Lieber ausbrennen als verrosten: Mackay und sein geliebtes Formosa

Vom Ziehen von 20.000 Zähnen bis zur Gründung einer Mädchenschule: wie der kanadische Missionar Mackay zum „waschechten Taiwaner“ wurde und mit dreißig Lebensjahren die Geschichte von Medizin, Bildung und naturwissenschaftlicher Erforschung Nordtaiwans umschrieb.

30-Sekunden-Überblick:
1872 landete der 28-jährige Mackay in Tamsui und begann eine 30-jährige tiefe Verbundenheit mit Taiwan. Er war nicht nur der erste Übersee-Missionar Nordtaiwans, sondern auch Zahnarzt, Pädagoge, Naturwissenschaftler und taiwanesischer Schwiegersohn. Er zog über zwanzigtausend Zähne, um Vertrauen zu gewinnen, gründete das Oxford College und die erste taiwanesische Mädchenschule und sammelte auf seinen Missionsreisen Hunderte von Tier- und Pflanzenpräparaten. Sein Geist des „Lieber ausbrennen als verrosten“ gilt bis heute als wichtiger Meilenstein der taiwanesischen Modernisierung.

Der „schwarzbärtige Fremde“ am Ufer des Tamsui-Flusses

Am 9. März 1872 fuhr ein Schiff namens „Seelöwe“ langsam in die Mündung des Tamsui-Flusses ein. An Bord stand ein junger Kanadier mit dichtem schwarzem Bart – er hieß Mackay (George Leslie Mackay). Er war damals erst 28 Jahre alt, in der Tasche das wenige Geld, das ihm die Kanadische Presbyterianische Kirche bewilligt hatte, im Herzen aber die Entschlossenheit, sein Leben dieser Insel zu widmen.

Die Bewohner von Tamsui begegneten diesem „schwarzbärtigen Fremden“ damals mit Feindseligkeit. Wenn Mackay durch die Straßen ging, erntete er oft Beschimpfungen, Anspucken und sogar Steinwürfe. Um sich anzupassen, öffnete er als Erstes nicht die Bibel, sondern ging aufs Land hinaus. Er fand den angeheuerten Taiwanesisch-Lehrer zu steif im Unterricht und wandte sich stattdessen an die Kuhhirtenjungen auf den Hügeln. Er holte eine Taschenuhr hervor und lockte mit ihrem Ticken die Kinder an, um sich dafür ein authentisches taiwanesisches Wort nach dem anderen abzuholen. Nach nicht einmal einem halben Jahr konnte er fließend Taiwanesisch mit Bauern plaudern und sogar debattieren.

📝 Kuratorennotiz: Mackays Erfolg rührte nicht von tiefer Dogmatik, sondern davon, dass er sich bückte und von den Kuhhirtenjungen die bescheidenste Sprache lernte. Diese Haltung der „Identifikation“ war der Schlüssel zu seinem späteren tiefen Eintauchen in die taiwanesische Gesellschaft.

Die Barmherzigkeit hinter zwanzigtausend Zähnen

Das Bild, das sich am tiefsten in Taiwan einprägte, war vielleicht nicht Mackay auf der Kanzel, sondern er mit einer Zahnzange in der Hand, wie er Menschen die Zähne zog. Im Taiwan des 19. Jahrhunderts waren Zahnschmerzen für viele ein Albtraum, und die medizinische Versorgung war äußerst dürftig. Mackay erkannte: Statt leer über den Glauben zu reden, war es besser, die Schmerzen der Menschen direkt zu lindern.

Ab 1873 trug Mackay auf seinen Missionsreisen stets eine Zahnzange bei sich. In seinen Tagebüchern notierte er, dass er in seinem Leben über 21.000 Zähne gezogen hatte. Oft zog er Menschen an Tempelplätzen, unter großen Bäumen oder sogar am Straßenrand die Zähne. Diese medizinische Mission des „in der einen Hand die Bibel, in der anderen die Zahnzange“ brach das Misstrauen der Einheimischen vollständig. Das von ihm in Tamsui gegründete „Huweimen-Krankenhaus“ war nicht nur das erste westliche Krankenhaus Nordtaiwans, sondern ist auch der Vorläufer des heutigen Mackay Memorial Hospital.

„Seit 1873 habe ich persönlich über einundzwanzigtausend Zähne gezogen.“ — Mackay, „Aus dem fernen Formosa“ (From Far Formosa)

📝 Kuratorennotiz: Das Zahnziehen war damals nicht nur Medizin, sondern auch ein soziales Ritual. Jeder fallende Zahn stand für das Vertrauen einer taiwanesischen Familie in diesen Ausländer.

Tief in die Berge und an die Küsten: Beschützer der indigenen Völker

Mackays Missionsspuren durchzogen Nordtaiwan: von Tamsui über den Caoling-Pass tief hinein in die Kavalan-Ebene (das heutige Yilan). Besonders tief war sein Einfluss auf die Pingpu-Gruppen, insbesondere den Kavalan-Stamm. In den 1880er-Jahren gründete er binnen weniger Jahre über 30 Kirchen in der Lanyang-Ebene; mehr als zweitausend Menschen ließen sich taufen.

Er war nicht nur Prediger, sondern auch ein früher Anthropologe und Forscher. Er besuchte die Atayal-Stämme tief in den Bergen – trotz Sprachbarriere und der Gefahr der Kopfjagd versuchte er, über medizinische Dienste eine Verbindung aufzubauen. Er dokumentierte zahlreiche Bräuche und Artefakte der indigenen Völker; diese wertvollen Aufzeichnungen wurden später zum Fundament des von ihm gegründeten ersten privaten Museums Taiwans, des „Li-hsueh-Großseminars“ (Oxford College Museum).

Naturwissenschaftliche Erkundung: Die Seele Formosas sammeln

Neben Religion und Medizin war Mackay auch ein leidenschaftlicher Naturwissenschaftler. Wenn er mit seinen Schülern zu Predigtausflügen aufbrach, trug er stets eine Sammelkiste bei sich. Er zeigte große Neugier auf Taiwans Tiere, Pflanzen, Mineralien und Geologie. In seinen Erinnerungen notierte er ausführlich Baumfarne, Akazien und sogar Taiwans endemische Schlangen- und Farnarten.

Er sammelte über 80 Schlangen- und über 50 Farnpräparate und schickte einen Teil davon zur Bestimmung an kanadische Universitäten. Seine wissenschaftliche Beobachtung der taiwanesischen Natur verschaffte ihm auch in der damaligen westlichen Wissenschaftswelt einen Platz. Für Mackay war die Erforschung der Natur dieser Insel selbst eine Hommage an Gottes Schöpfung.

📝 Kuratorennotiz: Mackays vielseitige Identitäten – Pastor, Arzt, Lehrer, Wissenschaftler – verkörperten den Geist des Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts und gaben seinen Beobachtungen Taiwans nicht nur religiöse, sondern auch wissenschaftliche Tiefe.

Oxford College und Chang Tsung-ming: Der Mut, Schranken zu durchbrechen

1882 gründete Mackay mit Spenden seiner Landsleute aus Oxfordshire das „Li-hsueh-Großseminar“ (Oxford College, allgemein als Oxford School bekannt) in Tamsui. Es war nicht nur die erste moderne westliche Bildungseinrichtung Taiwans – der Lehrplan umfasste auch Geografie, Astronomie, Anatomie und Geologie.

Noch revolutionärer: 1884 gründete er zusammen mit seiner Frau Chang Tsung-ming die „Tamsui-Mädchenschule“. In einer Zeit, in der „FrauenohneBildung war Tugend“ galt, bestand Mackay darauf, dass Frauen Bildung erhielten – ohne Ansehen von Stand und sogar gebührenfrei. Die Geschichte seiner Frau Chang Tsung-ming selbst ist eine Legende: Sie war ursprünglich Kindbraut, lernte nach der Heirat mit Mackay Englisch und Klavier und reiste mit ihm um die Welt, wo sie in Kanada auf Englisch eine Rede hielt. Sie war die erste Taiwanerin auf einer Weltreise und eine treibende Kraft der Mädchenschule.

📝 Kuratorennotiz: Dass Mackay eine Taiwanerin heiratete und sie zur Lehrerin der Mädchenschule machte, war unter westlichen Missionaren der damaligen Zeit eine äußerst seltene und fortschrittliche Entscheidung. Dies war nicht nur eine internationale Ehe, sondern seine ultimative Deklaration, sich selbst vollständig zu „taiwanisieren“.

Lieber ausbrennen als verrosten

Am 2. Juni 1901 starb Mackay in Tamsui an Kehlkopfkrebs, 57 Jahre alt. Er lebte das Motto, das er in seinen Tagebüchern immer wieder nannte: „Lieber ausbrennen als verrosten“ (Rather burn out, than rust out). Er wählte nicht das westliche Gräberfeld von Tamsui, sondern wurde auf dem Gelände der Tamsui High School beigesetzt, um für immer bei seinen taiwanesischen Gläubigen zu bleiben.

Vor seinem Tod hinterließ er ein Gedicht mit dem Titel „Das Taiwans, das ich von Herzen liebe“, das seine Zuneigung zu dieser Insel preisgibt:

„O Taiwan, das ich von Herzen liebe! Dir habe ich mein Leben gewidmet. O Taiwan, das ich von Herzen liebe! Dort habe ich meine Freude gefunden.“

Mackays Geschichte ist ein bewegendes Kapitel darüber, wie ein Fremder durch Verständnis, Respekt und Hingabe schließlich Teil des Blutes dieser Insel wurde. Wenn wir heute durch die Straßen von Tamsui gehen, das rote Backstein-Architektur-Gebäude des Oxford College betrachten oder ein Mackay-Krankenhaus betreten, spüren wir noch immer die bis heute brennende Lebenswärme.

Referenzen / Quellen

  1. Mackay Digitales Museum – Kurzbiografie Mackays
  2. Nationales Kulturerbe-Gedächtnis Taiwans – Dr. Mackay und Frau Chang Tsung-ming
  3. Geschichtsportale der Taiwan Presbyterianischen Kirche – Pastor Gien Riley (Dr. Mackay)
  4. Tamsui-Wiki – Mackay
  5. George Leslie Mackay, From Far Formosa: The Island, its People and Missions, 1895.
  6. Umweltinformationszentrum – Die fehlenden Randstücke zusammensetzen: Mackay und die taiwanesische Naturgeschichte
  7. Taiwan Church News – Die Perle der Kavalan-Ebene: Mackays Missionskrone
  8. Wu Yung-hua, „Taiwanesische Pflanzenerkundungen“, Morning-Star-Verlag, 1999.
Über diesen Artikel Dieser Artikel wurde gemeinschaftlich sowie mit Unterstützung von AI verfasst und geprüft.
Schlagwörter
Mackay Tamsui Taiwanesische Geschichte Medizin Bildung Naturwissenschaft
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