Li Yuan-che
30-Sekunden-Überblick: Li Yuan-che (geb. 19.11.1936) ist ein in Hsinchu geborener Chemiker. 1986 erhielt er gemeinsam mit Dudley R. Herschbach und John C. Polanyi den Nobelpreis für Chemie für seine bahnbrechenden Beiträge zur Dynamik chemischer Reaktionen. Die von ihm entwickelte Kreuzmolekularstrahl-Technik ermöglichte es Wissenschaftlern erstmals, den Ablauf chemischer Reaktionen zu „sehen“ – und machte ihn zum ersten taiwanesischen Nobelpreisträger der Naturwissenschaften.
Am 19. November 1936 wurde Li Yuan-che in Hsinchu-Stadt in der damaligen Hsinchu-Präfektur (heute Bezirk Ost, Hsinchu) geboren – in der Zeit der japanischen Kolonialherrschaft. Sein Vater Li Tse-fan war ein bekannter Aquarellmaler und Rektor einer Grundschule; die von Kunst und Bildung geprägte Familiengeschichte schulte seinen scharfen Beobachtungssinn. Schon als Kind zerlegte er gern Radios und Wecker, um zu verstehen, wie sie funktionieren – diese Neugier veränderte später die Chemie.
Der Bildungsweg: Von Hsinchu auf die Weltbühne
An der Hsinchu-Oberschule zeigte Li Yuan-che bereits großes Interesse an Mathematik und Naturwissenschaften. 1955 wechselte er an die Nationaluniversität Taiwan ins Fach Chemie. Obwohl der damalige Lehrplan von analytischer Chemie geprägt war, organisierte er eigenmächtig Lesekreise zum Studium der physikalischen Chemie und lernte sogar Deutsch und Russisch, um ausländische Fachliteratur im Original zu lesen.
1959 begann er an der Tsing-Hua-Universität im Institut für Atomwissenschaft ein Masterstudium mit Schwerpunkt Molekülspektroskopie. 1962 erhielt er ein Stipendium für die University of California, Berkeley, wo er in chemischer Kinetik promovierte und 1967 seinen Doktortitel abschloss.
Der eigentliche Wendepunkt kam in Harvard. 1967–1969 forschte Li Yuan-che als Postdoktorand unter der Leitung des Nobelpreisträgers Dudley R. Herschbach; gemeinsam entwickelten die beiden die revolutionäre „Kreuzmolekularstrahl-Technik“.
Kreuzmolekularstrahl: Der Durchbruch in der Chemie
Traditionelle chemische Reaktionsforschung gleicht der Beobachtung einer Menschenmenge auf einem belebten Nachtmarkt – Moleküle prallen ständig aufeinander, die Bewegung bleibt chaotisch, schwer zu erkennen, was wirklich geschieht. Die von Li Yuan-che entwickelte Kreuzmolekularstrahl-Technik lässt im Hochvakuum zwei Molekularstrahlen in definiertem Winkel und mit definierter Geschwindigkeit aufeinanderprallen – als würde man eine chemische Reaktion mit der Hochgeschwindigkeitskamera in der Zeitlupe aufzeichnen.
Die Technik erlaubte Wissenschaftlern erstmals, jeden Schritt einer chemischen Reaktion auf molekularer Ebene zu „sehen“: wie aus Edukten Produkte entstehen, wie Energie zwischen Molekülen übertragen wird, wie sich die räumliche Struktur während der Reaktion verändert. Für die chemische Kinetik war das ein Sprung vom „Vermuten“ zum „Beobachten“ – eine Revolution.
1974 kehrte Li Yuan-che nach Berkeley zurück und lehrte als Professor am Fachbereich Chemie, während er die Technik stetig verbesserte. Er untersuchte scheinbar einfache Reaktionen wie die von Fluoratomen mit Wasserstoffmolekülen (F + H₂ → HF + H) und stieß dabei auf viele unerwartete Phänomene. Diese Arbeiten wurden zu klassischen Fallbeispielen in den Lehrbüchern der chemischen Kinetik.
1986: Taiwans Nobelpreis-Moment
Am 15. Oktober 1986 gab die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften bekannt, den Nobelpreis für Chemie an Herschbach, Li Yuan-che und Polanyi zu verleihen – für ihre „Beiträge zur Dynamik chemischer Elementarprozesse“, mit denen sich der Ablauf chemischer Reaktionen besser verstehen lässt.
Als die Nachricht von Li Yuan-ches Auszeichnung Taiwan erreichte, stand die Insel Kopf. Es war der erste Nobelpreis der Naturwissenschaften für Taiwan – ein Beweis, dass Taiwan in der Lage ist, Weltklasse-Wissenschaftstalente hervorzubringen. Li Yuan-che schenkte eine seiner Medaillen seiner alten Schule, der Hsinchu-Oberschule. Sein Satz: „Der Nobelpreis ist nicht allein mein Verdienst – die Hsinchu-Oberschule hat mich gemacht.“
Interessant ist: Die Nobelpreis-Nationalität Li Yuan-ches war die amerikanische. Doch das schmälerte den Stolz der Taiwaner nicht – sie wussten, dass dieses in Hsinchu aufgewachsene, Hokkien sprechende Kind das taiwanesische Fundament im Blut trug.
1994: Das Versprechen der Rückkehr
1994 traf Li Yuan-che auf dem Höhepunkt seiner akademischen Karriere eine Entscheidung, die die internationale Wissenschaftswelt verblüffte: Er gab seine Professur in Berkeley auf, legte die amerikanische Staatsbürgerschaft nieder und kehrte nach Taiwan zurück, um Präsident der Academia Sinica zu werden (1994–2006).
Die Entscheidung war umstritten. Kritiker hielten ihm vor, seinen Einfluss auf der internationalen Bühne zu verspielen; Befürworter sahen darin die Verwirklichung des Ideals eines Gelehrten, der seinem Land dient. Li Yuan-ches eigene Begründung war schlicht: „Ich möchte mit meiner Erfahrung dazu beitragen, dass Taiwan ein wissenschaftliches Zentrum Asiens wird.“
In den zwölf Jahren an der Spitze der Academia Sinica trieb Li Yuan-che die Modernisierung der Institution voran, etablierte ein internationalisiertes Gutachterwesen für die Forschung und gründete mehrere neue Institute – Informatik, Biomedizin, Genomforschung. Er holte internationale Spitzenwissenschaftler wie Weng Chi-huei und Michael Lai zurück nach Taiwan und verlieh der taiwanesischen Wissenschaft neues Leben.
Das umstrittene Engagement in der Bildungsreform
Li Yuan-che war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Motor der Bildungsreform. In den 1990er-Jahren gestaltete er den neunjährigen gemeinsamen Lehrplan („Neun-Jahre-Kursplan“) mit und plädierte dafür, das Denkvermögen der Schüler zu schulen statt Paukwissen einzutrichtern.
Die Ergebnisse der Reform riefen heftige Kontroversen hervor; Kritiker warfen ihr vor, die Lernstandards zu senken – und Li Yuan-che geriet unter Druck. Er reflektierte später: „Bildungsreform ist komplexer als naturwissenschaftliche Forschung, sie berührt alle Bereiche der Gesellschaft.“
Diese Erfahrung lehrte Li Yuan-che: Selbst ein Nobelpreisträger findet, wenn er das Labor verlässt und sich gesellschaftlichen Themen stellt, nicht automatisch eine Patentlösung.
Umweltpionier und internationale Reputation
Li Yuan-che gehört zu den ersten taiwanesischen Wissenschaftlern, die sich um Umweltfragen kümmerten. Sein Forschungsteam arbeitete in der Atmosphärenchemie, zur Zerstörung der Ozonschicht und zum Klimawandel und lieferte damit die wissenschaftliche Grundlage für Umweltpolitik.
Von 2011 bis 2014 amtierte er als Präsident des Internationalen Wissenschaftsrats und förderte die globale wissenschaftliche Zusammenarbeit. Heute ist er Ehrenpräsident des Institute for Advanced Research der Universität Nagoya und weiterhin in der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft aktiv.
Li Yuan-ches Arbeiten wurden zigfach zitiert; viele seiner Schüler sind selbst bekannte Wissenschaftler geworden. Darauf aber ist er am stolzesten: bewiesen zu haben, dass auch ein „Gín-á“ (taiwanesisches Kind) auf der Weltbühne glänzen kann.
Die Weitergabe des wissenschaftlichen Geistes
Li Yuan-che sagt oft: „Neugier ist die wichtigste Triebkraft wissenschaftlicher Forschung.“ Er ermutigt junge Menschen zu hinterfragen, zu denken, zu erneuern – statt auswendig zu lernen.
Er betont auch die soziale Verantwortung von Wissenschaftlern: „Wissenschaftliches Wissen darf nicht im Labor bleiben, es muss der Gesellschaft zugutekommen und dazu beitragen, die Probleme der Menschheit zu lösen.“
Nachhaltige Wirkung
Auch mit fast 90 Jahren verfolgt Li Yuan-che weiter die Entwicklung der Wissenschaft und gesellschaftliche Fragen. Er erlebte den Wandel Taiwans von der Agrargesellschaft zur Technologieinsel und hat an diesem Wandel selbst mitgewirkt.
Vom Sohn des Aquarellmalers aus Hsinchu zum Wissenschaftsriesen auf dem Nobelpreis-Podium, vom Berkeley-Labor zum Büro des Academia-Sinica-Präsidenten – Li Yuan-ches Lebensweg ist ein Spiegelbild der Entwicklung der taiwanesischen Wissenschaft.
Sein wichtigstes Vermächtnis sind nicht die wissenschaftlichen Entdeckungen, sondern die eine Sache, die er der Welt bewiesen hat: Taiwan kann Menschen hervorbringen, die die Welt verändern. Dieses Kind aus Hsinchu hat mit der Kreuzmolekularstrahl-Technik die Möglichkeiten der Chemie neu definiert – und zugleich Taiwans Platz auf der Weltkarte der Wissenschaft.
In einer Zeit, in der es den Begriff „Taiwans Stolz“ noch nicht gab, war Li Yuan-che bereits das hellste Licht.
Weiterführende Lektüre:
- Wu Ta-yu — Li Yuan-ches Vorgänger als Präsident der Academia Sinica, der das Fundament des taiwanesischen Forschungssystems legte und mit Yang Chen-ning und Lee Tsung-dao zwei Nobelpreisträger der Physik förderte