Achtstimmiger Gesang: Ein lebendiges Fossil, das westliche Musikgeschichte herausfordert

Im Jahr 1943 nahm der japanische Musikwissenschaftler Kurosawa Roucha in den Bergen von Taitung das Pasibutbut des Punu-Volkes auf. Neun Jahre später erschütterte diese Aufnahme die internationale Musikwelt: Ein „schriftloses Volk“ sang einen Choral, den der Westen nur hochzivilisierten Kulturen zugeschrieben hatte.

30-Sekunden-Zusammenfassung: Im Jahr 1943 nahm der japanische Musikwissenschaftler Kurosawa Roucha in dem Dorf Kanting im Landkreis Taitung das Pasibutbut – ein Gebetslied zur Ernte des Punu-Volkes – auf. Neun Jahre später wurde diese Aufnahme bei der UNESCO eingereicht und schockierte die Musikwissenschaftler: Die westliche Theorie besagte, dass Chöre eine Folge hochzivilisierter Kulturen seien, doch das Punu-Volk erreichte dies in den Bergen ohne Schrift oder Instrumente allein durch menschliche Resonanz. Dieser Klang, bekannt als „Achtstimmiger Gesang“, ist bis heute die international bekannteste Stimme Taiwans.

Im Jahr 1943, am Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde der japanische Musikwissenschaftler Kurosawa Roucha vom Gouvernement Taiwan beauftragt und drang mit schwerem Aufnahmegerät in das Dorf Kanting im Landkreis Haidan, Taitung, ein1. Mit Hilfe lokaler Polizei und eines jungen Punu-Mannes namens „A Tao“ überwand er die Probleme instabiler Stromversorgung und schlechter Verkehr und nahm einen klanglichen Wandel der Musikgeschichte auf.

Kurosawa Roucha schrieb später: „Dies war die perfekteste Naturharmonie, die ich je gehört hatte.“2

Im Jahr 1952 sandte er diese Aufnahme an den Internationalen Volksmusikverband, zu dem die UNESCO gehört. Die vorherrschende westliche Musiktheorie sah damals die menschliche Musik als eine lineare „Zivilisationsentwicklung“ vom Monophonie über Polyphonie hin zur komplexen Harmonie. Das Pasibutbut durchbrach diese Linie3. Ein Volk ohne Schriftsystem sang etwas, das die Europäer nur hochzivilisierten Kulturen zuschrieben.

Nicht achtstimmig, aber mystischer

Der Name „Achtstimmiger Gesang“ ist eigentlich ein schöner Irrtum.

Aus musikalischer Sicht besitzt Pasibutbut tatsächlich nur vier Stimmen (manchmal fünf): die Bassstimme Mahalngal, die Mittelstimme Manda, die hohe Stimme Bondada und die höchste hinzugefügte Stimme am Ende4. Doch wenn die Punu-Leute mit extrem präzisen Resonanztechniken singen, entsteht ein physikalisches „Obertöne“-Phänomen zwischen Mensch und Raum – höhere Frequenzen werden über die Hauptmelodie gelegt, wodurch Zuhörer scheinbar acht oder sogar mehr Stimmen gleichzeitig hören5.

📝 Kuratorische Sichtweise: Diese Technik der kollektiven Obertongenerierung ähnelt dem Mongolischen „Khoomei“. Aber Khoomei ist eine Solotechnik; das Punu-Volk erreicht dies durch gemeinschaftliches Singen – die Schwierigkeit ist völlig anders.

Stimme Sprachebezeichnung Funktion
Bass Mahalngal Grundton, wie ein Erdbeben, liefert die Resonanzbasis
Mittel Manda Füllt den Raum, macht die Harmonie reich und voll
Hoch Bondada Die aufsteigende Hauptmelodie, symbolisiert das Wachstum des Maises
Obertöne (Overtones) Virtuelle Stimmen, erzeugt durch physikalische Resonanz

Die Punu-Leute haben diese Technik über Jahrtausende in den abgeschiedenen Wäldern bewahrt und weitergegeben, indem sie Wasserfälle, Bienen und Wind nachahmten6.

Gebet, das aufsteigt

Für die Punu ist Pasibutbut keine Darbietung, sondern ein Ritual. Das Lied wird nach dem Ohr-Fest (Da'er-Tsai) und vor der Aussaat gesungen, um die Götter Dehanin um eine reiche Maisernte zu bitten7.

Das Singen folgt strengen Regeln:

Die Stimme muss langsam von tief nach hoch aufsteigen, was das Wachstum des Maises symbolisiert. Fällt die Tonhöhe unterwegs ab oder wird falsch gesungen, gilt dies als ein Unglücksszeichen, das eine Katastrophe im Jahr ankündigt. Die Dorfbewohner glauben, dass unharmonisches Singen bedeutet, dass der Geist des Volkes unrein oder intern uneinig ist und daher die Götter keine Ernte schenken werden7.

Beim Singen bilden die Leute einen Kreis und legen ihre Hände auf den Rücken ihrer Nachbarn, um die Vibrationen in ihren Brustkästen zu spüren. Dies ist kein individueller Wettkampf, sondern ein Dialog des kollektiven Willens mit dem Gott. Traditionell war es nur Männern vorbehalten; vor dem Singen musste eine Reinigungszeremonie durchgeführt werden7.

📝 Kuratorische Sichtweise: Der „Qualitätskontroll“-Mechanismus von Pasibutbut ist extrem streng – falsches Singen ist nicht nur ein musikalischer Fehler, sondern eine Beleidigung des Gottes und ein Unglück für das ganze Volk. Die perfekte Darbietung unter diesem Druck ist vielleicht der Grund, warum diese Technik Jahrtausende lang verfeinert wurde.

Der Klang wird leiser

Im Jahr 2009 registrierte das Kulturministerium den „Achtstimmigen Gesang des Punu-Volkes“ als wichtiges traditionelles Kunstwerk und bestimmte mehrere Dörfer als Bewahrungsgemeinschaften8. Doch die Geschwindigkeit der Registrierung kann der Geschwindigkeit des Verlusts nicht folgen.

Die junge Generation verlässt die Dörfer, und die Teilnahme an den traditionellen Ritualen nimmt ab. Touristenvorstellungen vereinfachen manchmal den Ablauf oder ignorieren rituelle Tabus, um das Publikum zufriedenzustellen. Das fundamentalere Problem ist die Sprache – der Verlust der Punu-Sprache macht es für die nächste Generation schwierig, die tiefere kulturelle Bedeutung hinter den Liedtexten zu verstehen.

„Es geht nicht darum, Gesang zu lernen, sondern darum, zu lernen, wie man mit der Natur und den Ahnen spricht.“

In den Punu-Dörfern in Nantou, Hualien und Taitung lehren Älteste weiterhin junge Menschen, die Muskeln ihres Rachens zu kontrollieren und die Obertöne in der Luft zu hören. Sie vermitteln nicht nur eine Technik, sondern eine ganze Art des Weltverständnisses – der Klang ist nicht menschengemacht, er wächst aus der Erde heraus; der Mensch lässt ihn nur passieren.

In dem Moment, als Kurosawa Roucha 1943 auf den Aufnahmeknopf drückte, ahnte er wahrscheinlich nicht, dass dieser Klang nach achtzig Jahren noch die kraftvollste kulturelle Exportleistung Taiwans sein würde. Nicht weil er alt ist, sondern weil er mit der einfachsten Methode – durch die Kehlen einiger Menschen – etwas bewiesen hat: Die Tiefe der Kunst hängt niemals vom technologischen Fortschritt ab.

Referenzen

  1. Hören Sie die Kolonialzeit: Kurosawa Roucha und die Musikforschung in Taiwan (1943) — siehe ergänzende Materialien im Originallink, National Taiwan University Library, 2008
  2. Musik des Hakka-Volkes auf Taiwan — Kurosawa Roucha, „“, Victory Records, 1974
  3. Kurosawa Rouchas Forschung zur indigenen Musik Taiwans — National Central Library Branch Taiwan, 2008
  4. Pasibutbut Gebetslied des Punu-Volkes – Nationale Kulturerbe-Website — siehe ergänzende Materialien im Originallink
  5. Biling sieht die Punu singen Pasibutbut als Bisosilin — Masterarbeit der Asia University, 2008
  6. Beispiel für die indigenen Musikkünste Taiwans: „Achtstimmiger Gesang des Punu-Volkes“ — Wissenschaftskonferenz der Chinye University, 2003
  7. Überlegungen zur Darbietung des rituellen Liedes Pasibutbut – National Museum of Taiwan Prehistory Culture — siehe ergänzende Materialien im Originallink23
  8. Registrierungsdaten „Achtstimmiger Gesang des Punu-Volkes“ – Kulturministerium, Amt für Kulturerbe — siehe ergänzende Materialien im Originallink
Über diesen Artikel Dieser Artikel wurde gemeinschaftlich sowie mit Unterstützung von AI verfasst und geprüft.
Schlagwörter
Punu indigene Musik indigenes Volk Obertöne immaterielles Kulturerbe taiwanische Kultur
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