Lai Ho: Der „Mazu von Changhua“ im Inselkleid und sein unverbiegsamer Waagebalken

Kurz vor dem Neujahrsabend 1943 verbrannte der berühmte Arzt Lai Ho aus Changhua wie jedes Jahr die Schuldenrechnungen seiner armen Patienten. Dieser als „Vater der neuen taiwanesischen Literatur“ gefeierte Arzt rettete unter dem Druck der Kolonialherrschaft mit dem Skalpell Menschen und kritisierte mit dem Stift das Unrecht; sein Werk „Ein Waagebalken“ (一桿「稱仔」) ist bis heute das kulturelle Symbol Taiwans im Widerstand gegen Gewalt der Macht.

30-Sekunden-Überblick: Lai Ho (1894-1943) war der einflussreichste Arzt-Autor der japanischen Kolonialzeit. Mit einer Hand rettete er mit dem Skalpell die Armen, geehrt als „Mazu von Changhua“ und „Xianzi He“; mit der anderen gründete er die taiwanesische Umgangssprachliteratur und kritisierte das Unrecht der Kolonialherrschaft. Sein Leben verdichtet den Kampf und die Würde der Taiwaner unter japanischer Herrschaft – insbesondere die jährliche Verbrennung der Schuldscheine der Patienten am Silvesterabend und das Schreiben aus dem Gefängnis bleiben bis heute die Maßstäbe taiwanesischer Heilkunst und menschlichen Geistes.

„Die Welt lässt keine Macht zu, der Tapfere muss für die Gerechtigkeit kämpfen.“1

Am 8. Dezember 1941, am Tag des Angriffs auf Pearl Harbor, wurde in Changhua ein Arzt mit Schnurrbart und Inselkleid (traditionelle leichte taiwanesische Kleidung) ohne jeden Anlass von der japanischen Militärpolizei abgeführt. Es war seine zweite Inhaftierung. Im Gefängnis schrieb er auf grobem Papier das von Unterdrückung und Nachdenken erfüllte „Gefängnistagebuch“.

Dieser Arzt hieß Lai Ho, aber bekannter war er als „Vater der neuen taiwanesischen Literatur“.

Der „Mazu von Changhua“ im Sprechzimmer: das Erwachen des Arztes von Chiayi bis Xiamen

1914 schloss Lai Ho die Medizinhochschule der Taiwan-Generalgouverneur-Verwaltung ab, absolvierte zuerst ein Praktikum in Taipeh und arbeitete 1914 bis 1915 im Chiayi-Krankenhaus der Generalgouverneur-Verwaltung (Vorläufer des heutigen Gesundheitsministeriums-Krankenhauses Chiayi).2 1918 reiste er nach Xiamen und arbeitete als Arzt in der Bo'ai-Klinik auf Gulangyu; dort erlebte er den Geist der Vierten-Mai-Bewegung und die soziale Realität Chinas. Nach der Rückkehr 1919 eröffnete er in Changhua die „Lai-Ho-Arztpraxis“.3

In der ständehart abgestuften Kolonialzeit zog es Lai Ho vor, den Anzug abzulegen und dauerhaft das Inselkleid zu tragen – kein bloßer Kleidungsstil, sondern eine politische Erklärung: Ablehnung der kolonialen Bürokratie, Parteinahme für die Menschen am unteren Ende.4

Die örtliche Bevölkerung nannte ihn ehrenvoll den „Mazu von Changhua“, „Xianzi Ho“ oder „Wiedergeburt des Hua Tuo“. Am bewegendsten ist sein Brauch vor jedem Silvesterabend: Er verbrannte die ärztlichen Schuldenrechnungen armer Patienten, damit diese „ohne Schulden ins neue Jahr gehen“. Als einmal ein Patient am Silvesterabend zum Zurückzahlen eilte, sagte er lächelnd: „Der Schuldschein ist schon verbrannt – zurückzahlen ist nicht nötig.“5 Neben der Praxis lag das „Nachbarschafts-Schutzhaus“ (乞食寮), ein Armenhaus; er lud oft alte Barden ein, die Mondzither zu spielen, und schrieb Volkslieder wie das „Lied von Xinyou“ (über den Aufstand von Tai Wan-sheng) in Heften auf – medizinische Praxis und Kulturbewahrung eng verschränkt.6

Der zerbrochene Waagebalken: der literarische Aufschrei nach dem Erlin-Ereignis

Lai Hos Literatur ist stets eng mit konkreten historischen Ereignissen verknüpft. 1925 brach das „Erlin-Zuckerrohrbauern-Ereignis“ aus; die Bauern leisteten gegen die Ausbeutung der Zuckerfabrik Widerstand und wurden von der Polizei niedergeschlagen – dies bewegte ihn zu seinem ersten neuen Gedicht „Opfer in der Erkenntnis“ (覺悟下的犧牲).7 Das im Februar 1926 veröffentlichte „Ein Waagebalken“ (一桿「稱仔」) ist der Vertreter dieses Widerstandsgeistes.

Der von einem Streifenpolizisten zerbrochene Waagebalken in der Geschichte symbolisiert die Gewalt, mit der die Kolonisatoren Gesetz und Macht willkürlich handhaben.8 Im Nachwort erwähnt Lai, das Werk sei stark von Anatole Frances „Crainquebille“ inspiriert, doch er wandelte es in die lokale taiwanesische Erfahrung um und zeigte den „Widerstand der Schwachen“.9

Zudem ist das im April 1931 unter dem Pseudonym „Ando Sheng“ in der „Taiwan Shinmin-Presse“ veröffentlichte lange Gedicht „Elegie des Südens“ (南國哀歌) ein wichtiges Werk, das der Erinnerung an den Musha-Vorfall dient und die koloniale Gewalt anklagt.10

„Vorwärts“: die Nüchternheit im Dunkeln und die Sorge um die Spaltung von Links und Rechts

1927 erlebte die Taiwanesische Kulturvereinigung eine schwere Spaltung zwischen Links und Rechts. Lai Ho, Vorstandsmitglied der Vereinigung, war zutiefst besorgt über die interne Selbstzehrung der Bewegung. In seinem Essay „Vorwärts“ (前進) schrieb er in allegorischer Manier:

„In diesem Dunkel gibt es dennoch die Möglichkeit, nicht vorwärts zu gehen. Wir wissen nicht, woher der Mut kommt, der uns furchtlos auf den unbekannten Weg vorwärts gehen lässt.“11

Am Ende der Geschichte gehen die beiden Figuren getrennte Wege – ein Symbol für die Divergenz der Intellektuellen in der Frage des Widerstandswegs. Er rief zur Einheit auf, um die begrenzte Kraft nicht in inneren Streit zu vergeuden.12 Diese Fürsorge zeigt sich auch in seiner Förderung des literarischen Nachwuchses: Yang Kui, Wang Shilang, Lu He-ruo, Wu Zhuo-liu und Ye Shitao gehörten alle zu den von ihm Angeleiteten und Geförderten.13

Sprache und Identität: Taiwanesisch in der Bruchlinie flicken

Lai Ho, in traditioneller chinesischer Gelehrsamkeit erzogen, tastete sich unter moderner westlicher Medizinausbildung und kolonialem Sprachkontext stets zwischen der „taiwanesischen Sprachschrift“ und der chinesischen Bai-Hua-Sprache voran. Beim Schreiben dachte er zuerst auf Chinesisch und schrieb auf Mandarin, fügte dann bewusst Hokkien-Vokabeln wie „稱仔“ (Waagebalken), „贌“ (Pacht) und „刻虧“ (Wucher) ein, um sich der Alltagssprache und Lebenserfahrung der taiwanesischen Menschen anzunähern.14

Wichtiges Werk Veröffentlichung Kernthema und historischer Bezug
„Heißes Getümmel“ (鬥鬧熱) 01/1926 Kritik an feudalen Bräuchen und Verschwendung, wahres Bild des Unterschichtenlebens
„Ein Waagebalken“ (一桿「稱仔」) 02/1926 Kritik der Rechtsgewalt, Echo auf das Erlin-Ereignis
„Herr Schlange“ (蛇先生) 01/1930 Konflikt zwischen moderner Medizin und Volksglauben, Gesellschaftskritik
„Elegie des Südens“ (南國哀歌) 04/1931 Trauer um den Musha-Vorfall, wichtiges Protestgedicht der Kolonialzeit
„Die Geschichte des Menschen, der gern klagte“ 12/1934 Satire auf die Ausbeutung des Volkes durch das koloniale Rechtsystem

Das Nachhallen des Tapferen: das literarische Symbol in der Halle der Treuen

Am 31. Januar 1943 starb Lai Ho an einer Herzerkrankung, 49 Jahre alt (nach ostasiatscher Rechnung 50). Geboren 1894, dem Jahr der Abtretung Taiwans an Japan, gestorben zwei Jahre vor der japanischen Niederlage – er erlebte ein halbes Jahrhundert kolonialen Leidens vollständig. In seinem Testament bescheiden als „nichts wert, ruhig verbrennen“ charakterisiert er seine Werke.15

Nach dem Krieg wurde Lai Ho 1951 in den Tempel zu Ehren der Treuen aufgenommen, 1958 aus politischen Gründen wieder entfernt und nach der Rehabilitation 1984 erneut geehrt.16 Heute tragen die „Lai-Ho-Gedichtwand“ am Fuß des Bagua-Bergs in Changhua (aus hundert Stahlplatten) seine Werke; jedes Jahr setzen Aktivitäten zum „Lai-Ho-Tag“ seinen Geist fort.17

📝 Kuratorennotiz: Lai Hos Geschichte zeigt: Der stärkste Widerstand ist keine Waffe, sondern das Mitgefühl für den Menschen und die nie erlöschende Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Seine Texte und das Bild des Inselkleids sind zur DNA der taiwanesischen Literatur geworden und geben den Nachgeborenen auch im Dunkeln den Mut, vorwärts zu gehen.

Referenzen

  1. Lai Ho „Wir Menschen“, Taiwan Minbao 1925 – frühes Gedicht mit dem Widerstandsbewusstsein „Die Welt lässt keine Macht zu, der Tapfere muss für die Gerechtigkeit kämpfen“.
  2. Lai Ho – Wikipedia – Grunddaten Leben 1894-1943, Abschluss der Medizinhochschule, Praktikum im Chiayi-Krankenhaus.
  3. Taiwan Memory – Nationalbibliothek + Open Museum Lai-Ho-Archiv – Arbeitsnachweis 1918 am Bo'ai-Krankenhaus auf Gulangyu, Xiamen.
  4. Offizielle Website der Lai-Ho-Kultur- und Bildungsstiftung – Dokumentation des Inselkleids als politische Erklärung.
  5. Lai-Ho-Stiftung: Mündliche Überlieferung zum Verbrennen der Schuldscheine – „Mazu von Changhua“, „Xianzi He“, jährliches Verbrennen der Schuldscheine armer Patienten an Silvester.
  6. Lai-Ho-Stiftung: Nachbarschafts-Schutzhaus und soziale Fürsorge – das Armenhaus neben der Praxis, Einladung alter Barden zur Mondzither, Aufzeichnung von Volksliedern wie dem „Lied von Xinyou“.
  7. Digitales Literaturmuseum der taiwanesischen Zuckerindustrie: Erlin-Ereignis und „Opfer in der Erkenntnis“ – das Erlin-Zuckerrohrbauern-Ereignis 1925 bewegte Lai zu seinem ersten neuen Gedicht.
  8. Ye Shitao „Grundriss der Geschichte der taiwanesischen Literatur“ (Qianwei Verlag, 1987) – erstes systematisches Werk zur taiwanesischen Literaturgeschichte, beschreibt „Ein Waagebalken“ als Vertreter der Kritik kolonialer Rechtsgewalt.
  9. Lai Ho, Nachwort zu „Ein Waagebalken“, 1926 – La Ho beschreibt selbst die Inspiration von Anatole Frances „Crainquebille“.
  10. „Elegie des Südens“ – Wikisource – am 25.04. und 02.05.1931 in der „Taiwan Shinmin-Presse“ veröffentlicht, Trauer um den Musha-Vorfall als langes Gedicht.
  11. Lai Ho, Essay „Vorwärts“, Taiwan Minbao 1928 – allegorische Schreibweise zur Sorge um die Spaltung der Kulturvereinigung, Ruf nach Einheit gegen innere Selbstzehrung.
  12. Taiwan Soka Association: Lai Ho, Handelnder Humanist – Lai-Ho-Literaturkritik-Rubrik: Details im Volltext des Originallinks.
  13. Ye Shitao „Grundriss der Geschichte der taiwanesischen Literatur“ – Nachwuchsförderung – Aufzeichnung der Förderung von Yang Kui / Wang Shilang / Lu He-ruo / Wu Zhuo-liu / Ye Shitao.
  14. Studien zur Sprachverwendung in Lai Hos Gesamtwerk – hrsg. Lin Rui-ming u.a. – Erforschung der dreischichtigen Mischung aus Chinesisch + Mandarin + Hokkien in der „taiwanesischen Sprachschrift“.
  15. Lin Rui-ming „Lai Ho und die neue taiwanesische Literaturbewegung“ (Qianwei Verlag) – klassisches Werk der Lai-Ho-Forschung, mit der Bescheidenheit des Testaments „nichts wert, ruhig verbrennen“.
  16. Halle der Treuen (Taiwan) – Wikipedia – Lai Ho 1951 aufgenommen / 1958 aus politischen Gründen entfernt / 1984 rehabilitiert und erneut geehrt.
  17. Kulturbehörde des Landkreises Changhua: Bagua-Berg-Literaturpfad und Lai-Ho-Gedichtwand – hundert Stahlplatten mit Lai-Ho-Werken, jährlicher „Lai-Ho-Tag“.
Über diesen Artikel Dieser Artikel wurde gemeinschaftlich sowie mit Unterstützung von AI verfasst und geprüft.
Schlagwörter
Lai Ho Taiwanesische Literatur Changhua Japanische Kolonialzeit Medizingeschichte Soziale Bewegung
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