30-Sekunden-Überblick: Der 1954 geborene Chu Tsung-ching erwarb 1982 das Diplom als Schlagzeugvirtuose an der Wiener Musikhochschule, gründete 1986 Taiwans erstes professionelles Schlagzeugensemble und etablierte 1991 ein vollständiges Lehrsystem. In 40 Jahren führte er das Schlagzeug vom Rand der Konzertsäle in den Mainstream, erhielt 2000 den Nationalen Kulturpreis und wird als „Vater des taiwanesischen Schlagzeugs“ verehrt.
Im Sommer 1982 kehrte der 28-jährige Chu Tsung-ching von der Wiener Musikhochschule zurück, frisch diplomiert als Schlagzeugvirtuose. Damals war „Schlagzeug“ für die meisten Taiwaner noch ein fremdes Wort, ganz zu schweigen von professionellen Schlagzeugensembles. Doch Chu Tsung-ching hatte eine klare Vision: In Taiwan ein vollständiges Schlagzeugsystem aufzubauen, damit diese von Rhythmus und Vitalität erfüllte Kunstform auf taiwanesischem Boden Wurzeln schlagen und gedeihen konnte.
Vierzig Jahre später ist Taiwan zu einer wichtigen Basis der Schlagzeugentwicklung in Asien geworden. Von professionellen Aufführungen bis zur musikalischen Früherziehung für Kleinkinder, von Konzertsälen bis in die Schulen – das Schlagzeug ist tief in Taiwans Musikkultur verwurzelt. Der Ausgangspunkt all dessen war die Entscheidung jenes jungen Musikers, nach Taiwan zurückzukehren und zu gründen.
Musikalische Prägung im Wiener Studium
Chu Tsung-ching wurde 1954 geboren und zeigte schon früh großes Interesse an Musik. Als er in den 1970er Jahren an der Nationalen Kunstfachschule (heute Nationale Universität der Künste Taiwan) Musik studierte, war sein Hauptfach ursprünglich Klavier. Doch bei einer zufälligen Begegnung mit dem Schlagzeug wurde er sofort von der Vielfalt dieser Instrumentenfamilie tief fasziniert.
In Taiwan war das Schlagzeug damals ein extrem randständiges Feld. Es gab keine professionellen Lehrkräfte, keine systematischen Lehrmaterialien, erst recht keine professionellen Aufführungsmöglichkeiten. Doch Chu Tsung-ching wurde von der Vielfalt und Ausdruckskraft des Schlagzeugs tief erschüttert – von der Würde der Pauken, der Helle des Xylophons bis zu den Besonderheiten verschiedenster ethnischer Schlaginstrumente: Jedes besitzt einen einzigartigen Klang und eigene Ausdrucksmöglichkeiten.
1979 entschied sich Chu Tsung-ching, zum Studium an die Wiener Musikhochschule zu gehen. Diese Entscheidung war damals äußerst mutig – nicht nur Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede galt es zu überwinden, sondern auch in einer völlig fremden Musiktradition den eigenen Platz zu finden. Doch er wusste: Um das Schlagzeug in Taiwan zu verbreiten, musste er zuerst die professionellste Ausbildung erhalten.
In den drei Studienjahren in Wien lernte Chu Tsung-ching nicht nur virtuose Spieltechnik, sondern vor allem erweiterte sich sein Verständnis für die Künstlerische des Schlagzeugs. Die europäische Musiktradition lehrte ihn, dass Schlagzeug keineswegs nur „Herumklopfen“ ist, sondern eine Kunst, die höchste Technik und Musikalität erfordert.
1986: Das erste Jahr des taiwanesischen Schlagzeugs
Nach seiner Rückkehr aus Wien 1982 gründete Chu Tsung-ching nicht sofort ein Ensemble. Zunächst sammelte er Erfahrung im Bildungsbereich, beobachtete das taiwanesische Musikumfeld und überlegte, wie er das in Europa Erlernte mit Taiwans kulturellem Boden verbinden könne.
Am 2. Januar 1986 wurde das Chu Tsung-ching Schlagzeugensemble offiziell gegründet – Taiwans erstes professionelles Schlagzeugensemble. Anfangs bestand das Ensemble nur aus vier Mitgliedern, die Aufführungsorte waren begrenzt, doch Chu Tsung-ching hatte eine klare Mission: Durch hochwertige Aufführungen das stereotype Bild des Schlagzeugs in der Öffentlichkeit zu verändern.
Die erste offizielle Aufführung des Ensembles fand im Taipei New Stage statt. Das Programm war sorgfältig gestaltet und umfasste klassische, moderne und Weltmusik. Die Aufführung stieß auf begeisterte Resonanz, die Medien berichteten vielfach über diese „erschlagende Schlagkunst“. Damit begann das Chu Tsung-ching Schlagzeugensemble, in Taiwans Musikszene aufzutauchen.
In den ersten Jahren nach der Gründung investierte Chu Tsung-ching fast seine gesamte Zeit in Aufführungen und Promotion. Von formellen Konzertsälen bis zu Schul-Tourneen, von Firmenveranstaltungen bis zu Gemeindeaufführungen – sie wollten mehr Menschen den Reiz des Schlagzeugs näherbringen. Diese „bodenständige“ Promotionsstrategie zeigte schnell Wirkung: Das Schlagzeug begann, in Taiwan eine stabile Zuschauerschaft aufzubauen.
1991: Das Lehrsystem – der Schlüssel zur Verankerung
1991 traf Chu Tsung-ching eine noch wichtigere Entscheidung: die Gründung des Chu Tsung-ching Schlagzeug-Lehrsystems. Er wusste: Damit das Schlagzeug in Taiwan wirklich Wurzeln schlägt, reichen professionelle Aufführungen nicht aus – man muss bei der Bildung ansetzen.
Die Besonderheit dieses Lehrsystems liegt in seiner Systematik und Stufengestaltung. Von der musikalischen Früherziehung für Zweijährige bis zu professionellen Erwachsenenkursen – jede Stufe verfügt über einen vollständigen Lehrplan. Chu Tsung-ching legte besonderen Wert auf die Früherziehung. Er glaubte: „Herumklopfen ist den Kindern angeboren“ – durch angemessene Anleitung könne man das Interesse der Kinder an Musik und ihren Rhythmusssinn fördern.
Seit der Gründung vor über 30 Jahren hat das Lehrsystem über 60 Lehrzentren in ganz Taiwan eingerichtet und mehr als 200.000 Schüler ausgebildet. Zwar werden nicht alle zu professionellen Musikern, doch alle haben im Musiklernen Freude und Wachstum erfahren. Noch wichtiger: Sie wurden zu treuen Zuschauern des Schlagzeugs und legten so ein tiefes gesellschaftliches Fundament für Taiwans Schlagzeugentwicklung.
Kulturelle Diplomatie auf der internationalen Bühne
Das Chu Tsung-ching Schlagzeugensemble wirkt nicht nur in Taiwan, sondern expandiert aktiv international. Seit den 1990er Jahren wurde das Ensemble wiederholt zu wichtigen internationalen Musikfestivals eingeladen, darunter das Asien-Musikfestival und das Europäische Festival für zeitgenössische Musik. Die Fußspuren des Ensembles reichen in 35 Länder und Regionen, mit über 3000 Aufführungen.
Bei internationalen Auftritten legt Chu Tsung-ching besonderen Wert auf die Präsentation taiwanesischer Musikelemente. Das Ensemble bindet häufig taiwanesische Volkslieder, indigene Musik und sogar moderne Popmusik in die Aufführungen ein und erzählt mit der Sprache des Schlagzeugs Taiwans Geschichten der Welt. Dieser kulturell fusionierte Aufführungsstil verschaffte der internationalen Musikszene ein neues Verständnis für Taiwans Musik.
2008 wurde das Ensemble eingeladen, bei den Kulturveranstaltungen vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking aufzutreten – ein wichtiger Auftritt einer taiwanesischen Kunstgruppe bei einem internationalen Großereignis. Solche internationalen Auftrittsmöglichkeiten steigerten nicht nur die Bekanntheit des Ensembles, sondern wurden auch zu wichtigen Trägern Taiwans kultureller Diplomatie.
Kulturelle Förderung in der Ära der „Zwei Hallen“
2001 übernahm Chu Tsung-ching die Leitung des Nationalen Chung-Cheng-Kulturzentrums (der „Zwei Hallen“), nach der Umwandlung in eine Verwaltungsjuristische Person 2004 als erster Künstlerischer Direktor. Diese Position ermöglichte es ihm, die Entwicklung Taiwans darstellender Künste auf höherer Ebene voranzutreiben.
Während seiner Amtszeit bei den „Zwei Hallen“ initiierte Chu Tsung-ching viele innovative Programme, darunter die „Sommer-Jazz-Party der Zwei Hallen“ und den „Neue-Ideen-Experimentierraum“. Er legte besonderen Wert auf interdisziplinäre Zusammenarbeit und förderte aktiv die Verbindung von Musik, Tanz, Theater und anderen Kunstformen, wodurch viele beeindruckende Werke entstanden.
Er trieb auch die Kunstbildung stark voran, organisierte diverse Familienkonzerte, Einführungsveranstaltungen und Kunstcamps. In Chu Tsung-chings Vorstellung sollte ein Theater kein Elfenbeinturm elitärer Kultur sein, sondern ein wichtiger Ort der künstlerischen Allgemeinbildung für alle. Diese Idee der „Veralltäglichung der Kunst, Verkunstlichung des Alltags“ prägte die Entwicklungsrichtung von Taiwans darstellenden Künsten nachhaltig.
Die Anerkennung durch den Nationalen Kulturpreis 2000
2000 erhielt Chu Tsung-ching den vierten Nationalen Kulturpreis für seinen herausragenden Beitrag zur Entwicklung von Taiwans Musikkultur. Dieser Preis würdigte nicht nur seine persönlichen Leistungen, sondern erkannte die gesamte Entwicklung des taiwanesischen Schlagzeugs an.
In der Begründung des Preisrichterkomitees hieß es: „Chu Tsung-ching hat mit seiner professionellen Fähigkeit und Leidenschaft erfolgreich ein vollständiges Schlagzeugsystem in Taiwan aufgebaut, nicht nur zahlreiche Musiktalente ausgebildet, sondern das gesamte Musikumfeld gehoben.“ Diese Würdigung fasst Chu Tsung-chings Beitrag zur taiwanesischen Kultur präzise zusammen.
Neben dem Nationalen Kulturpreis erhielt Chu Tsung-ching viele weitere wichtige Ehrungen, darunter den Literatur- und Kunstschaffenspreis des Bildungsministeriums und den Chung-Shan-Kulturpreis. Er sagt jedoch oft: Sein größter Erfolg sei es, die Metamorphose des Schlagzeugs in Taiwan von der Nichtexistenz zur Existenz, von der Nische zum Mainstream miterlebt zu haben.
Innovative Versuche der interdisziplinären Zusammenarbeit
Ein weiterer wichtiger Beitrag Chu Tsung-chings ist die Förderung der Verbindung von Schlagzeug mit anderen Kunstformen. Schon bei der Ensemblegründung 1986 kooperierte er mit dem Cloud Gate Dance Theatre bei der Aufführung des klassischen Tanzstücks „Die Weitergabe“ (薪傳) und schuf ein Vorbild für die Verbindung von Musik und Tanz.
Seither arbeitete das Ensemble mit dem Cloud Gate Dance Theatre, dem Lanling Theatre, dem Performance Workshop und anderen wichtigen Kunstgruppen zusammen und schuf viele interdisziplinäre Werke. Die 1989 mit dem Lanling Theatre entstandene „Glühwürmchen“ (螢火) gilt als wichtiger Meilenstein in Taiwans Theatergeschichte.
Chu Tsung-ching suchte auch aktiv die Zusammenarbeit mit der Popmusikszene und trat mit Musikern wie Lo Ta-yu, Li Tsung-sheng und Wu Bai auf. Diese Überwindung der Grenzen zwischen klassischer und populärer Musik ließ mehr junge Menschen das Schlagzeug kennenlernen und brachte der traditionellen Musik neue Vitalität.
Amtszeit als Präsident der Nationalen Universität der Künste Taipeh
Von 2006 bis 2013 war Chu Tsung-ching Präsident der Nationalen Universität der Künste Taipeh. In diesen sieben Jahren widmete er sich der Steigerung der Qualität der Kunstausbildung, der Förderung des internationalen Austauschs und machte die Universität zu einem wichtigen Zentrum der Kunstausbildung in Asien.
Während seiner Präsidentschaft legte Chu Tsung-ching besonderen Wert auf interdisziplinäre Integration. Er förderte die Zusammenarbeit zwischen Musik, Tanz, Theater, Bildender Kunst und anderen Fachbereichen und ermutigte Studierende, diverse Kunstformen kennenzulernen. Diese ganzheitliche Kunstausbildungsidee brachte viele künstlerisch tätige Menschen mit innovativem Denken hervor.
Er trieb auch aktiv die internationale Zusammenarbeit voran und knüpfte Austauschbeziehungen zu vielen renommierten Kunsthochschulen in Europa, Amerika und Asien. Durch seine Bemühungen wurde die Universität nicht nur zur ersten Wahl für taiwanesische Studierende für künstlerische Weiterbildung, sondern zog auch viele internationale Studierende an.
Fortgesetzte Innovation in der Musikverbreitung
Auch mit fast siebzig Jahren innoviert Chu Tsung-ching weiterhin in der Musikverbreitung. In jüngerer Zeit nutzt er aktiv digitale Technologien zur Förderung des Schlagzeugs – durch Online-Kurse, VR-Aufführungen und andere Wege, um mehr Menschen den Zugang zum Schlagzeug zu ermöglichen.
Während der Pandemie 2020 veranstaltete das Chu Tsung-ching Schlagzeugensemble mehrere Online-Konzerte, die nicht nur die Verbindung zum Publikum aufrechterhielten, sondern auch neue Möglichkeiten der Musikdarbietung eröffneten. Dieser Geist der zeitgemäßen Innovation ist der Schlüssel zu Chu Tsung-chings anhaltendem Erfolg über 40 Jahre.
Chu Tsung-ching legt auch großen Wert auf die Heranbildung der jungen Generation. Das Ensemble veranstaltet regelmäßig „Schlagzeug-Sommercamps“, „Jugend-Schlagzeugensemble“ und andere Aktivitäten, um jungen Menschen, die sich dem Schlagzeug widmen wollen, professionelle Anleitung zu bieten. Viele heute in Taiwans Musikszene aktive Schlagzeugvirtuosen waren einst Schüler Chu Tsung-chings.
Kultureller Einfluss über 40 Jahre
Blickt man auf Chu Tsung-chings 40-jähriges Wirken zurück, ist sein Einfluss auf Taiwans Kultur allumfassend. Erstens gelang es ihm, eine Nischenkunst zu einer der breiten Öffentlichkeit vertrauten Musikform zu machen und den musikalischen Horizont der Taiwaner zu erweitern. Zweitens hat das von ihm aufgebaute Bildungssystem Zehntausende Musiklernende hervorgebracht und das musikalische Niveau der Gesamtgesellschaft gehoben.
Noch wichtiger: Chu Tsung-ching bewies, dass Kultur und Kunst auch erfolgreiche soziale Unternehmungen sein können. Sein Betriebsmodell verbindet künstlerische Ideale mit kommerzieller Nachhaltigkeit und bietet anderen Kunstgruppen in Taiwan ein wichtiges Referenzmodell. Diese Pionierpraxis der „Kultur- und Kreativwirtschaft“ hat weitreichende Auswirkungen auf die Entwicklung von Taiwans Kulturindustrie insgesamt.
Chu Tsung-ching sagt oft: „Musik kennt keine Grenzen, aber Musiker haben eine Heimat.“ Er hofft, durch die Kraft der Musik der Welt Taiwans kulturelle Vitalität zu zeigen. In 40 Jahren hat er nicht nur diesen Wunsch verwirklicht, sondern unzählige Musikliebhaber für Taiwan herangebildet und ein tiefes Fundament für Taiwans kulturelle Entwicklung gelegt.
Die Geschichte dieses „Vaters des taiwanesischen Schlagzeugs“ lehrt uns: Kulturelle Kraft braucht Menschen, die langfristig pflügen und kontinuierlich innovieren. Chu Tsung-ching hat in 40 Jahren den musikalischen Traum eines Einzelnen in ein kulturelles Asset der gesamten Gesellschaft verwandelt – diese Beharrlichkeit und Weitsicht verdienen das Lernen aller Kulturschaffenden.