30-Sekunden-Überblick: 1973 gründete der 26-jährige Literaturstudent Lin Huai-min ohne professionelle Tanz-Erfahrung das erste zeitgenössische Tänzerensemble Chinas, das „Cloud Gate Dance“. Gleichzeitig ließ der Peking-Opern-Schauspieler Wu Xing-guo Shakespeares „Macbeth“ auf Chinesisch sprechen. 50 Jahre später waren diese „unmöglichen Experimente“ auf über 200 Bühnen in mehr als 1700 Aufführungen zu sehen und bewiesen, dass auch eine kleine Insel eine Weltklasse-Kunstsprache erschaffen kann.
Frühling 1973, Taipeh. Der 26-jährige Lin Huai-min kehrte gerade aus dem Schriftstellerwerkstatt in Iowa zurück und hatte ursprünglich vor, als Schriftsteller zu arbeiten. Doch er traf eine „wahnsinnige“ Entscheidung: Eine Ballettgruppe zu gründen.
Wie wahnsinnig war diese Entscheidung? Lin Huai-min hatte keine professionelle Tanz-Ausbildung, Taiwan hatte damals keine einzige professionelle Ballettgruppe, geschweige denn ein Publikum. Doch er blieb bei seiner Idee: „Chinesische komponieren, chinesische choreografieren, chinesische tanzen für chinesische.“
Diese Idee wurde zur Cloud Gate Dance Group, die nicht nur Taiwans erste professionelle Ballettgruppe wurde, sondern auch das erste zeitgenössische Tänzerensemble der gesamten chinesischen Welt.
📝 Kurator-Notiz
Lin Huai-min wählte den Namen „Cloud Gate“ aus gutem Grund — abgeleitet aus dem „Lü Shi Chun Qiu“ mit dem Zitat „In der Zeit von Huang Di baute Da Rong ein Cloud Gate und eine große Rolle.“ Ein Mann, der modernen Tanz machen wollte, griff sich Inspiration aus einem 2000 Jahre alten Klassiker. Dieses Denken von „Klassik und Moderne nebeneinander“ wurde später zur wichtigsten DNA der taiwanesischen darstellenden Künste.
Cloud Gate Experiment: Als Literaturstudent auf Körpersprache traf
Lin Huai-min‘s Hintergrund bestimmte die Einzigartigkeit von Cloud Gate. Er war kein klassischer Tänzer, sondern ein Intellektueller, der in Literatur und Philosophie verwurzelt war. Dieses „Defizit“ wurde zur größten Stärke von Cloud Gate — weil er nicht von bestehenden Techniken eingeengt war, konnte er eine völlig neue Körpersprache erschaffen.
„Nine Songs“ (Jiǔgē) entstand aus Li Sao‘s „Chu Ci“, „The Smoke of Incense Sticks“ (Yīnchuán) behandelte taiwanesische Einwanderungsgeschichte, „Moon Reflection on Water“ (Shuǐyuè) integrierte Taijiquan — Jedes Werk von Cloud Gate versuchte eine Frage zu beantworten: Wie kann man mit dem Körper die tiefe kulturelle Erinnerung der Chinesen ausdrücken?
Die Antwort war beeindruckend. Die britische „Times Literary Supplement“ nannte Cloud Gate „das führende zeitgenössisches Tänzerensemble Asiens“, die deutsche „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ lobte es als „eine der führenden modernen Tänzergruppen der Welt“. 2003 stellte der Cheftänzer der „New York Times“ Cloud Gates „Moon Reflection on Water“ als seine Lieblingsaufführung des Jahres heraus.
Zahlen sagen mehr: In den letzten 50 Jahren trat Cloud Gate in über 200 Orten auf der Welt in mehr als 1700 Aufführungen auf. Von der Lincoln Center in New York bis zum Sadler’s Wells Theatre in London, vom Théâtre des Champs-Élysées in Paris bis zum Berliner Festspielen — Cloud Gate ist ein fester Gast bei wichtigen internationalen Kunstfestivals.
| Wichtige Meilensteine | Jahr | Bedeutung |
|---|---|---|
| Gründung der Cloud Gate Dance Group | 1973 | Erstes zeitgenössisches Tänzerensemble Chinas |
| Premiere von „Nine Songs“ | 1993 | Klassische Interpretation von Li Sao‘s „Chu Ci“ |
| „Moon Reflection on Water“ erhält Preis der „New York Times“ | 2003 | Höchste Anerkennung in der internationalen Tanzszene |
| Lin Huai-min tritt zurück, Zheng Zhonglong übernimmt | 2019 | Ende der 46-jährigen Gründungsära |
Ende 2019 trat Lin Huai-min nach 46 Jahren als künstlerischer Leiter von Cloud Gate zurück und übergab die Rolle an Zheng Zhonglong. Dies war nicht nur eine persönliche Übertragung, sondern symbolisch markierte den Übergang der taiwanesischen darstellenden Künste von der „Gründungsgeneration“ zur „Nachfolgegeneration“.
Zeitgenössisches Legenden-Theater: Als Shakespeare auf Chinesisch sprach
Wenn Cloud Gate von westlicher Moderne ausging und nach Osten suchte, so war das Weg des zeitgenössischen Legendentheaters genau entgegengesetzt — von der traditionellen Peking-Oper ausgehend und westliche Klassiker integrierend.
1986 gründete Wu Xing-guo das zeitgenössische Legendentheater mit seinem ersten Werk „The Desire Kingdom“ (Yùwàng Guó), eine Umsetzung von Shakespeares „Macbeth“ in Peking-Opern-Stil. Diese „unmögliche Mission“ hatte einen historischen Hintergrund: In den 1980er Jahren Taiwans befinden sich traditionelle Opern unter Druck, junge Menschen ziehen es modernen Theatern und Filmen vor.
⚠️ Kontroverse Sichtweise
Die Premiere von „The Desire Kingdom“ löste heftige Debatten aus. Traditionelle Kreise nannten es „unmöglich“, Moderne-Kreise fragten: „Ist es noch Peking-Oper?“ Wu Xing-guos Antwort war direkt: „Wer von diesen Kritikern versteht wirklich Peking-Oper? Peking-Oper ist von Natur aus vielfältig, ihr solltet sie nicht zu sehr verengen.“
Der Erfolg von „The Desire Kingdom“ übertraf alle Erwartungen. Die britische „Times Literary Supplement“ verglich Wu Xing-guo mit Laurence Olivier, „The Guardian“ nannte ihn „Taiwans Shakespeare“. Dieses Werk zeigte der Welt, wie chinesisches Schauspiel und westliche Dramatik zusammengebracht werden können, und etablierte das zeitgenössische Legendentheater auf der internationalen Bühne.
Noch wichtiger war die kreative Methode: Wu Xing-guo brachte nicht einfach Peking-Oper auf ein westliches Skript, sondern schuf nach tiefgehender Verständnis beider kultureller Traditionen eine „dritte Möglichkeit“. In über 30 Jahren entstanden Werke wie „The Count of Monte Cristo“ (Wángzǐ Fùqīng Jì), „The Tempest“ (Bàofēng Yǒu), „Waiting for Godot“ (Lǐ Ěr Zài Cǐ) und „The Scholars‘ Revenge“ (Dàng Kòu Zhì), wodurch das zeitgenössische Legendentheater zur einzigen taiwanesischen Gruppe wurde, die auf den drei wichtigsten internationalen Bühnen (Edinburgh, Avignon, Lincoln Center) aufgetreten ist.
2021 arbeitete das zeitgenössische Legendentheater mit dem taiwanesischen Unternehmen „AMBI SPACE“ zusammen und verwandelte „The Scholars‘ Revenge“ in eine Mischung aus realen Schauspielern und digitalen virtuellen Bildern — „The Scholars‘ Revenge: The Ultimate Hero“, ein neuer Versuch, traditionelle Oper mit moderner Technologie zu verbinden.
Klein-Theater-Bewegung: Die verborgenen Funken vor der Demokratisierung
In den 1980er Jahren entstand in Taiwan eine weitere Kraft. Unter dem politischen Kriegsrecht und der konservativen Atmosphäre wurde die unterdrückte taiwanesische Gesellschaft nach Ausdruck und Meinungsäußerung sucht. Die Klein-Theater-Bewegung war das Ergebnis dieser Energie.
Lanling Theater war der entscheidende Startpunkt. 1980 gegründet, ursprünglich als „Keng-Sheng Experiment Theater“, gegründet von Jin Shi-jie, künstlerisch betreut von Wu Qing-ji. Dieses erste taiwanesische Amateur-Experiment-Theater erzog Künstler wie Jin Shi-jie, Liu Ruo-yu, Li Guo-xiu, Li Li-qun, Yang Li-yin, Zhao Ziqiang und eine ganze Generation von Theatern.
💡 Wussten Sie schon?
Die Mitglieder von Lanling Theater kamen aus verschiedenen Berufen: Polizeibeamte, Rundfunkmitarbeiter, Studenten, Angestellte. Jeden Abend stiegen sie in die Keller von Chang’an East Road, „mischten ihre Persönlichkeiten, vermischten, zerkleinerten und backten schließlich einen Traum namens Theater.“
Das Besondere der Klein-Theater-Bewegung war ihre Experimentierfreude, ihre Modernität und ihre soziale Kritik. In einem relativ freien kreativen Raum konnten junge Theaterarbeiter neue spielerische Techniken ausprobieren, sensible soziale Themen behandeln und traditionelle spielerische Formen herausforen. Viele Werke behandelten direkt die wichtigsten gesellschaftlichen Themen Taiwans: Demokratisierung, lokales Bewusstsein, Umweltschutz und Geschlechtergleichstellung.
Dies war nicht nur künstlerische Schöpfung, sondern auch soziale Kritik und kulturelle Reflexion. Über das Theater als Plattform äußerten die Schöpfer ihre Beobachtungen und Kritik an gesellschaftlichen Phänomenen, während das Publikum während des Schauens seine soziale Rolle und Werte reflektierte.
Staatliche Bühnen: Die hardwarebedingte Transformation
Am 6. Oktober 1987 eröffneten das Nationaltheater und der Nationalkonzerthalle offiziell. Dieser Tag markierte den Beginn einer neuen Entwicklungsphase für die taiwanesischen darstellenden Künste.
Die Bedeutung der beiden Hallen lag nicht nur in der Hardware. Exzellente Einrichtungen zogen internationale Spitzenthemen an, während sie gleichzeitig lokalen Künstlern eine Bühne mit Weltklasse-Bedingungen boten. Noch wichtiger war, dass die beiden Hallen durch systematische Programmplanung und Publikumspflege nach und nach eine Kultur der taiwanesischen Bühnenkunst etablierten.
Seit ihrer Eröffnung 1987 bieten die beiden Hallen jährlich etwa 1000 Veranstaltungen mit über 650.000 Zuschauern. Diese Zahl steht für eine ganze Generation taiwanesischer Menschen, die ihre kulturelle Bildung erhielten.
Ein weiterer Schritt zur regionalen Ausgewogenheit: Am 13. Oktober 2018 eröffnete das Weiwuying National Center for the Arts in Kaohsiung. Als größtes Gebäude für Bühnenkunst weltweit, balancierte es nicht nur die Ressourcen der taiwanesischen Bühnenkunst zwischen Nord und Süd aus, sondern brachte durch innovative architektonische Gestaltung und vielfältige Programmplanung neue Lebensfreude in das kulturelle Leben SüdtTaiwans.
Weiwuying verfügt über ein Opernhaus mit 2236 Plätzen, ein Konzerthaus mit 1981 Plätzen, ein Schauspielhaus mit 1210 Plätzen und ein Veranstaltungssaal mit 434 Plätzen, insgesamt über 6800 Plätze, und ist eines der größten Bühnenkunstzentren Asiens.
Die Welt sieht Taiwan: Kultureller Export einer kleinen Insel
Die taiwanesischen Bühnenkünste haben auf internationalen Bühnen gezelt, dass auch ein kleiner Ort eine Weltklasse-Kunst schaffen kann. Ein wichtiges Merkmal dieses Erfolgs war: Nicht Nachahmung, sondern Synthese.
Cloud Gate vereinte östliche und westliche kulturelle Geister, das zeitgenössische Legendentheater verband traditionelle Opern mit modernem Theater, und die Klein-Theater-Bewegung brachte soziale Sorgen in die künstlerische Schöpfung — Die taiwanesischen Bühnenkünstler bewiesen stets, dass sie ihre kulturelle Identität bewahrten, während sie gleichzeitig neue Möglichkeiten für die globale Entwicklung der Bühnenkunst schufen.
✦ „Eine impulsive Entscheidung eines 26-jährigen Literaturstudenten erschütterte die Welt vor 50 Jahren.“
Noch wichtiger war, dass die taiwanesischen Bühnenkünste eine einzigartige kulturelle Perspektive boten. In einer globalisierten Welt bot Taiwan durch seine Synthese aus östlichen und westlichen kulturellen Stilen eine andere Form der künstlerischen Ausdrucksweise als die westliche Mainstream-Kultur. Diese Vielfalt reicherte nicht nur die globale Bühnenkunst, sondern bot auch anderen kulturellen Arbeitern wertvolle Referenzen.
Herausforderungen bleiben bestehen: Im Zeitalter der digitalen Unterhaltung, Veränderungen der Zuschauerstruktur und Ressourcenallokation, sind dies ständige Themen für die taiwanesische Bühnenkunstgemeinschaft. Doch angesichts der Entwicklung der letzten 50 Jahre hat die taiwanesische Bühnenkunst gezeelt, dass sie in schwierigen Zeiten innovativ bleibt und in Krisen neue Wege findet.
Die Entwicklung der taiwanesischen Theaterszene ist eine Geschichte von Mut und Beharrlichkeit, und auch eine Geschichte darüber, wie Kultur in der Flut der Globalisierung ihre eigene Identität bewahren kann. Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben.
Referenzen
- Cloud Gate Dance Group offizielle Website
- Contemporary Legend Theater offizielle Website
- National Concert Hall & National Theater
- Weiwuying National Center for the Arts
- Cloud Gate Dance Group Introduction - Ministry of Culture Taiwan Dance Information Network
- „The Desire Kingdom“: Ein 30-jähriges leidenschaftliches Feuer - The Reporter
- 40 Jahre Lanling Theater, der Traum vom Theater - The Reporter
- Eröffnung der Nationaltheater & Konzerthalle - National Cultural Memory Bank
- Weiwuying National Center for the Arts eröffnet - Kaohsiung Art Review