Überblick in 30 Sekunden: 1987 schüttete Lin Xiu-hui, die Leiterin eines Teehauses in Taichung, bei einer Teambesprechung Tapiokaperlen in Milchtee. Sie wollte es einfach ausprobieren – wenige Monate später verkaufte sich das Getränk besser als alle anderen Getränke des Hauses. 38 Jahre danach hatte diese eine Bewegung eine weltweite Branche mit einem Volumen von rund 3,5 Milliarden US-Dollar hervorgebracht, dem Bubble Tea ein eigenes Emoji 🧋 auf jedem Smartphone verschafft und Marken aus Taiwan und Festlandchina dazu gebracht, jeweils den Titel des „Erfinders“ für sich zu beanspruchen.
Taichung, Siwei-Straße, 1987: ein Teehaus, aus dem später Chun Shui Tang hervorgehen sollte. Filialleiterin Lin Xiu-hui leitete gerade eine Teambesprechung. Auf dem Tisch lagen Zutaten, die sie am Morgen mit dem Motorroller auf dem Jianguo-Markt gekauft hatte, darunter eine Schale weißer Tapiokaperlen – ein taiwanischer Snack, den sie seit ihrer Kindheit mochte. Also schüttete sie die Perlen in ihren Assam-Milchtee und nahm einen Schluck.
„Bei dieser Besprechung liebten alle das Getränk. Innerhalb weniger Monate verkaufte es sich besser als all unsere anderen Eistees“, erzählte Lin Xiu-hui Jahre später einem CNN-Reporter. Ihre Worte klangen nicht absichtlich überhöht, eher wie die Schilderung eines kleinen Zufalls, mit dem sie selbst nicht gerechnet hatte.
Dieser Zufall führte später zu einem zehn Jahre dauernden Rechtsstreit.
Ein zehnjähriger Rechtsstreit ohne Gewinner
Lin Xiu-huis Version ist nur die eine Hälfte der Geschichte.
Tu Tsung-ho, Gründer des Hanlin-Teehauses in Tainan, erzählt sie anders: Nachdem er 1986 sein Geschäft eröffnet hatte, sah er eines Tages auf einem Markt weiße, durchscheinende Tapiokaperlen. Die Idee kam ihm spontan. Er mischte sie mit Milchtee und benannte das Getränk nach den Perlen, an die ihn ihre Form erinnerte. Beide Geschichten spielen Mitte bis Ende der 1980er-Jahre in Taiwan, eine im Norden und eine im Süden – und beide beanspruchen, die erste zu sein.
Die Version von Chun Shui Tang ist genauer datiert: Gründer Liu Han-chieh eröffnete 1983 an der Siwei-Straße in Taichung ein Getränkegeschäft. 1987 soll die damalige Filialleiterin Lin Xiu-hui bei einer Teambesprechung zufällig Bubble Tea gemischt haben, der anschließend probeweise verkauft und offiziell ins Sortiment aufgenommen wurde. Chun Shui Tang betont sogar, der Verantwortliche des Hanlin-Teehauses habe Chun Shui Tang persönlich besucht, um den Betrieb zu besichtigen und von ihm zu lernen.
Die Frage, wer zuerst da war, landete schließlich vor Gericht. Chun Shui Tang und Hanlin verklagten einander, der Rechtsstreit zog sich mehr als zehn Jahre hin. 2019 entschied ein taiwanisches Gericht: Bubble Tea ist ein neuartiges Getränk, aber kein patentierbares Produkt. Jede Person und jedes Geschäft darf es zubereiten; ein Streit darüber, wer der Erfinder sei, ist nicht erforderlich. Keine der beiden Seiten konnte ein Patent erhalten. Niemand gewann, niemand verlor.
📝 Kuratorennotiz
Die Frage „Wer hat Bubble Tea erfunden?“ hat in Taiwan selbst womöglich längst an Bedeutung verloren. Interessanter ist: Warum musste der „Geburtsort“ eines einzelnen Getränks in einem zehnjährigen Prozess geklärt werden? Bei einem weltweiten Bubble-Tea-Markt von annähernd 100 Milliarden NT-Dollar ging es in diesem Streit offenkundig um mehr als die Deutungshoheit über die Geschichte.
26.000 Geschäfte – mehr als Convenience Stores
Welches Teehaus Bubble Tea auch zuerst angeboten haben mag: Taiwans Begeisterung für das Getränk reicht längst weiter als der Streit um seine Erfindung.
Nach Statistiken des taiwanischen Finanzministeriums erreichte die Zahl der Getränkegeschäfte im April 2022 mit 26.000 einen historischen Höchststand. Das waren fast 10.000 mehr als sämtliche Convenience Stores in Taiwan und 67,6 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. In einer beliebigen Gasse der Taipeher Innenstadt können 50 Lan, Ching Shin Fu Chuan, CoCo und MACU direkt nebeneinander um Kundschaft werben. Wer eines dieser Geschäfte betritt, muss mehr Entscheidungen treffen als erwartet: volle, halbe, wenig oder gar keine Zuckermenge; viel, wenig, kein oder normal viel Eis; Tapiokaperlen, Kokosgelee, Tarokugeln, Pudding … In Taiwan ist ein Bubble Tea eine hochgradig persönliche Wahl und kein standardisiertes Produkt.
Der weltweite Markt ist noch erstaunlicher. Mehrere Marktforschungsinstitute bezifferten sein Volumen 2024 auf rund 3,5 Milliarden US-Dollar, etwa 112 Milliarden NT-Dollar. Bis 2034 soll es auf sechs bis sieben Milliarden US-Dollar wachsen. Taiwanische Marken stehen am Anfang dieses Marktes: CoCo betreibt weltweit mehr als 5.000 Filialen, Gong Cha mehr als 2.000, und Marken wie The Alley und Chatime eröffnen weiterhin neue Niederlassungen im Ausland. Allein in Taiwan verkauft Chun Shui Tang noch immer mehr als zwei Millionen Becher Bubble Tea pro Jahr.
Diese Globalisierung nahm einen bemerkenswerten Weg. Sie war weder staatlich betriebene Kulturdiplomatie noch die sorgfältig geplante Expansion einer Großmarke. Der erste Schritt von Bubble Tea in die Welt wurde von der Sehnsucht von Ausgewanderten getragen: Taiwanische Einwanderer in Los Angeles und Vancouver wollten ein Stück Heimat trinken, eröffneten vor Ort Geschäfte und brachten schließlich auch ihre Nachbarn auf den Geschmack. So verbreiten sich taiwanische Imbissgerichte typischerweise nach außen: nicht als Export, sondern durch Verbreitung; nicht als Strategie, sondern als Alltag.
📊 Die Zahlen
Weltweiter Bubble-Tea-Markt (2024): rund 3,5 Milliarden US-Dollar (etwa 112 Milliarden NT-Dollar)
Handgeschüttelte Getränkeläden in Taiwan (Höchststand 2022): mehr als 26.000, Zuwachs von 67,6 Prozent in zehn Jahren
CoCo-Filialen weltweit: mehr als 5.000
Gong-Cha-Filialen weltweit: mehr als 2.000
Jährlicher Bubble-Tea-Absatz von Chun Shui Tang: mehr als zwei Millionen Becher
2019: sechs Stunden Schlange stehen in Tokio
Bubble Tea gelangte nicht in einer einzigen Explosion von taiwanischen Teehäusern in die Welt, sondern in mehreren aufeinanderfolgenden Wellen.
Ende der 1990er-Jahre erreichte die erste Welle mit taiwanischen Einwanderern Nordamerika und Südostasien. In den 2000er-Jahren machten Kettenmarken das Getränk aus den Diasporagemeinschaften zu einer gemeinsamen Sprache der jungen Generation in Asien. In den 2010er-Jahren globalisierte Instagram seine Bildsprache: durchsichtiger Becher, schwarze Tapiokaperlen, breiter Strohhalm – ein Motiv wie geschaffen für soziale Medien.
Das dramatischste Phänomen ereignete sich jedoch 2019 in Japan.
Im Sommer jenes Jahres hing vor The Alley in Tokio ein Schild mit der Aufschrift „Wartezeit: fünf Stunden“. Später wurde die Zahl auf sechs erhöht. Japanische Medien nannten es den „dritten Tapioka-Boom“. Bubble-Tea-Lippenstift, Bubble-Tea-Salat und Snacks mit Bubble-Tea-Geschmack überschwemmten den Markt. Junge Japanerinnen gingen mit farblich vollständig auf Bubble Tea abgestimmtem Lippenstift, Lidschatten und Outfit aus dem Haus, nur um ein Foto für soziale Medien aufzunehmen.
Den meisten japanischen Konsumenten war nicht bewusst, dass die Mode, der sie folgten, dreißig Jahre zuvor mit einem beiläufigen Versuch bei einer Teambesprechung in Taichung begonnen hatte. Ein japanischer Nutzer scherzte in sozialen Medien: „In der Zeit, die man hier ansteht, könnte man nach Taiwan fliegen, einen Becher trinken und wieder zurückfliegen.“
Im folgenden Jahr vollzog Bubble Tea einen noch ungewöhnlicheren Identitätswandel: Er wurde zu einem politischen Symbol.
🧋 Ein Milchtee, ein demokratisches Bündnis
Im April 2020 starteten chinesisch-nationalistische Internetkonten eine Belästigungskampagne gegen einen thailändischen Star. Unbeabsichtigt rückten dadurch Nutzer aus Taiwan, Hongkong und Thailand auf dieselbe Seite. Der Hashtag #MilkTeaAlliance verbreitete sich rasant. Der Name bezog sich auf einen kleinen, aber pointierten kulinarischen Unterschied: In allen drei Orten wird Tee mit Milch getrunken, während die Teekultur Festlandchinas traditionell keine Milch hinzufügt.
Milchtee wurde zum Code für eine Lebensweise: Tee mit Milch stand für Demokratie und Offenheit, unvermischter Tee für eine entgegengesetzte politische Ordnung. Die Metapher war grob genug, um beinahe komisch zu wirken. Dennoch wurde sie 2020 bei Protesten in Myanmar, Belarus und Thailand immer wieder aufgegriffen. Ein Getränkesymbol verband Taiwans Demokratieerfahrung mit Bürgerbewegungen in Südostasien und erreichte damit etwas, das keinem Diplomaten gelungen war.
Im selben Jahr nahm Unicode 13.0 das Bubble-Tea-Emoji 🧋 offiziell auf. Seitdem hat das Getränk auf jedem Smartphone ein eigenes Gesicht.
📝 Kuratorennotiz
Die „Milk Tea Alliance“ übersetzte Geopolitik mithilfe der kleinen Zutat Milch in die Sprache von Smartphone-Stickern. Vielleicht war dies der absurdeste und zugleich wahrhaftigste Moment in der Geschichte des Bubble Tea: Ein einfaches Alltagsgetränk aus der Nachtmarktkultur wurde unbeabsichtigt zum Symbol grenzüberschreitender demokratischer Solidarität. Es hatte das nicht einmal versucht.
500 Kilokalorien und ein Gesundheitsproblem, von dem niemand hören will
Jede ehrliche Geschichte über Bubble Tea muss sich einer Zahl stellen, die Ernährungsfachleute die Stirn runzeln lässt.
Ein normal gekühlter Bubble Tea mit voller Zuckermenge enthält etwa 400 bis 600 Kilokalorien und 50 bis 70 Gramm Zucker. Das entspricht ungefähr den Kalorien einer kompletten Mahlzeit oder mehr als dem Doppelten der von der WHO empfohlenen täglichen Höchstmenge an Zucker. Dr. Martin Lee, Leiter der Nephrologie am National University Hospital in Singapur, erklärte unmissverständlich: „Der Zucker im Bubble Tea kann Diabetes verschlimmern und dadurch Nierenschäden bis hin zum Nierenversagen verursachen.“ Eine in PubMed veröffentlichte wissenschaftliche Studie weist zudem darauf hin, dass täglicher Bubble-Tea-Konsum bei jungen Menschen asiatischer Herkunft mit ähnlichen Gesundheitsrisiken verbunden ist wie zuckerhaltige Limonade – ein Thema der öffentlichen Gesundheit, das nicht ignoriert werden darf.
Das ist keine sensationsheischende Warnung, sondern ein reales Risiko, sobald Bubble Tea vom gelegentlichen Genuss zur täglichen Gewohnheit wird. Die 26.000 Getränkegeschäfte, die Taiwans Finanzministerium erfasst, sind nicht nur eine Gründungsstatistik, sondern auch ein Warnsignal für die öffentliche Gesundheit. Taiwans Gesundheitsministerium hat große Getränkeketten wiederholt verpflichtet, Kalorienangaben auszuweisen. Doch selbst wenn Verbraucher die Angabe „520 Kilokalorien“ sehen, entscheiden sich viele weiterhin für die volle Zuckermenge. Dieses kleine Detail zeigt, wie schwer sich menschliches Verhalten ändern lässt.
2011 traf die taiwanische Esskultur ein noch direkterer Schlag: Der Weichmacher DEHP wurde illegal Emulgatoren für Lebensmittel und Getränke zugesetzt, darunter auch Produkten für handgeschüttelte Getränke wie Bubble Tea. Taiwans Food and Drug Administration bestätigte schließlich, dass 965 Produkte verunreinigt waren und 206 davon in 22 Länder exportiert worden waren. Der Skandal ließ das Geschäft der taiwanischen Getränkeindustrie in Märkten wie Hongkong und Malaysia einbrechen und führte unmittelbar zu weitreichenden Änderungen der Lebensmittelsicherheitsgesetze.
Auch das Umweltproblem ist nicht verschwunden. Die weltweite Abkehr von Einweg-Plastikstrohhalmen stellt Bubble Tea vor eine praktische technische Schwierigkeit: Papierstrohhalme weichen im Getränk auf, Metallstrohhalme werden als unangenehm heiß empfunden, biologisch abbaubare Materialien sind zu teuer. Bei nachhaltigen Verpackungen macht das Getränk deutlich langsamere Fortschritte als beim Markenmarketing.
„Neue Teegetränke“ und eine verwässerte Geschichte
Daneben findet ein leiserer Wettbewerb statt.
Festlandchinesische Marken für sogenannte „neue Teegetränke“ – Heytea, Nayuki und Chagee – eröffnen in den vergangenen Jahren weltweit in hohem Tempo neue Filialen. Einige verfügen im Ausland bereits über ebenso viele oder mehr Standorte als bestimmte taiwanische Marken. Noch auffälliger ist ihre Marketingsprache: Der taiwanische Ursprung von Bubble Tea wird in ihren Erzählungen zunehmend durch unscharfe Begriffe wie „Teekultur“ oder „asiatische Teeinnovation“ verwässert. Für taiwanische Marken ist die Deutungshoheit des Herkunftsortes damit zu einem ebenso wichtigen und womöglich noch schwierigeren Wettbewerb geworden wie das Geschäft selbst.
Im Handel kann man mit Kapital und Eröffnungstempo konkurrieren. Deutungshoheit hängt davon ab, wessen Geschichte mehr Menschen kennen und glauben.
Taiwans Regierung und private Marken sind sich dessen durchaus bewusst. Bubble-Tea-Kulturveranstaltungen des Außenministeriums im Ausland, die Förderung durch die Overseas Community Affairs Council über taiwanische Gemeinschaften in anderen Ländern und die Entscheidung von Chun Shui Tang, Lin Xiu-huis Geschichte ganz oben auf der eigenen Website zu platzieren, sind Formen defensiver Erzählpolitik. Sie sollen verhindern, dass das Etikett „Made in Taiwan“ verblasst. Auf dem Weltmarkt trinken Kunden jedoch ein Erlebnis und keine Herkunftsgeschichte. Dieser Kampf wird daher niemals enden.
Eine Bewegung, die weiterlebt
Lin Xiu-huis Bewegung aus dem Jahr 1987 ist bis heute die auffälligste Geschichte auf der Website von Chun Shui Tang. Der Milchtee mit Tapiokaperlen verkaufte sich innerhalb weniger Monate besser als alle anderen Getränke. Gerade deshalb kommt diese Episode einem „Ursprungsmythos“ des Getränks am nächsten.
Im Jahr 2026 kostet es jedoch weit mehr Kraft, die Worte „in Taiwan erfunden“ im Zentrum dieser Geschichte zu halten, als damals die Perlen in den Milchtee zu schütten. Wie viele Menschen trinken jeden Tag Bubble Tea, ohne zu wissen oder sich dafür zu interessieren, woher er stammt? Diese Zahl lässt sich kaum ermitteln.
Jener Moment wusste natürlich nicht, was er auslöste. Große Zufälle wissen das nie.
Weiterlesen
- Überblick über die taiwanische Küche — eine Karte von indigenen Traditionen bis Michelin und der Platz von Bubble Tea in 400 Jahren kulinarischer Vermischung
- Taiwans Kultur handgeschüttelter Getränke — die weltweite Expansion von 50 Lan, Gong Cha, CoCo und anderen Marken in mehr als 40 Länder
- Teekultur — von John Dodds Oolongtee im Jahr 1865 bis zum heutigen Hochlandtee und der Qualitätsgeschichte taiwanischen Tees
Quellen
- Offizielle Website von Chun Shui Tang: die Erfindung von Bubble Tea (Primärquelle)
- CNN Travel: The rise of bubble tea, one of Taiwan's most beloved beverages (mit Lin Xiu-huis Aussage)
- ETtoday: Wer erfand Bubble Tea? Urteil nach zehn Jahren Rechtsstreit zwischen Chun Shui Tang und Hanlin (Bericht über das Urteil von 2019)
- Datenanalyse zum taiwanischen Markt für handgeschüttelte Getränke (Statistiken des taiwanischen Finanzministeriums, Primärdaten)
- TIME: What Is the Milk Tea Alliance? (Hintergrund zur Milk Tea Alliance)
- Maximize Market Research: Global Bubble Tea Market Size 2024 (weltweite Marktdaten)
- PubMed: 2011 Taiwan food scandal — plasticizer contamination (wissenschaftliche Primärquelle zu 965 verunreinigten Produkten)
- National University Hospital Singapore: What happens if you drink too much bubble tea? (Quelle der Aussage von Dr. Martin Lee)
Verwandte Themen: Nachtmarktkultur, taiwanische Imbissgerichte und taiwanische Esskultur.