
Abb.: Lagekarte von Yongjing, Landkreis Changhua. In diesem Artikel per externem Link eingebettet, Bild nicht heruntergeladen. 1

Abb.: Chen Si-hong auf der Texas Book Fair 2023 spricht über „Ghost Town“. Foto Dada1960, Wikimedia Commons. Der Autor hat das Bild als CC0 Public Domain freigegeben. In diesem Artikel per externem Link eingebettet, Bild nicht heruntergeladen. 2
Chen Si-hong: Vom Yongjing nach Berlin geflohen, doch immer wieder von der Heimat eingeholt
1976 wurde Chen Si-hong in der Bade-Gasse (八德巷) im Township Yongjing, Landkreis Changhua, geboren. Es war ein Bauernhaus, er war das neunte Kind, darüber sieben Schwestern und ein Bruder. 3
Bis zum achtzehnten Lebensjahr wurde er von der Familie versorgt. Erst als er mit achtzehn nach Norden zum Studium ging, entdeckte er, dass der Alltag auch selbst bewältigt werden muss. 2004 reiste er als Sonderkorrespondent von Macroview Television nach Berlin und machte diese Stadt später zu seinem zweiten Zuhause. 4
Chen Si-hong absolvierte das Englischstudium an der Fu-Jen-Katholischen-Universität und das Masterstudium am Graduierteninstitut für Theaterwissenschaft der Nationalen Taiwan-Universität. Neben dem Schreiben arbeitet er als Übersetzer, Schauspieler und Dolmetscher bei Filmfestivals. Diese grenzüberschreitenden Erfahrungen verleihen seinen Romanen die Präzision sprachlicher Arbeit, den Rhythmus der Theaterszenen und die Körpersensibilität eines Darstellers. 5
Dieser Lebenslauf sieht aus wie eine gelungene Flucht: vom changhuaer Land nach Taipeh, von Taipeh nach Europa. Doch Chen Si-hongs Romane und Essays beweisen unaufhörlich, dass Verlassen der Heimat nicht gleich Loslösung von der Heimat bedeutet. Einerseits will er fliehen, andererseits schreibt er Yongjing als „Geisterort“ (鬼地方); einerseits gewinnt er in Berlin Distanz, andererseits nutzt er diese Distanz, um Familie, Patriarchat und den eigenen Körper neu zu sehen.
1976 | Geburtsjahr | Yongjing, Changhua, Bade-Gasse
9 | Familienrang | Oben sieben Schwestern, ein Bruder
2004 | Umzug nach Berlin | Beginn als Sonderkorrespondent
12 | Sprachrechte von „Geisterort“ | Angaben des Nationalen Taiwan-Literaturmuseums 2023
Quelle: Readmoo, La Vie, Nationales Taiwan-LiteraturmuseumDiese vier Zahlen verdichten seinen Schaffenspfad zu einer lesbaren Linie: Der Geburtsort liefert die Urheimat, der Rang die Familienstruktur, Berlin die Distanz, die Übersetzungsrechte bringen die lokale Geschichte zu weiter entfernten Lesern. 3 4 6 7
„Ich wollte immer Yongjing entfliehen, schreibe aber unaufhörlich über Yongjing.“ 4
📝 Kuratorische Notiz: Chen Si-hongs Kontrast ist nicht „Landmensch wird internationaler Schriftsteller“, sondern je weiter er geht, desto deutlicher folgt Yongjing ihm auf den Fersen.
Wie eine Familie zum ersten Schreibantrieb wird
Chen Si-hong blickt in Essays auf seine Geburt zurück. Der Vater war der älteste Sohn einer Bauernfamilie, lastete unter dem Druck, einen Sohn zu zeugen. Die Mutter gebar nacheinander sieben Töchter, erst das achte Kind war der Bruder, da pausierte die Erwartung kurz. Danach kam Chen Si-hong als neuntes Kind zur Welt. Das ist keine einfache Familientafel, sondern ein System, das männliche Erbschaft, weibliche Arbeit und Familienwerte in eine Reihenfolge zwängt. 3
Er betrachtet das Gedränge von elf Personen in einem kleinen Landhaus in Changhua als Geschichtenquelle. Mit sieben, acht Jahren formte er schon Sätze auf Rückseiten abgelaufener Kalender. In der vierten Grundschulklasse schrieb er seine erste Kurzspäter. Spätere Werke – Streit, Beerdigungen, Geschwisterbrüche, unsinnige Szenen – sind keine erfundenen Spektakel, sondern das Familienleben, von der Literatur neu abgemischt und lauter gedreht.
Das erklärt auch, warum er „Ort“ nicht als Landschaftspostkarte schreibt. Yongjing sind nicht ein paar alte Häuser, eine Alte Straße oder eine Snack-Liste, sondern der Ort, wo einem nach der Geburt die Körperposition zugewiesen wird. Wer der Älteste ist, wer Erbe bekommt, wer pflegen muss, wer gehen darf – diese Fragen stehen vor der Literatur, am Ende aber alle in ihr.
Erst in Berlin merkte er: Distanz ist auch ein Schreibwerkzeug
Chen Si-hong sagte in Interviews, Berlin ziehe ihn nicht wegen romantischer Fremde an, sondern weil man dort nicht in ein einziges Lebensschema passen muss. Nach dem Umzug 2004 pflegte er einen festen Schreiballtag: früh aufstehen, bis mittags schreiben, kochen, Mittagsschlaf, dann Sport. 6
Er beschrieb einmal, die erste Nacht in Berlin habe er wegen Jetlag nicht schlafen können und sei spazieren gegangen. Von den lärmenden Straßen der Taipeher Präsidentschaftswahl in die kalte Stille einer europäischen Stadt – zum ersten Mal spürte er eine „riesige, greifbare Einsamkeit“, sagte aber gleichzeitig, er sei sehr glücklich. 6
Dieser scheinbare Widerspruch trifft den Kern von Chen Si-hongs Werk: Freiheit ist nicht ewiges Getümmel, sondern die Fähigkeit, mit sich allein auszukommen. Das Verlassen der Urheimat verschaffte ihm Raum, die Einsamkeit gab ihm Gelegenheit zu unterscheiden, welche Stimmen aus Familie, Geschlecht und Ort noch die eigenen sind.
„Du kannst völlig außerhalb dieser Schachtel sein, solange du andere nicht störst, ist alles in Ordnung, du kannst ganz entspannt dein eigenes Ich leben.“ 6
📝 Kuratorische Notiz: Berlin hat Chen Si-hong nicht in einen anderen Menschen verwandelt. Es gab ihm endlich Distanz, um sich selbst zurückzublicken.
„Geisterort“: Heimat ist nicht Kulisse, sondern eine Figur, die nachjagt
Der 2019 erschienene „Geisterort“ (鬼地方) spielt in Yongjing, Changhua. Der Romanheld Chen Tian-hong flieht nach Berlin, der Tod des queeren Partners, Haft und Entlassung, die Rückkehr in die Heimat überlagern sich. Das absurde Geschehen mit Geistern und Lebenden umhüllt Familiengedächtnis, Kleinstadtwandel und queere Identität. 8
Die „Geister“ im Roman meinen nicht nur Gespenster. Sie meinen auch das, was ein Mensch für verlassen hält, doch von Familiennormen, lokalen Blicken und unverarbeiteten Traumata zurückgerufen wird. Das Spiegel-Literatur-Magazin rekonstruierte später per Yongjing-Spaziergang die Romanlandschaft: Route über Yongxing-Schwimmbad, Yongjing-Grundschule, Yong'an-Tempel, Chengjiao-Mama, Tierseelen-Stele, Yongjing-Geschichtenwand und Yongjing-Mittelschule. Literatur bleibt hier nicht auf Buchseiten, sondern lässt Leser in die Grenze zwischen Autor-Kindheit und Roman eintreten. 9
Wichtig zu unterscheiden: Nach derzeit recherchierbaren Werkdaten ist der Kernort von „Geisterort“ Yongjing, nicht Erlin (二林). Erlin ist zweifellos ein wichtiger Ort in Changhua, gehört aber einer anderen lokalhistorischen Linie an. 1924 baten Zuckerrohrbauern in Erlin und Umgebung wegen Zuckerrohrpreisen die Behörden um Hilfe; 1925 gründete Arzt Li Ying-zhang die Erliner Zuckerrohrbauern-Vereinigung, am 22. Oktober kam es durch Zwangsernte der Zuckerfabrik zum Konflikt, bekannt als Erlin-Vorfall. 10
Erlin als Schauplatz von „Geisterort“ zu verwechseln, verfehlt gleichzeitig Romangeografie und Lokalgeschichte. Die bessere Lesart: Yongjing und Erlin behalten jeweils ihren Platz – ersteres ist Chen Si-hongs immer wieder beschriebene Familien-Urheimat, zweites das soziale Gedächtnis der changhuaer Bauernbewegung.
Von „Florida Metamorphose“ zur „Sommer-Trilogie“
Nach „Geisterort“ richtete Chen Si-hong den Blick auf das Florida von 1991. „Florida Metamorphose“ (佛羅里達變形記) handelt von sechzehnjährigen Jugendlichen auf Auslandsstudienreise, die in Hitze und Fremde kurzzeitig der Familiennorm entkommen, doch durch eine Tragödie drei Jahrzehnte später die vergrabenen Erinnerungen neu konfrontieren müssen. 4
Er fasst „Geisterort“, „Florida Metamorphose“ und „Die Guten vom Obergeschoss“ (樓上的好人) als „Sommer-Trilogie“ zusammen. Drei Bücher, verschiedene Schauplätze: Yongjing, Florida, Yuanlin und Berlin; doch der Sommer ist darin keine Jahreszeiten-Deko, sondern Druck, der Verwandlung erzwingt. Hitze lässt Körper schwitzen, lässt auch Begehr, Angst und Geheimnisse, die von Regeln umhüllt waren, hervorsickern.
„Die Guten vom Obergeschoss“ wechselt zur weiblichen Perspektive auf Yuanlin und Berlin, behandelt weibliches Aussehen, Sex, Mutter-Tochter-Beziehung und Familientrauma. In „Die drei Schwestern von Shetou“ (社頭三姊妹) rückt der Blick auf Shetou neben Yongjing, schreibt von einer Medium-Familie, verhandelt mit schwarzem Humor Trauer und Absurdität des Kleinorts. Diese Romane lassen sich als Changhua-Karte lesen, aber eher als Emotionskarte: Woher man flieht, wohin man letztlich zurückkehrt.
„Der Ort, den alle jetzt am unsexiesten finden, ist genau der, den ich am liebsten beschreibe.“ 11
Dieser Satz legt keinen romantischen Filter über die Provinz. Er räumt ein, dass kleine Orte konservativ, laut, verletzend sein können, und dass gerade jene Orte, die urbane Kultur als „geschichtslos“ abtut, oft die dichtesten Leben bergen.
„Absurdität“ als Gegenwehr gegen das brave Leben
Chen Si-hong sagt, er suche absichtlich das Absurde, weil die taiwanesische Kultur Regeln und Bravsein hochhalte. 11 In diesem Kontext ist Absurdität keine Realitätsflucht, sondern das Hinstellen der Realität an eine Stelle, wo Leser sie nicht ignorieren können.
Seine Figuren handeln oft unsinnig, doch ihre Nöte sind konkret: Wie sehen Eltern das Geschlecht des Kindes? Wie verteilt Familie Pflege und Erbe? Wie behandelt der Ort Menschen, die nicht in Normen passen? Muss man nach dem Weggehen zurückkehren? Magie und schwarzer Humor verhindern, dass diese Fragen in Predigtton ersticken.
Er bringt auch seine Theaterausbildung in den Roman. Jede Figur hat ihr Notizbuch: Lebensgewohnheiten, Bettlakenfarbe, Shampoo-Marke, verehrter Tempel. Für ihn darf Figur nicht nur Thema bedienen; Figur muss erst ein Mensch werden, der streitet, Fehler macht, sich wandelt. 11
„Druck ist für Schreibende gut, er macht den Autor weniger narzisstisch. Narzissmus ist Schreibtabu, der Roman muss das ‚Ich‘ verlassen, um Form anzunehmen.“ 12
Von Taiwan-Preisen zu Weltlesern
„Geisterort“ erhielt den Taiwan Literature Golden Classics Award Jahres-Millionenpreis und den Golden Tripod Award des Kulturministeriums für Literaturbücher. Die englische Übersetzung von Darryl Sterk (石岱崙) wurde vom Übersetzungsförderprogramm des Kulturministeriums unterstützt. 2022 schaffte die englische Ausgabe „Ghost Town“ den Sprung in die „New York Times“ Herbst-Bestenliste. 8 Auch die Verlagsdaten von Europa Editions dokumentieren die internationale Vermarktung. 13
Diese internationale Publikationserfahrung ist mehr als „ein Buch wurde ins Englische übersetzt“. Das Nationale Taiwan-Literaturmuseum weist darauf hin, dass Auslandsrechte Übersetzung, Rechtsvermarktung, Coverdesign, Verlagsmarketing und ausländische Rezensionen umfassen. Chen Si-hong sagte in Vorträgen, eine vollständige englische Ausgabe helfe, internationale Scouts, Literaturagenten und Rechtekäufer anzuziehen. Bis Ende 2023 waren für „Geisterort“ zwölf Sprachrechte verkauft: Englisch, Griechisch, Polnisch, Thailändisch, Koreanisch u. a. 7
Hier zeigt sich ein bemerkenswerter Kontrast: Chen Si-hongs Romane handeln von einem „Ort, den kaum jemand kennt“, doch der Weg ins Internationale führt nicht über das Ausradieren des Orts. Im Gegenteil: Je konkreter Yongjing, je unansehnlicher die Familie, je schwerer die Figuren in Schubladen passen, desto eher durchdringen die Geschichten Sprachgrenzen.
„Literatur ist kein Verlustgeschäft.“ 7
Dieser Satz zielt nicht nur auf Autoreneinkommen, sondern darauf, ob taiwanesische Literatur als übersetzens-, investitions- und langfristig pflegenswertes Kulturgut gilt. Vom Lokalen auszugehen, muss nicht im Lokalen gefangen halten; aber der Weg in die Welt darf nicht über das Tilgen des Lokalen führen.
Als „Badehose“ (泳褲) ins Oberstufen-Lehrbuch einzog
Im August 2026 löste Chen Si-hongs Essay „Badehose“ (泳褲) Diskussionen aus, weil er in das Hanlin-Verlag-Lehrbuch für die 12. Klasse aufgenommen wurde. Im Netz wurde zuerst das Wort herausgegriffen, das beschreibt, wie ein Ertrinkender versehentlich die Genitalien des Rettungsschwimmers packt; Befürworter und Kritiker formierten sich rasch in zwei Lager. 14
Ein grundlegender Fakt darf nicht weggelassen werden: Der Text ist ein älteres Werk, früher im „Liberty Supplement“ (自由副刊) publiziert, später in den Essayband „Der neunte Körper“ (第九個身體) aufgenommen, Chen Si-hong betonte, die Aufnahme erfolge mit seiner Autorisierung. 14 Der Streit dreht sich also nicht nur um „warum steht dieses Wort im Lehrbuch“, sondern auch darum, wie Verlage Texte auswählen, wie Prüfer lesen, und ob ein Essay über Körperangst im Unterricht vollständig besprechbar ist.
Chen Si-hong forderte in seiner Reaktion, den Text erst ganz zu lesen. Er hoffe, die nächste Generation könne mit weniger Körperangst glücklich aufwachsen. 14 Andererseits prüften Kritiker Satz für Satz Grammatik und Lehrbucheignung, zweifelten an, ob er als Vorbild tauge, und verlangten Überprüfung von Auswahl- und Prüfverfahren. 15
Diese Kontroverse verdient Bewahrung, statt auf „Konservative verstehen Literatur nicht“ oder „Lehrbücher dürfen keine vulgären Wörter“ reduziert zu werden. Lehrbücher sind öffentliche Auswahl. Geht ein Werk ins Lehrbuch, gehört es nicht mehr nur Autor und Stammlesern, sondern muss sich Lehrerführung, Schülerverständnis und der Frage stellen, wie Lehrmaterial Körper, Sex, Scham und Humor behandelt.
Wichtiger noch: „Badehose“ setzt Chen Si-hongs konsequente Schreibrichtung fort: Zuerst den Körper dem Leser vor die Nase setzen, dann fragen, warum wir nur jenes Wort sehen, nicht aber die Angst der Figur. Das heißt nicht, dass alle den Essay mögen müssen, noch dass Lehrbuchauswahl kritikfrei wäre; es mahnt nur, ein Werk zu kritisieren, nachdem sein vollständiger Kontext aufgetreten ist.
1976 | Geburt in Yongjing | Bauernfamilie, neuntes Kind, Familie als erste Geschichtenquelle
ca. 1994 | Nordwärts zum Studium | Vom versorgten Sohn zum selbstständigen Leben
2004 | Übersiedlung nach Berlin | Distanz als Methode, Taiwan und sich neu zu sehen
2019 | Erscheinen von „Geisterort“ | Yongjing wird Kernlandschaft des Romans
2022 | Englische Ausgabe in „New York Times“ Herbstliste | Lokale Geschichte überschreitet Sprachgrenzen
2026 | „Badehose“ ins Oberstufen-Lehrbuch aufgenommen, Diskussion | Literatur wird von Privatlektüre zu öffentlichem Klassenzimmerthema
Quelle: Readmoo, Spiegel-Literatur, Zentralnachrichtenagentur, Nationales Taiwan-Literaturmuseum, Yahoo News, ETtodayDiese Zeitachse reduziert den Schriftsteller nicht auf einen Lebenslauf. Sie zeigt, wie ein und dieselbe Bewegung sich wiederholt: Gehen, Distanz gewinnen, zurückschreiben, private Erfahrung der öffentlichen Lektüre übergeben. 3 4 8 9 14 15
Was die Heimat zuletzt hinterlässt
In Chen Si-hongs Werken ist Heimkehr selten heilende Happy-End-Runde. Zurück nach Yongjing kann Mutterbeerdigung sein, Familienstreit, Ahnenland-Schulden, auch ein Spaziergang; Rückkehr zum Körper kann heißen, anzuerkennen, dass man von traditionellen Familienvorstellungen abweicht; Rückkehr zur Literatur heißt, das nicht leicht Aussprechbare Figuren tragen zu lassen.
Er schrieb einmal, nach der Mutterfeuerbestattung habe die Familie nach Brauch die Knochen mit Stäbchen von Männern aufgesammelt. Als er die Stäbchen nahm und die absurde Geschlechterordnung sah, wurde der Tod nicht feierlich, sondern das System zeigte seine Lächerlichkeit. Diese Szene hat Kraft, nicht weil sie die Heimat verurteilt, sondern weil sie einen Menschen sehen lässt: Manche Traditionen überdauern nur, weil alle tun, als seien sie unabänderlich. 3
Also ist Chen Si-hong nicht einfach „Changhua-Schriftsteller“, auch nicht nur „Deutschland-Taiwanese-Schriftsteller“. Er gleicht eher einem ständigen Pendler-Übersetzer: Familie in Roman übersetzen, Ort in Szenen übersetzen, die Weltleser betreten können, Körperscham in besprechbare Sprache übersetzen, und Berlins Distanz zurück nach Yongjing tragen.
📝 Kuratorische Notiz: Er schreibt nicht „nach Flucht aus Heimat endlich Erfolg“, sondern „nach gelungener Flucht dennoch bereit, zurückzublicken und die Heimat klarzuschreiben“.
Schluss: Gehen ist kein Satzpunkt
Von der Bade-Gasse 1976 über das Berlin ab 2004 bis zum Yongjing-Spaziergang in „Geisterort“ – Chen Si-hongs Leben ist stetig in Bewegung. Doch seine Literatur ist keine Gerade vom Ort fort zur Welt, sondern ein Kreis: Auszug verschafft Distanz, Distanz lässt Heimat neu erkennen, erst diese Neuerkennung ermöglicht Werke, die Heimat weder beschönigen noch wegwerfen.
Das ist auch der wahre Internationalisierungsort seiner Werke. Leser wohnen vielleicht nie in Yongjing, Shetou oder Yuanlin, erlebten vielleicht nie Großfamilie, queere Identität, Bestattungsbräuche – aber jeder hat vielleicht einen Ort, den er nicht wiedersehen will, der doch im Gedächtnis immer wiederkehrt.
Chen Si-hong nennt diesen Ort „Geisterort“. Am Ende des Lesens mag man entdecken: Geister sind nicht unbedingt Tote; Geister können der Teil in uns sein, den wir für verlassen hielten, der doch noch in unserem Körper spricht.
Weiterführende Literatur
- Wu Ming-yi — Ein weiterer Romanautor, der taiwanesische Orte in die Weltliteratur schrieb, sein Pfad korrespondiert mit Chen Si-hong
- Pai Hsien-yung — Eine Quelle der taiwanesischen queeren Literatur, zum Verständnis der literarischen Genealogie von „Geisterort“
- Taiwan Ehegleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit — Gesellschaftlicher Hintergrund von Chen Si-hongs Körper- und Geschlechtsschreiben
- Landkreis Changhua — Yongjings übergeordneter Ort, geographischer Kontext des „Geisterort“-Urbilds
Quellen
- Lagekarte von Yongjing, Landkreis Changhua, Wikimedia Commons — Von Essolo erstellte Yongjing-Karte, Seite weist CC BY-SA 3.0 Lizenz aus, teilbar und bearbeitbar.↩
- Kevin Chen 11 Nov 23 Austin TX, Wikimedia Commons — Archivseite des Texas-Buchmesse-Porträts 2023, Fotograf Dada1960, Seite weist CC0-Freigabe durch Autor aus.↩
- Viele sagen, ich wirke nicht wie ein Landmensch, Readmoo — Chen Si-hong selbst schreibt über Geburt, Familie, Mutterbeerdigung, patriarchale Bräuche und wie Yongjing zur Schreibquelle wurde.↩2345
- Unter der Sommersonne werden Menschen zu Gestalten, die sie selbst nicht kennen, Readmoo — Interview fasst Chen Si-hongs Berlin-Leben, Yongjing-Erfahrung, Sommer-Trilogie und Entstehungsgeschichte von „Florida Metamorphose“ zusammen.↩2345
- Chen Si-hong, Wikipedia — Personenartikel fasst Geburtsdatum, Ausbildung, Berlin-Umzug, Schaffensarten, Preise, Übersetzungs- und Darstellungsarbeit zusammen.↩
- Von „Geisterort“ zu „Die drei Schwestern von Shetou“, La Vie — Interview dokumentiert seinen festen Schreibrhythmus, Absurditätsästhetik, Werkmotive und Selbstbeobachtung nach Berlin-Umzug.↩234
- Chen Si-hong im Nationalen Taiwan-Literaturmuseum: Plauderei über „Geisterort“ auf internationaler Literaturbühne, Nationales Taiwan-Literaturmuseum — Offizielle Kultureinrichtung fasst Auslandsrechte, Rechtsvermarktung, internationale Buchmessen, 12 Sprachrechte und Taiwan-Literatur-IP-Diskussion zusammen.↩23
- Chen Si-hongs Roman „Geisterort“ in „New York Times“ Herbst-Bestenliste, Zentralnachrichtenagentur — CNA berichtet über Golden Classics Award, Golden Tripod Award, englische Veröffentlichung, NYT-Liste und Autorennachwort.↩23
- Von Berlin nach Yongjing: Eintreten in Chen Si-hongs magischen Geisterort, Spiegel-Literatur — Verlags-Aktivitätsseite listet Yongjing-Spaziergang-Route, Romanlandschaft, Autorenbio und Ortsbezüge des Werks.↩2
- Ideal und Opfer: Taiwanesische Politik und Bauernbewegung in Sammlungen, Institut für Taiwan-Geschichte, Academia Sinica — Wissenschaftliche Archivseite fasst 1924–1925 Erliner Zuckerrohrbauern-Petition, Vereinsgründung und Erlin-Vorfall zusammen.↩
- Ich will absichtlich jene unsexy Orte beleidigen, Openbook — Porträt-Interview liefert Entstehungsgeschichte von „Die drei Schwestern von Shetou“, Changhua-Trilogie, Absurditätsästhetik und Chen Si-hongs wörtliche Aussagen.↩23
- Ich will absichtlich jene unsexy Orte beleidigen, Openbook (Zitat zu Schreiben und Druck) — Derselbe Interviewtext, weiterer Originalausschnitt, erklärt wie Arbeitsdruck den Roman vom Autor-Ich löst und formt.↩
- Kevin Chen on tour, Europa Editions — Englischer Verlagsartikel stellt Kevin Chen und „Ghost Town“ internationale Vermarktung vor, für englischsprachige Leser zur Verifizierung des Auslandsverbreitungs-Kontexts.↩
- Lehrbuch taucht „Pimmel“ auf – Zusammenbruch? Autor antwortet persönlich, Yahoo News / Spiegel-Report — Artikel berichtet über „Badehose“-Aufnahme ins Oberstufen-Lehrbuch, frühe Publikation und Sammlungskontext, sowie Chen Si-hongs Reaktion auf Körperangst.↩234
- Ertrinkender packt Pimmel! Er las Ganztext und listet vier Probleme, ETtoday — Nachrichtenbeitrag zeigt kritische Perspektiven im Lehrbuch-Auswahl-Vorfall: Textausdruck, Lehrbucheignung, Zweifel an Auswahl und Prüfverfahren.↩2