Kuajie: Vom „Vorsteher-Wahl“-Projekt bis zum Ende von „Don't Watch at Work“ – Was bleibt von einem politischen Experiment?

Kuajie transformierte ein geplantes Reality-TV-Format über Dorfvorsteher in eine demokratische „Unboxing“-Erfahrung, die den Weg vom Internet in das Parlament ebnete. Seine Geschichte handelt nicht nur vom politischen Engagement von Influencern, sondern auch davon, wie persönlicher Charisma zu öffentlicher Kommunikation wird und wie ein Content-Team zwischen Reichweite, politischer Positionierung und Organisationskosten erschöpft werden kann.

30-Sekunden-Überblick: Kuajie (呱吉) ist der Geburtsname von Chiu Wei-chieh (邱威傑). Im Jahr 2017 wollten er und seine Kollegen ursprünglich das Projekt „Wahl eines Dorfvorstehers“ als Reality-TV-Show drehen. Später entwickelte sich daraus die Kandidatur für die Stadtratswahlen in Taipeh 2018, bei der er als parteiloser Kandidat im dritten Wahlbezirk von Taipeh 11.786 Stimmen erhielt und gewählt wurde1. Der öffentlich-rechtliche Sender PTS beschrieb ihn als den ersten YouTuber Taiwans, der in die Politik ging2. Sein Engagement führte nicht dazu, dass Internet und Politik eins wurden; vielmehr legte er die Kluft zwischen beiden offen: Videos können durch Schnitt Rhythmus erzeugen, während das Parlament und der lokale Markt langfristige Verantwortung fordern. Im Jahr 2025 stellte „Don't Watch at Work“ (上班不要看) den Betrieb ein und löste sich auf. Damit muss dieses Experiment, das als „demokratisches Unboxing“ begann, nun den Verlust des Teams, die Auswirkungen politischer Positionierungen auf die Reichweite und ein Defizit im operativen Geschäft von mehreren Millionen NT$ bewältigen3.

Die Vorderseite des Taipeh Stadtrathauses, ein Symbol dafür, dass Kuajie Internet-Content in das institutionelle Umfeld gebracht hat.
Bild:Solomon203 · CC BY-SA 4.0 · Originalquelle

_Bild: Solomon203, aufgenommen am 31. Oktober 2020, von Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0._

Eine Idee, die eigentlich nur eine Sendung sein sollte

Im Juni 2017 plauderte Chiu Wei-chieh mit einem jungen Kollegen seiner Firma; dieser schlug vor, die Wahl eines Dorfvorstehers als Reality-Show zu filmen. Dieser Gedanke war anfangs nicht von der Ernsthaftigkeit „Ich werde Politiker“ geprägt. Man stellte sich vor, den Müllwagen bei Wahlkampfaktionen zu begleiten, mit Nachbarn zu interagieren und die Lokalwahl als eine potenziell lustige Sendung zu inszenieren. Chiu Wei-chieh erinnerte sich später, dass er damals entschied, dass die Chance auf den Dorfvorsteher gering sei, weshalb es sich eher für ein kostengünstiges Projekt eignete4.

Der eigentliche Wendepunkt kam während der Dreharbeiten für ein Werbevideo zu den Universiade. Mitarbeiter der Stadtverwaltung sagten ihm, dass er als Dorfvorsteher vielleicht scheitern würde, aber eine Chance als Stadtrat hätte. Chiu Wei-chieh ging nach Hause und analysierte die politische Lage in den Bezirken Songshan und Xinyi, in denen er seit Jahren lebte, und stellte fest, dass die Hürde nicht unüberwindbar war. Ein Vorab-Interview von Feng Media dokumentierte diesen Prozess und hielt fest, dass „Don't Watch at Work“ zu diesem Zeitpunkt bereits über 380.000 Abonnenten hatte. Das Projekt wandelte sich so von einem Parodie-Thema zu einer echten Wahlkampfkampagne4.

Hier gibt es ein Detail, das oft durch die spätere Erzählung des Sieges überdeckt wird: Chiu Wei-chieh begann nicht mit einer politischen Karriere und nutzte das Internet als Propagandawerkzeug, sondern er behandelte Politik zuerst als Content-Thema. Schließlich wurde er von seinem eigenen Projekt dazu gezwungen, eine reale Frage zu beantworten: Wenn das Publikum bereit ist zuzusehen, wie jemand so tut, als würde er kandidieren – ist die Person selbst bereit, die Konsequenzen einer Wahlniederlage, Angriffe und die Pflicht zur Arbeit für die Wähler wirklich zu tragen?

„Demokratisches Unboxing“ bedeutet nicht, Politik zu vereinfachen

In einem Artikel aus der Ich-Perspektive bezeichnete Chiu Wei-chieh seine Kandidatur im Jahr 2018 als ein „demokratisches Unboxing“. Er verfügte über keine internen Umfragen und war unsicher, ob die Zuschauer seines Kanals ihre Vorliebe für Videos in Stimmen umwandeln würden. Was er tun konnte, war, politische Programme zu formulieren, Märkte zu besuchen und Straßenreden zu halten, um die Menschen, die ihn bisher nur vom Bildschirm kannten, in den konkreten Wahlbezirk und in persönliche Beziehungen zu führen5.

Diese Methode schien der Intuition des Internetzeitalters zu entsprechen: Creator haben eine direkt erreichbare Zuschauerschaft, die wiederum Eltern oder Freunde überzeugen kann. Doch Wahlen sind keine Verlängerung der Abonnentenzahlen. Wenn ein Internet-Zuschauer einen Markt im Bezirk Songxin betritt, ist er nicht mehr nur jemand, der ein „Like“ gibt, sondern möglicherweise ein Bürger, der grüßt, Fragen stellt oder Hilfe fordert. Chiu Wei-chieh schrieb, dass ab zwei Wochen vor der Wahl Bürger mit ihren Kindern zu ihm kamen, um ihn zu unterstützen, und andere aus Autofenstern riefen, er solle weitermachen. Dieser Wandel ist keine Konversionsrate, die ein Algorithmus direkt messen kann, sondern eine Vertrauensbeziehung, die im lokalen Raum immer wieder neu entstehen muss5.

Die Daten der Zentralen Wahlkommission bringen diese Geschichte auf eine überprüfbare Ebene. Im Jahr 2018 traten im dritten Wahlbezirk von Taipeh mehrere Kandidaten gegeneinander an. Chiu Wei-chieh trat als parteiloser Kandidat mit der Startnummer 12 an, erhielt 11.786 Stimmen (ein Stimmenanteil von 5,27 %) und wurde in die Liste der Gewählten aufgenommen1. Diese Zahl beweist seine Wahl, kann aber allein nicht beweisen, dass „Internet-Reichweite in Wählerstimmen umgewandelt wurde“. Das sind zwei verschiedene Behauptungen; erstere ist durch Wahldaten belegt, letztere erfordert eine umfassendere Wählerstudie.

Ein Bericht von TechNews, der auf die Nachrichtenagentur CNA verweist, hielt fest, dass Chiu Wei-chieh schätzte, seine Online-Präsenz könne maximal etwa 3.000 Stimmen generieren. Er betonte, dass ohne tatsächlichen Einsatz im Wahlkampf die Followerzahl nicht automatisch zu über zehntausend Stimmen würde. Er führte seinen Wahlkampf mit etwa NT$1,2 Millionen und lehnte viele Anfragen traditioneller Medien sowie Auftritte in politischen Talkshows ab, um das „demokratische Unboxing“ zum Kern seines Wahlkampfs zu machen6. Diese Selbsteinschätzung ist wichtig, da sie das politische Engagement von Influencern von einem Erfolgsmythos zurück zu einer prüfbaren These führt: Reichweite kann einen Startpunkt bieten, aber sie kann den lokalen Kontakt und die Überzeugung der Wähler nicht ersetzen.

Vom Kanalbesitzer zur Internet-Persönlichkeit im Parlament

Ein Rückblick des PTS News Lab zeigt, dass Chiu Wei-chieh 2018 mit Wahlkampfbudget von etwa NT$1,48 Millionen gewählt wurde und danach mit seinem „Magic Mirror“-System über 3.000 Wähleranfragen bearbeitete. PTS wies zudem darauf hin, dass sein Abschiedsvideo nach dem Ende seiner Amtszeit als Stadtrat von Taipeh 1,16 Millionen Aufrufe erzielte2. Zusammen betrachtet zeigen diese Daten nicht einfach die Geschichte eines „Influencers, der zum Stadtrat wurde“, sondern dass Content-Creator neu lernen müssen, organisatorische Arbeit zu leisten: Fälle zu beantworten, administrative Prozesse zu bewältigen und sich Problemen zu stellen, die nicht verschwinden, nur weil man sie in einem Video wegschneidet.

Er versuchte auch, seine Live-Streaming-Sprache in öffentliche Institutionen einzubringen. Das Judicial Weekly des Justizministeriums berichtete, dass das Hohe Gericht in Taiwan mit Chiu Wei-chieh kooperierte, um auf seinem Kanal „Kuajie Live“ eine Simulation der Gerichtsbarkeit unter dem Titel „Die Kosten von Beleidigungen! Eine realistische Gerichts-Simulation“ auszustrahlen. Durch die Handlung und Erklärungen von Richtern wurden Themen wie öffentliche Beleidigung, Verleumdung, Volksrichter und Gerichtsverfahren erläutert7. Die Bedeutung dieser Zusammenarbeit lag nicht darin, Justiz zu Unterhaltung zu machen, sondern anzuerkennen, dass öffentliche Institutionen neue Schnittstellen zur Erklärung benötigen. Kuajies Rolle wandelte sich dadurch vom Content-Produzenten zum Übersetzer zwischen dem System und dem Internetpublikum.

Übersetzung bedeutet nicht Neutralität. Was Creator in das System bringen, sind neben dem Publikum auch ihr gewohnter Tonfall, ihr Rhythmus und ihre Skepsis gegenüber Autoritäten. Dies ermöglicht es ihm, trockene Themen für ein nicht-fachkundiges Publikum verständlich zu machen, setzt ihn aber auch der Gegenkraft aus, wenn die Politik zu sehr wie eine Show wirkt. Für Kuajie besteht die Herausforderung der öffentlichen Kommunikation nicht darin, „die Leute zum Lachen zu bringen“, sondern darin, „dafür zu sorgen, dass sie nach dem Verständnis weiterhin kritische Fragen stellen wollen“.

Zuschauer sind keine Wähler, und Wähler sind kein Traffic

Der wertvollste Aspekt von Kuajies politischem Engagement war nicht der Beweis, dass jeder mit Abonnenten ins Parlament einziehen kann, sondern die Sichtbarmachung der Reibung zwischen diesen beiden Identitäten. Das Kanalpublikum kennt Chiu Wei-chiehs Art zu sprechen; die lokalen Wähler müssen jedoch sicherstellen, dass er beständig präsent ist, Details bearbeitet und auch ohne Applaus auf Fragen antwortet.

Der Bericht von PTS, der die über 3.000 Wähleranfragen des „Magic Mirror“ in diese Erfahrung einordnet, illustriert den zweiten Akt des politischen Engagements. Der erste Akt bestand darin, Zuschauer zu mobilisieren; der zweite darin, jeden konkreten Fall in einen administrativen Prozess zu überführen. Beides erfordert Kommunikation, aber während der Erste nach Aufmerksamkeit strebt, muss der Zweite Aufzeichnungen und Folgeregelungen hinterlassen2.

Ein früherer Bericht aus dem Jahr 2019 zeigt, dass „Wahl-Service Magic Mirror“ kein bloßer Slogan war. Die Website bearbeitete zuerst den Datenschutz, bevor sie Fälle öffentlich machte, damit die Bürger sehen konnten, welche Probleme das Team des Stadtrats erhielt, welche Fälle nicht bearbeitet werden konnten und welche Angelegenheiten in Bearbeitung waren. In der Anfangsphase gab es etwa 20.000 Unique Visitors, die 140 Fälle einreichten; nach Ausschluss nicht ausführbarer oder unzulässiger Fälle wurden etwa 80 Fälle übernommen8.

Chiu Wei-chieh erklärte zudem, dass der Code dieses Systems für andere Volksvertreter offen zugänglich gemacht werden könne. Dieses Detail verleiht dem „demokratischen Unboxing“ eine zusätzliche technische Bedeutung: Es geht nicht nur darum, die Arbeit des Stadtrats live zu streamen, sondern darum, den Wählerservice in ein nachverfolgbares, öffentliches und sogar kopierbares Werkzeug zu verwandeln. Für einen Stadtrat, der aus der Content-Produktion kommt, besteht echte Innovation vielleicht nicht darin, einen interessanteren Tonfall zu haben, sondern in der Strukturierung von Serviceprozessen, die bisher auf persönlichem Vertrauen basierten.

Dies ist auch der Grund, warum „demokratisches Unboxing“ nicht nur als das Filmen des Parlaments verstanden werden darf. Es öffnet tatsächlich die Arbeitsweise der Creator selbst: Welche Dinge können öffentlich gemacht werden, welche Fälle müssen geschützt werden und welche Themen lassen sich nicht mit einem Witz beenden. Wenn Internetpolitik in den lokalen Service übergeht, bedeutet Transparenz nicht nur die Anwesenheit einer Kamera, sondern dass das Publikum verstehen kann, wie lange eine Sache dauert, wo sie stockt und wer die Verantwortung trägt.

In seinem Artikel gab Chiu Wei-chieh offen zu, dass er Fehlentscheidungen treffen könnte und von seinen Unterstützern vielleicht nicht wirklich erkannt wird. Dieser selbstironische Ton steht im Gegensatz zum zuverlässigen Image, das Internetmarken normalerweise pflegen, kommt aber der tatsächlichen Realität demokratischer Systeme näher. Ein Stadtrat ist nicht automatisch die „richtige“ Person, nur weil man ihn abonniert hat, und ein Creator ist nicht automatisch jemand, der das Publikum für immer repräsentieren kann, nachdem er Stimmen erhalten hat5.

Die „Happy No-Way Party“ und die negativen Emotionen der Politik

Im Jahr 2019 beantragten Chiu Wei-chieh zusammen mit anderen Internet-Creatorn wie Zhiqi 77 (志祺七七) und Retina (視網膜) die Gründung der „Happy No-Way Party“ (歡樂無法黨). Die englischsprachige Taipei Times berichtete, dass diese Partei das Ziel habe, das Glückgefühl der Taiwaner zu steigern, und Themen wie Generationengerechtigkeit, Ehegleichberechtigung und Wohnraumgerechtigkeit als Schwerpunkte setze. Chiu Wei-chieh sagte damals, Politik dürfe nicht nur aus Hass und negativen Emotionen bestehen; Politik könne auch die Arbeit sein, das Glück zurückzubringen9.

Dieser Versuch konnte leicht als ein typischer Influencer-Witz abgetan werden, spiegelte aber auch seine Erfahrungen nach dem politischen Einstieg wider. Der Übergang von Unterhaltungsinhalten zur Politik verschaffte ihm keine klarere öffentliche Rolle, sondern setzte ihn mehr Feindseligkeit und böswilliger Absicht aus. Ein Bericht von Taiwan News hielt fest, dass er äußerte, durch die politische Beteiligung Hass, Boshaftigkeit und negative Emotionen gespürt zu haben, und besorgt war, dass einige Artikel, die er teilen wollte, aus politischen Gründen entfernt wurden10.

Die „Happy No-Way Party“ wurde letztlich keine langfristige Partei, aber sie lieferte wichtige Hinweise zum Verständnis von Kuajie. Es ging nicht darum, der Politik durch Witze zu entfliehen, sondern um den Versuch zu behaupten, dass „Emotionen“ selbst politischer Inhalt sind. Glück, Erschöpfung, Zynismus und das Gefühl, angegriffen zu werden, dürfen nicht nur als private Reaktionen außerhalb der Politik betrachtet werden. Doch wer Emotionen in die Politik bringt, muss auch damit rechnen, dass die Frustrationen der Politik direkt auf den Creator zurückfallen.

Der Kanal ist wie ein Elternhaus, aber auch wie eine Firma, die abrechnen muss

„Don't Watch at Work“ wurde Ende 2015 gegründet. Im März 2025 gab Chiu Wei-chieh das Ende des Kanals und die Auflösung der Firma bekannt. Digital Age berichtete, dass der Kanal zu diesem Zeitpunkt über 900.000 Abonnenten und über 400 Millionen Aufrufe kumuliert hatte. Der Bericht nannte drei miteinander verknüpfte Gründe: Kernmitglieder verließen das Team schrittweise, politische Positionierungen beeinflussten die Zuschauerzahlen, und das Unternehmen wies am Jahresende ein Defizit von etwa NT$4 Millionen auf; zudem verursachten die Golden Bell Awards Verluste von etwa NT$2 bis 3 Millionen3.

Ein Bericht von Feng Media ergänzte seine emotionale Beschreibung. Chiu Wei-chieh verglich „Don't Watch at Work“ mit einem „Elternhaus“ (祖厝) – selbst wenn Mitglieder nacheinander gingen, hoffte er, dass sie eines Tages zurückkehren würden. Er gab auch zu, als Chef früher für finanzielle Stabilität hätte sorgen müssen, aber durch langes Zögern den Zeitpunkt verpasst hatte, um Verluste zu begrenzen, und sagte: „Das Scheitern liegt bei mir“11.

Hier zeigt sich der konkretste Widerspruch in Kuajies Geschichte. Die Internet-Kreation gab ihm die Fähigkeit, schnell ein Publikum zu versammeln, Wahlen anzustoßen, Gerichts-Livestreams zu produzieren und sogar eine Vision für eine Partei im Namen des Glücks zu schaffen. Doch wenn der Kanal zu einem Team wird, das Gehälter, Jahresendboni, Abfindungen und Eventkosten zahlen muss, kann persönlicher Charisma allein keine stabile Organisationsführung ersetzen. Ein Creator kann ein Projekt intuitiv starten, aber er kann eine Firma nicht zehn Jahre lang nur mit Intuition führen.

Nach dem Licht aus: Die Golden Bell Awards verschwanden nicht mit ihm

Die Auflösung von „Don't Watch at Work“ bedeutet nicht, dass das durch ihn geschaffene Netzwerk von Creatorn gleichzeitig verschwindet. Mirror Media berichtete, dass die 7. Ausgabe der Golden Bell Awards im Jahr 2025 unter der Aufsicht eines neuen Exekutivkomitees stand; Mitglieder wie die Huang-Brüder, Dcard und Bailingguo blieben im Amt, Kuajie blieb als Exekutivkomitee-Mitglied erhalten, und das Thema der Zeremonie wurde auf „Reinkarnation“ gesetzt12. Dies ist eine interessante organisatorische Entwicklung: Eine Auszeichnung, die ursprünglich von einem einzelnen Team ins Leben gerufen wurde, muss nun Strukturen finden, die langfristiger tragfähig sind als das ursprüngliche Gründerteam.

Daher liegt Kuajies kreatives Erbe nicht nur darin, welche Videos er gedreht hat oder wie viele Stimmen er erhielt. Viel wichtiger ist, dass er demonstriert hat, wie Internet-Creator in das öffentliche Leben treten können – und dass dieser Eintritt kein einmaliger Erfolg des „Crossover“ ist, sondern eine Reihe von Transformationen, die ihren Preis haben. Vom Reality-Show-Projekt zum Wählerservice, vom Gerichts-Livestream zur „Happy No-Way Party“ bis hin zur Auflösung des Kanals: Jeder Schritt verwandelte den „Zuschauer“ erneut in ein „Mitglied“, einen „Wähler“, einen „Beteiligten“ oder einen „Mitverantwortlichen“.

In seinem Artikel über die Kandidatur schrieb Chiu Wei-chieh: „Glaubt mir nicht, und glaubt auch keinem Politiker“, und er mahnte seine Unterstützer, ihm direkte Kritik zu üben5. In der Zeit nach dem Ende des Kanals im Jahr 2025 liest sich dieser Satz nicht wie Selbstabwertung, sondern eher wie eine Mahnung an alle politischen Personal Brands. Wenn von jemandem erwartet wird, ein Superheld zu sein, besteht seine ehrlichste Aufgabe nicht darin, den Mythos aufrechtzuerhalten, sondern den Unterstützern zu zeigen, dass Urteile irren können, Teams gehen können, Rechnungen beglichen werden müssen und am Ende selbst der Kanal, der sich wie ein Zuhause anfühlte, schließen kann.

Kuajie hinterlässt kein Modell nach dem Motto „Influencer-Politik ist immer erfolgreich“. Eine der Fakten näher kommende Aussage wäre: Er hat ein politisches Experiment, das ursprünglich für Filmaufnahmen entstand, bis zum Ende durchgezogen, bis die Realität verlangte, dass er Wählerstimmen, administrative Aufzeichnungen, Organisationskosten und die Verantwortung für das Scheitern abliefert. Genau das ist der wertvollste Teil der Internetpolitik in Taiwan: Nicht, wie neu sie aussieht, sondern wie sie – nachdem sie gesehen wurde – dennoch in derselben Stadt weiterleben muss.

Die Fragen, die er hinterlässt, sind langlebiger als die Antworten. Ob Zuschauer einem Creator in die Institutionen folgen, hängt weiterhin von jedem einzelnen Ereignis ab und nicht von einem glänzenden Etikett.

Diese Ungewissheit ist kein Mangel der Geschichte, sondern eine Bedingung des demokratischen Lebens selbst.

Weiterführende Literatur:

Referenzen

  1. Zentrale Wahlkommission: Details zu den Kandidaten für die Stadtratswahlen in Taipeh 2018 — Offizielle Wahldaten, die Chiu Wei-chiehs Status als Kandidat im dritten Wahlbezirk von Taipeh, Stimmenzahl, Stimmenanteil und Wahlergebnis auflisten.↩2
  2. PTS News Lab: Der YouTuber Chiu Wei-chieh nach seinem Ausscheiden aus dem Stadtrat von Taipeh — Ein Rückblick von PTS auf Chiu Wei-chiehs Weg vom Dorfvorsteher-Projekt zum Stadtrat, Wahlkampfbudgets, Wählerservice und die Reichweite seines Abschiedsvideos.↩23
  3. Digital Age: Bericht über die Auflösung von „Don't Watch at Work“ — Zusammenfassung des Hintergrunds der Kanalgründung, Abonnenten- und Klickzahlen, Mitgliederverlust, Auswirkungen politischer Positionierungen und finanzieller Lücken des Unternehmens.↩2
  4. Feng Media: Interview mit dem YouTuber Kuajie „Ich möchte ein soziales Experiment machen!“ — Ein Porträt vor der Wahl 2018, das die Idee der Reality-Show über Dorfvorsteher, den Anlass für den Wechsel zum Stadtrat und die damalige Größe des Kanals dokumentiert.↩2
  5. United Daily News (Mingren Tang): Chiu Wei-chieh / Ich stelle mir vor, ein Superheld zu sein, aber ihr solltet besser nicht an Superhelden glauben — Ein Artikel von Chiu Wei-chieh selbst aus dem Jahr 2019; bietet erste Hand über seine Motivationsgründe, das „demokratische Unboxing“, Straßenreden, den Markt Xin-dong und politisches Vertrauen.↩234
  6. TechNews: YouTuber Kuajie wird Stadtrat! Wahlkampf mit nur NT$1,2 Millionen – der effektivste Online-Marketing-Stadtrat — Ein von CNA autorisierter Artikel nach der Wahl; dokumentiert Wahlkampf-Kosten, Online-Präsenz, die Schätzung der Stimmenkonversion und das „demokratische Unboxing“ als Wahlkampfthema.↩
  7. Judicial Weekly des Justizministeriums: Erstmals Kooperation des Hohen Gerichts in Taiwan mit einem YouTube-Kanal für eine Gerichts-Simulation — Offizieller Artikel des Justizministeriums über das Datum, den Inhalt und den Zweck der juristischen Bildung der Zusammenarbeit zwischen Chiu Wei-chieh und dem Hohen Gericht in Taiwan.↩
  8. Feng Media: Krankenhäuser, Bußgelder – alles offenbart? Der YouTuber-Stadtrat treibt das „demokratische Unboxing“ mit dem „Magic Mirror“ voran — Bericht über den Wählerservice 2019; erläutert konkret die Offenlegung von Fällen, Datenschutz, das anfängliche Fallaufkommen und das Design des offenen Codes.↩
  9. Taipei Times: New party formed by three YouTubers to focus on boosting Taiwanese happiness — Englischer Nachrichtenartikel über die Gründung der „Happy No-Way Party“, ihre politischen Schwerpunkte und Kuajies Ansichten zur Politik des Glücks.↩
  10. Taiwan News: Taiwan Youtubers form new political party — Englischer Artikel, der Chiu Wei-chiehs Schilderungen über Hass, negative Emotionen und politische Positionierungen nach seinem Einstieg in die Politik sowie den Zeitstrahl des Kanals ergänzt.↩
  11. Feng Media: Fast eine Million YouTube-Abonnenten verkünden Einstellung! Drei Hauptgründe für das Ende nach 9 Jahren Betrieb — Bericht über die Auflösung im Jahr 2025; zeigt den Mitgliederverlust, die Auswirkungen politischer Positionierungen, Verluste und Kuajies Stellungnahme zur Verantwortung auf.↩
  12. Mirror Media: Nach der Auflösung von „Don't Watch at Work“ werden die Golden Bell Awards von neuem Exekutivkomitee beaufsichtigt — Artikel über die Golden Bell Awards 2025; erläutert das Exekutivkomitee nach der Auflösung des Kanals, Kuajies fortlaufende Rolle und das Thema „Reinkarnation“.↩
Über diesen Artikel Dieser Artikel wurde gemeinschaftlich sowie mit Unterstützung von AI verfasst und geprüft.
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