laden" ohne Vorwarnung seine Türen. Geschäftsführer Lin Yi-bo nannte als Gründe „körperliche Erschöpfung und fehlende Nachfolge", als er den Rollladen herunterließ.7 Diese Schließung erschütterte ganz Taiwan und entfachte zugleich einen lang schwelenden Streit um die „Authentizität" auf dem Sonnenkuchen-Markt. Da „Sonnenkuchen" (太陽餅) als Gattungsbegriff eingestuft wurde und somit nicht als Marke eingetragen werden konnte, gab es in der Stadt Taichung zeitweise über zweihundert Läden, die sich alle als „authentisches Original" bezeichneten.8

Kulturbotschafter auf Schienen: Warum gehört der Sonnenkuchen zu Taichung?

Dass der Sonnenkuchen zum Synonym für Taichung werden konnte, verdankt sich neben Geschmack und Marke vor allem dem goldenen Zeitalter des taiwanischen Eisenbahnverkehrs. In den 1960er und 1970er Jahren, bevor die Autobahn eröffnet wurde, war der Bahnhof Taichung eine wichtige Zwischenstation für Reisen zwischen Nord und Süd. Den Bahnhofs-Bento-Boxen, die von der Taiwan Railways verkauft wurden, lag häufig ein Sonnenkuchen als Nachtisch bei; auf den Bahnsteigen konnte man auch Straßenhändler hören, die Sonnenkuchen anpriesen.9

Dieses Modell des „Bahnhofs-Mitbringsels" ließ den Sonnenkuchen entlang der Eisenbahnstrecken über ganz Taiwan verbreiten. Für viele ältere Taiwaner ist der Geschmack des Sonnenkuchens oft untrennbar mit dem Pfeifen der Züge und den Erinnerungen an die Bahnsteige des Bahnhofs Taichung verwoben.

Die Bitterkeit hinter der Süße: Erbe und Niedergang einer Marke

Die Geschichte des Sonnenkuchens besteht nicht nur aus der Süße des Malzzuckers – dahinter verbirgt sich auch die Tragik traditioneller Familienbetriebe, die sich in der modernen Geschäftswelt behaupten müssen. Wei Ching-hais Erbe in dritter Generation, Wei Yu-qi (Meister A-qi), wollte einst mit ganzem Herzen den Namen seines Großvaters weitertragen, entschied sich jedoch 2013 unter der erdrückenden Last des Markenwettbewerbs und der Schulden, sein Leben zu beenden.10 Diese Tragödie erinnert die Welt einmal mehr daran, wie schwer die Frage ist, wie traditionelles Handwerk unter dem Nimbus des „altehrwürdigen Ladens" in der Logik des modernen Geschäftslebens überleben kann.

Heute ist der Sonnenkuchen in Taichung nach wie vor allgegenwärtig – von der traditionellen Rezeptur mit Schweineschmalz bis zur modernen Variante mit Butter, es sind sogar Geschmacksrichtungen wie Honig und brauner Zucker hinzugekommen.11 Zwar wurde das Wandbild an der Ziyou Road Nr. 23 mit der Eröffnung eines Museums wieder enthüllt, doch die Erinnerung an die 25 Jahre lang versiegelte Sonnenblume erinnert uns weiterhin daran: Unter der knusprigen Kruste jedes Sonnenkuchens verbirgt sich eine taiwanische Geschichte über Politik, Kunst und Überleben.


Quellen

  1. Heute in der Geschichte: Yan Shui-longs Geburtstag — Beschreibt die Geschichte, wie Yan Shui-longs Sonnenblumen-Wandbild aus politischer Sensibilität versiegelt wurde.
  2. Sieben kleine Fakten über den Sonnenkuchen, die selbst Taichung-Bewohner nicht kennen — Weist darauf hin, dass die Urform des Sonnenkuchens der Malzkeks aus der Qing-Zeit ist.
  3. Einführung in die Geschichte des Sonnenkuchens – Ursprünge des Sonnenkuchens — Dokumentiert, wie Wei Ching-hai 1949 den Yuan-Ming-Laden gründete.
  4. Die Erben der Sonne, Teil 1 — Wer ist der Schöpfer des Sonnenkuchens? — Erkundet den Zusammenhang zwischen der Namensgebung des Sonnenkuchens und der japanischen Flagge.
  5. Ein Sonnenkuchen ohne Sonne — Aufzeichnungen der Nationalen Kulturgedächtnis-Datenbank über Wei Ching-hais Verfeinerung des Gebäcks und die Gründung der Sonnenhalle.
  6. Yan Shui-long und die Sonnenblume — Beschreibt Yan Shui-longs fachübergreifende Zusammenarbeit bei der Gestaltung von Verpackung und Ladenkunst für die Sonnenhalle.
  7. Überraschende Schließung der altehrwürdigen Taichunger Sonnenhalle – Stadtregierung wegen Untätigkeit kritisiert — Dokumentiert die überraschende Schließung der Sonnenhalle an der Ziyou Road Nr. 23 im Jahr 2012.
  8. „Sonnenhalle" — Gibt es nur eine Sonne? — Analysiert das Phänomen, dass der Name des Sonnenkuchens mangels Markenschutz zum Gattungsbegriff wurde.
  9. Denkt man an Taichung, denkt man an Sonnenkuchen? Der wahre Grund für seinen Ruhm ist eigentlich … — Beschreibt, wie sich der Sonnenkuchen über Bahnhofs-Bento-Boxen und den Verkauf an Bahnhöfen in ganz Taiwan verbreitete.
  10. Der Tod eines Sonnenkuchen-Meisters: Hat Ihr Produkt in den Augen der Verbraucher „Wert"? — Kommentar zum Tod von Wei Ching-hais Erben Wei Yu-qi und zur Grausamkeit des Markenwettbewerbs.
  11. Woher kommt Malzzucker? So wird Malzsirup eigentlich hergestellt! — Stellt die Herstellung und geschmackliche Weiterentwicklung von Malzzucker vor, dem Kernbestandteil des Sonnenkuchens.
Über diesen Artikel Dieser Artikel wurde gemeinschaftlich sowie mit Unterstützung von AI verfasst und geprüft.
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Weiterführende Literatur

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