Der Jahrhundertwandel der taiwanischen Aquarellmalerei
Taiwan hat weltweit eine der höchsten Dichten an Aquarell-Lernenden und hat in den letzten Jahren bei internationalen Aquarellwettbewerben wiederholt hervorragende Ergebnisse erzielt. Von der Farbkiste, die ein japanischer Lehrer während der japanischen Kolonialzeit mitbrachte, bis zu den heutigen drei landesweiten Aquarellvereinigungen, die nebeneinander bestehen und jedes Jahr eine internationale Aquarell-Expo veranstalten – die taiwanische Aquarellmalerei hat einen vollen Jahrhundertweg zurückgelegt.
Aussaat: Ishikawa Kinichirō und die erste Generation (1907–1945)
1907 kam der japanische Aquarellmaler Ishikawa Kinichirō (1871–1945) zum ersten Mal nach Taiwan und unterrichtete an der Sprachschule des Generalgouvernements von Taiwan. Er hatte sich die westliche impressionistische Sehweise zu eigen gemacht und betrachtete das Freilichtzeichnen als Weg zur Erfassung natürlicher Schönheit. Ishikawa lehrte nicht nur Technik – er lehrte seine Schüler, Taiwan mit ihren eigenen Augen zu sehen. In jener Zeit, als die taiwanische Kunstwelt noch von Kalligrafie und Tempelverzierungen dominiert wurde, war es bereits ein Akt der Rebellion, überhaupt zum Aquarellpinsel zu greifen.
Ishikawa bildete Taiwans erste Generation westlich geprägter Maler aus: Ni Chiang-huai (1894–1943) war einer der frühesten Aquarellmaler Taiwans und zugleich der erste einheimische Sammler, der die Kunstbewegung mit eigenem Geld förderte; Lee Tze-fan (1907–1989) wurde für seine Landschaften aus Hsinchu bekannt und brachte die Aquarellmalerei in das taiwanische Lehrerausbildungssystem; Chen Cheng-po (1895–1947) wurde zwar vor allem berühmt, weil seine Ölgemälde für die kaiserliche Kunstausstellung ausgewählt wurden, doch auch seine Aquarellskizzen waren von gleicher Qualität – er kam während des Zwischenfalls vom 28. Februar ums Leben.
1927 setzten sich Ishikawa und weitere japanische Maler wie Shiotsuki Toho (1886–1954, Kunstlehrer an der Taihoku Higher School), Gobara Koto und Kinoshita Seigai gemeinsam für die Gründung der „Taiwan Fine Arts Exhibition“ (Taiten) ein, die dem Teiten in Japan selbst entsprach und zur wichtigsten Ausstellungsbühne für taiwanische Maler wurde.1 Nachdem Ishikawa 1932 nach Japan zurückgekehrt war, gründeten seine Schüler nach seinem Künstlernamen den „Ichiro-Kreis“, der weiterhin jährlich Ausstellungen veranstaltete.
1934 gründeten acht einheimische Maler westlicher Stilrichtung – darunter Liao Chi-chun, Chen Cheng-po und Yang San-lang – in Taipeh die „Taiyang-Kunstvereinigung“ (Taiyang Art Association), die erste rein von einheimischen Malern selbst organisierte unabhängige Kunstgruppe Taiwans. Die Taiyang-Vereinigung veranstaltete jährlich die Taiyang-Ausstellung, die parallel zur offiziellen Taiten-Ausstellung einen zweigleisigen Wettbewerb bildete und einheimischen Künstlern einen unabhängigen Ausstellungsraum bot, der nicht vom japanischen offiziellen System abhing.2
Blüte: Von der Nachkriegszeit bis zum einheimischen Erwachen (1945–1990)
Die Maler, die nach dem Krieg mit der Regierung der Republik China nach Taiwan kamen, brachten andere Einflüsse mit. Ma Pai-sui (1909–2003) verschmolz die Lavierungstechnik der chinesischen Tuschemalerei mit der Transparenz des westlichen Aquarells und lehrte Jahrzehnte an der National Taiwan Normal University, wo er unzählige Kunstlehrer prägte. Shiy De-jinn (1923–1981) arbeitete zwar hauptsächlich in Öl, fertigte aber in seiner Spätphase zahlreiche Aquarellskizzen von Taiwans alten Gehöften und Landschaften an; er war der erste Maler, der die Schönheit der taiwanischen Volksarchitektur im Aquarell festhielt. Seine Werke befinden sich heute im National Taiwan Museum of Fine Arts.
Lan Yin-ting (1903–1979) war einer der herausragendsten Schüler Ishikawas. 1929 wurde er auf Empfehlung Ishikawas zum Mitglied der Royal Watercolour Society gewählt; 1971 wurde er von der Kunstkritik zu einem der „zehn besten Aquarellmaler der Welt“ gewählt (die häufig zitierte Quelle wird als „Euro-American Art Critics Association“ bezeichnet; den genauen Namen der Organisation kann man in den Originalaufzeichnungen der Chang-Hsi-Stiftung nachlesen3) – dies war der erste Auftritt der taiwanischen Aquarellmalerei auf internationaler Bühne. Lan Yin-ting verband Aquarelltechnik mit dem Pinselgeist der chinesischen Tuschemalerei und widmete sich der Darstellung taiwanischer Landschaften; er wurde vom Außenministerium als Staatsgeschenk-Maler ausgewählt.
Liu Chi-wei (1912–2002) ist eine weitere Legende. Er begann erst mit 38 Jahren zu malen – ursprünglich war er Ingenieur –, wurde aber zu einem der beliebtesten Aquarellmaler Taiwans. Liu Chi-wei verband anthropologische Feldforschung mit künstlerischem Schaffen; seine Reisen führten ihn nach Borneo und Papua-Neuguinea, und sein Aquarellstil trägt die naive Unmittelbarkeit und Lebenskraft primitiver Kunst in sich.
Hsiao Ju-sung (1922–1992) wiederum ist das Vorbild des „Lehrer-Malers“. Er unterrichtete über vierzig Jahre lang in Hsinchu; seine Aquarelle sind für ihre präzise Komposition und ruhige Atmosphäre bekannt. Heute trägt der nach ihm benannte Hsiao-Ju-sung-Kunstpark in Hsinchu seinen Namen.
Vereinigung: Die drei großen Verbände und internationale Vernetzung (1990–2010)
Ab den 1990er-Jahren trat die taiwanische Aquarellwelt in eine neue Phase der Organisation und Internationalisierung ein. Die Watercolor Painting Society of Taiwan ist die älteste landesweite Aquarellorganisation und veranstaltet regelmäßig Gemeinschaftsausstellungen; die Taiwan International Watercolor Society widmet sich vor allem der Förderung internationalen Austauschs und hat heute über 9.000 Facebook-Follower; die Chinese Asia Pacific Watercolor Art Association wiederum wird unter anderem von Hung Tung-piao vorangetrieben und folgt dem Leitgedanken „Aquarellkunst, Bildung und Liebe“.
Die drei Verbände pflegen engen Austausch mit Organisationen wie der Japan Watercolor Painting Society und der International Watercolor Society (IWS). Die 2020 in Taipeh veranstaltete „International Watercolor Art Expo“ gehört zu den größten Aquarellausstellungen Asiens; das Chimei Museum richtete zudem eine taiwanisch-japanische Austauschausstellung der Aquarellvereinigungen aus.
Yang En-sheng (1956–2022) ist die repräsentative Figur dieser Ära. Er porträtierte die taiwanische Ökologie – Schmetterlinge, Vögel, Pflanzen – in hyperrealistischem Aquarell; seine Werke besitzen sowohl künstlerischen Wert als auch naturwissenschaftlichen Dokumentationswert, und er wurde als „Taiwans Audubon“ (chinesisch: 乘貝爾, Quelle unklar) bezeichnet.
Gegenwart: Taiwanische Aquarellmalerei auf der internationalen Wettbewerbsbühne (2010–heute)
Chien Chung-wei (geb. 1968) ist der strahlendste Name der taiwanischen Aquarellmalerei auf internationaler Bühne. 2013 erschien erstmals ein zehnseitiges Porträt über ihn in einem französischen Aquarell-Kunstmagazin; 2015 wurde er als erster taiwanischer Maler mit der doppelten Signaturmitgliedschaft der American Watercolor Society (AWS) und der National Watercolor Society (NWS) ausgezeichnet; 2019 erhielt er zudem die AWS Dolphin Fellowship.4 Er hat in über zwanzig Ländern weltweit Workshops gegeben, und sein Buch „Yijing: Die Aquarellkunst von Chien Chung-wei“ wurde gleichzeitig in Taiwan und China veröffentlicht und als „einflussreichstes Buch des Jahres 2019“ ausgezeichnet. Chien Chung-weis Stil verbindet die chinesische Ästhetik des Yijing (Bildgehalts) mit westlicher Aquarelltechnik und beweist, dass Aquarell nicht nur ein „Einsteigermedium“ ist, sondern eine Sprache, die tiefgreifenden künstlerischen Ausdruck tragen kann.
Hung Tung-piao (geb. 1955) ist ein weiterer bedeutender zeitgenössischer Aquarellkünstler und -pädagoge. Er studierte an der Kunstfakultät der National Taiwan Normal University, gewann den ersten Preis der Provinz-Kunstausstellung sowie die Literatur- und Kunstmedaille und errang den Hauptpreis der Landschaftskategorie beim internationalen Aquarellwettbewerb in Malaysia. Als langjähriger stellvertretender Vorsitzender der Chinese Asia Pacific Watercolor Art Association fördert er die internationale Sichtbarkeit der taiwanischen Aquarellmalerei.
Hsieh Ming-chang (geb. 1955) zeichnet sich vor allem durch Aquarellpädagogik und theoretische Schriften aus. Er war außerordentlicher Professor an der Kunstfakultät der National Taiwan University of Arts und verfasste pädagogische Klassiker wie „Die Geheimnisse der Aquarelltechnik“ und „Aquarellschöpfung“, mit denen er eine große Zahl taiwanischer Aquarellmaler der mittleren Generation ausbildete.
Die von der Taiwan Land Development Corporation veranstaltete Ausstellung „Flowing Transformation: Taiwan 50 Modern Watercolor Exhibition“ stellte 22 repräsentative Maler vor, die einen Zeitraum von fünfzig Jahren umspannen – von Lan Yin-ting und Lee Tze-fan bis zu Chien Chung-wei – und ist die vollständigste Rückschau auf die Geschichte der taiwanischen Aquarellmalerei der letzten Jahre.
Warum ist die Aquarellmalerei in Taiwan besonders lebendig?
Dieses Ergebnis ist das Resultat mehrerer, sich über lange Zeit verflechtender Faktoren. Das tiefe Fundament, das in der japanischen Kolonialzeit gelegt wurde, darf nicht unterschätzt werden: Ishikawa Kinichirō lehrte nicht nur das Malen, er etablierte die Tradition des Freilichtzeichnens und das Ausstellungssystem. Das Lehrerausbildungssystem machte Aquarellmalerei zu einem Kernfach – von Lee Tze-fan und Ma Pai-sui bis zur heutigen Kunstfakultät der National Taiwan Normal University beherrscht jede Generation von Kunstlehrern das Aquarellieren. Auch die Zugänglichkeit des Materials trägt dazu bei: Aquarellwerkzeuge sind leicht zu transportieren und preisgünstig, und im feuchten Klima Taiwans entstehen dadurch sogar einzigartige Wassereffekte. Der Zusammenhalt der Gemeinschaft zeigt sich in dem dichten Lern- und Ausstellungsnetzwerk, das die drei großen Verbände zusammen mit den lokalen Malzirkeln bilden. Schließlich sind da die internationalen Verbindungen: Von Lan Yin-tings Mitgliedschaft in der Royal Watercolour Society bis zu Chien Chung-weis AWS-Mitgliedschaft erringen taiwanische Maler kontinuierlich Plätze in internationalen Organisationen.
Quellen
Weiterführende Lektüre: Periodisierung der Entwicklung der taiwanischen Aquarellmalerei | Taiwan Land | Taiwan malen: Eine neue Ära der Kunst – Lan Yin-ting, Liao Chi-chun | Außenministerium NGO Zweisprachiges Netz | Professor Hung Tung-piao | National Art Alliance | Hsieh Ming-chang — Wikipedia | Flowing Transformation: Taiwan 50 Modern Watercolor Exhibition | Taiwan Land Development | Taiwanisch-japanische Austauschausstellung der Aquarellvereinigungen | Chimei Museum | Zehn künstlerische Persönlichkeiten aus Taiwan — Google Arts & Culture / National Taiwan Museum of Fine Arts | Yijing: Die Aquarellkunst von Chien Chung-wei | Books.com.tw
- Ishikawa Kinichirō — Wikipedia + Shiotsuki Toho — Wikipedia — Bestätigt, dass vier japanische Maler 1927 gemeinsam die Gründung der Taiten vorantrieben; Shiotsuki Toho, 1886–1954, Kunstlehrer an der Taihoku Higher School.↩
- Taiyang-Kunstvereinigung — Wikipedia — Bestätigt die Gründung am 12. November 1934 durch acht einheimische Maler, darunter Liao Chi-chun, Chen Cheng-po und Yang San-lang – die erste rein einheimische unabhängige Kunstgruppe Taiwans.↩
- Lan Yin-ting – Ein östlicher Aquarellstil im Namen Taiwans | Chang Foundation for Art and Culture — Mitgliedschaft in der Royal Watercolour Society 1929; Quelle für die Auszeichnung zu einem der zehn besten Aquarellmaler 1971. Für die genaue Bezeichnung der „Euro-American Art Critics Association“ wird empfohlen, die Originalquellen zu prüfen.↩
- Chien Chung-wei | Taoyuan Online Museum of Art — Bestätigt die doppelte Signaturmitgliedschaft bei AWS und NWS im Jahr 2015 sowie die Dolphin Fellowship 2019.↩