30-Sekunden-Überblick
Ein Regisseur, der Großaufnahmen verweigert und von seinen Schauspielern kein Auswendiglernen von Dialogen verlangt, wurde zum einflussreichsten Meister des chinesischsprachigen Films weltweit. Hou Hsiao-hsien (1947-) revolutionierte mit einer „landschaftsbildhaften Ästhetik der langen Einstellung“ die Filmsprache; 1989 erhielt „Eine Stadt der Trauer“ (悲情城市) den Goldenen Löwen von Venedig und eröffnete das internationale Goldene Zeitalter des taiwanesischen Films. Sein Einfluss reicht bis zu zeitgenössischen Meistern wie Jia Zhangke, Hirokazu Kore-eda u.a. – ein Beweis, dass auch eine „anti-hollywoodsche“ Drehweise ewige Kunst schaffen kann. Nachdem 2015 „Der Killer“ (刺客聶隱娘) in Cannes den Preis für die beste Regie gewann, trat er 2023 wegen Alzheimer zurück und beendete eine legendäre Karriere.
1988, vor dem Eisentor des Filmfestivals von Venedig, berührten eine Gruppe taiwanesischer Regisseure neidvoll das Tor und fragten sich, wann sie je diesen Tempel des Films betreten würden. Einer von ihnen war Hou Hsiao-hsien, 41 Jahre alt, längst auf europäischen Zweitliga-Festivals vielfach ausgezeichnet, aber von den taiwanesischen Medien noch als „Preisträger von Provinzfestivals“ verspottet.
Ein Jahr später, hinter demselben Tor, holte er mit „Eine Stadt der Trauer“ den Goldenen Löwen – der erste Hauptpreis eines internationalen A-Festivals in der Geschichte des taiwanesischen Films. Noch erstaunlicher: Dieser „unverständliche“ Film spielte 60 Millionen NT$ an den Kinokassen ein; das Begleitheft zu „Eine Stadt der Trauer“ im Buchladen des Taipeher Hauptbahnhofs war schlagartig vergriffen.
Vom als „Kassengift“ verschrienen zum Eroberer Venedigs – Hou Hsiao-hsien schuf mit der anti-mainstreamigsten Methode – Verzicht auf Großaufnahmen, Verzicht auf Anpassung an die Kamera, Verzicht auf traditionelle Dramatik – eine einzigartige Bildsprache der Filmgeschichte.
Vom Militärsiedlungsdorf nach Venedig: Der Weg eines Hakka-Jungen
Der Ausgangspunkt der Alleingrenzen (1947-1969)
Am 8. April 1947 wurde Hou Hsiao-hsien in Meixian, Guangdong, geboren – Hakka. Mit einem Jahr zog die Familie in das Militärsiedlungsdorf Fengshan in Kaohsiung um und wuchs in einer Welt der Verschmelzung von Festlands- und Inselkultur auf. Dieses „Überschreiten“ wurde zum Kerngen seiner späteren Werke – nicht nur über Provinzen und Sprachen hinweg, sondern über Zeiten und Erinnerungen.
„Die Erfahrung des Militärsiedlungsdorfs ließ mich früh wissen: Es gibt nichts Reines auf der Welt.“ – Hou Hsiao-hsien
Von klein auf introvertiert und beobachtungsstark, wurde er zum geborenen „stillen Betrachter“. In der Oberschule waren seine Noten durchschnittlich, lieber las er Romane und hörte Musik. 1969 bestand er die Aufnahmeprüfung der Filmaabteilung der Nationalen Kunsthochschule Taiwans und betrat offiziell die Welt des Films.
Die Ausbildung zum Kommerzregisseur (1980-1983)
1980 begann der 33-jährige Hou zu inszenieren. Seine ersten drei Filme – „Das ist doch sie“, „Wind und Tritt“ und „An dem Flussufer mit grünem Gras“ – waren erfolgreiche kommerzielle Liebeskomödien: frisch, süß und ganz nach den Markterwartungen.
Doch in dieser Phase lag schon der Same der späteren Revolution: Er begann zu fragen: „Warum muss Film eigentlich so gedreht werden?“
Der Ruf des Neuen Kinos (1983-1989)
1982 organisierten Hsiao Yeh und Wu Nien-jen „Geschichten der Zeit“ (光陰的故事) und „Der kleine Spielzeugmacher“ (兒子的大玩偶); sie luden Regisseure der neuen Generation wie Edward Yang ein, auch Hou war beteiligt. Nach dem Kontakt mit diesen um die dreißig Jahre alten, im Ausland ausgebildeten Kreativen begann er, über tiefere Fragen nachzudenken:
Was ist echter Film?
Mit „Die Jungs von Fengkuei“ (風櫃來的人, 1983) fand Hou Hsiao-hsien die Antwort.
Die revolutionäre Filmsprache: Wenn die Maschine sich dem Menschen anpasst
Die „Anti-Film“-Drehphilosophie
Der Kern von Hous Filmrevolution liegt in einer subversiven Idee: die Kamera passt sich den Schauspielern an, nicht umgekehrt.
Das klingt technisch, ist aber eine Revolution des Filmbilds:
Traditioneller Film: Schauspieler stellt sich auf den Punkt → Bildausschnitt → Lichtsetzung → Aufnahme
Hou-Hsiao-hsien-Film: Schauspieler bewegt sich natürlich → Kamera folgt → kein künstliches Licht → Dokumentation
Das Ergebnis: Seine Filme haben fast keine Großaufnahmen, denn Großaufnahmen verlangen, dass sich die Schauspieler nach der Kameraposition „richten“.
Die Poetik der langen Einstellung
Der Kritiker des französischen „Cahiers du cinéma“ beschrieb Hous lange Einstellung: „Wie die offenen Flächen eines chinesischen Landschaftsbilds, in dem die Zeit selbst zur Hauptfigur wird.“
Doch seine lange Einstellung unterscheidet sich von der von Tsai Ming-liang oder Theo Angelopoulos – nicht die bewusste „Langsamkeit“, sondern das „objektive Starren“. Er wollte die Präsenz der Kamera eliminieren, damit der Zuschauer die Wirklichkeit spürt, die dem Alltag am nächsten ist.
Technische Innovationen:
- Keine detaillierte Probenarbeit; die Schauspieler sollen „mit der Szene verschmelzen“
- Oft kein künstliches Licht, Verlass auf natürliches Licht
- Eine Szene kann zwei Wochen gedreht werden, bis sie „natürlich“ ist
- Die Kamera bleibt immer „Dokumentar die“, nie „Regie führend“
In „Kohi Jikou – Kaffeezeit“ (珈琲時光) entstand die Szene, in der Protagonist und Protagonistin sich in verschiedenen Zügen aneinander vorbeibewegen, nach fast zwei Wochen Dreh. Selbst der deutsche Regisseur Wim Wenders rief „unbegreiflich“.
Die Ausbreitung des Einflusses
Nachdem Akira Kurosawa „Das Leben der Meister“ (戲夢人生) gesehen hatte, sagte er: „So ein Werk kann ich nicht drehen.“
Die Liste zeitgenössischer Regisseure, die von Hou beeinflusst sind, ist atemberaubend:
- Jia Zhangke (Leitfigur der sechsten chinesischen Generation)
- Hirokazu Kore-eda (japanischer Zeitgenössischer Meister)
- Abbas Kiarostami (iranische Neue Welle)
Sie alle erbten auf unterschiedliche Weise Hous „objektives Starren“ und die „Ästhetik der langen Einstellung“.
Das Wunder von Venedig: „Eine Stadt der Trauer“ und die Welteroberung des Taiwan New Cinema
Der siebenjährige internationale Festivalweg (1983-1989)
Der Goldene Löwe für „Eine Stadt der Trauer“ fiel nicht vom Himmel. Seit 1983 baute Hou auf internationalen Festivals Ansehen auf:
| Jahr | Werk | Internationale Auszeichnung |
|---|---|---|
| 1983 | „Die Jungs von Fengkuei“ | Bester Film des Filmfestivals von Nantes |
| 1984 | „Winterferien“ | Bester Film in Nantes, Preis für Humanismus in Locarno |
| 1985 | „Eine Kindheit in Taiwan“ | FIPRESCI-Preis der Berlinale |
| 1986 | „Staub im Wind“ | Preis für beste Musik & beste Kamera in Nantes |
| 1989 | „Eine Stadt der Trauer“ | Goldener Löwe, Filmfestival von Venedig |
Der Erfolg der internationalen Strategie
Der Erfolg von „Eine Stadt der Trauer“ war sorgfältig choreografiert:
- Medienoffensive: Der Produzent Chiu Fu-sheng lud Journalisten internationaler Blätter wie „Village Voice“ und „Sight & Sound“ zu Interviews nach Taiwan
- Kulturelle Übersetzung: Man produzierte ein exquisites Filmbegleitheft mit Beziehungsdiagrammen und historischem Hintergrund
- Die Rolle der Kritikerin Peggy Chiao: Als kulturelle Brücke half sie dem westlichen Publikum, die östliche Ästhetik zu verstehen
Peggy Chiao: „Glaubt nicht, dass die Leute euren Film von selbst verstehen. Man muss ihnen beibringen, wie man nicht-westliche, nicht-mainstreamige Filmästhetik liest.“
Die Bedeutung des Wendepunkts
Nach der Auszeichnung von „Eine Stadt der Trauer“ kippten die Einstellungen der taiwanesischen Medien zum Neuen Kino um 180 Grad – vom „Kassengift“ zum „Stolz Taiwans“.
Wichtiger noch: Sie eröffnete das internationale Goldene Zeitalter des taiwanesischen Films (1989-1995):
- Edward Yang, „Ein Kind unserer Zeit“ (牯嶺街少年殺人事件, 1991, Sonderpreis der Jury in Tokio)
- Hou Hsiao-hsien, „Das Leben der Meister“ (1993, Jurypreis in Cannes)
- Ang Lee, „Das Hochzeitsbankett“ (1993, Goldener Bär in Berlin)
- Tsai Ming-liang, „Vive L'Amour“ (1994, Goldener Löwe in Venedig)
Peggy Chiao sagte: „Zwischen 1989 und 1995 war der beste, modischste Film der taiwanesische Film.“
Kunsthöhepunkt: Vom „Das Leben der Meister“ zum „Assassin“
Die vollständige Reife des Stils (1990er-Jahre)
„Das Leben der Meister“ (1993) gilt allgemein als Hous künstlerischer Höhepunkt. In dieser Biografie über den Puppenspieler Li Tian-lu trieb Hou seine Ästhetik auf die Spitze:
- Mehrsprachigkeit: Hokkien, Japanisch und Mandarin vermischt sich natürlich – ein Spiegel der Sprachökologie Taiwans
- Struktur des Spiels im Spiel: Die Grenze zwischen Puppentheater und realem Leben verschwimmt
- Minimale Erzählung: Fast ohne traditionelle dramatische Konflikte, ganz über die Atmosphäre
Der Cannes-Juror Abbas sagte, dieser Film versetze ihn in „tiefe Bewunderung“.
Die anhaltende Innovation des 21. Jahrhunderts
- „Blumen von Shanghai“ (1998): Nach einem Roman von Eileen Chang, komplett in Shanghaier Dialekt
- „Millennium Mambo“ (2001): Zusammenarbeit mit Shu Qi, über die Verlorenheit der urbanen Gegenwart
- „Three Times“ (2005): Dreiteilige Struktur, Liebe über drei Epochen
„Der Assassin“: Das Abschiedswerk (2015)
Der über sieben Jahre entstandene „Der Assassin“ wurde zu Hous filmischem Vermächtnis. Dieser nach einer Tang-Legende gedrehte Wuxia-Film:
- Preis für die beste Regie in Cannes: Hous zweiter bedeutender Preis auf den drei großen europäischen Festivals
- Extreme Ästhetik: gepriesen als „einer der visuell schönsten Filme“
- Kulturelle Tiefe: die Tang-Kultur mit modernem Blick neu gedeutet
Doch er fand auch „Gefallen, aber keine Resonanz an den Kinokassen“ – ein Beweis, dass Hou stets ein Purist der Kunst blieb.
Das kulturelle Erbe des Paten des Taiwan New Cinema
Die Ebenen des Einflusses
Hous Einfluss auf den taiwanesischen und den Weltfilm lässt sich in drei Ebenen teilen:
Technisch: Er begründete die fotografische Ästhetik des „objektiven Starrens“
Kulturell: Er bewies, dass nicht-westlicher Film internationalen Festivals genügt
Geistig: Er beharrte auf Reinheit der Kunst und verweigerte den Kompromiss an die Kommerz
Schüler und Weitergabe
Direkt von Hou beeinflusste taiwanesische Regisseure:
- Tsai Ming-liang: Er erbte die Ästhetik der langen Einstellung und entwickelte ein extremeres „langsames Kino“
- Ang Lee: Er ging zwar nach Hollywood, doch in Werken wie „Gefahr und Begierde“ (色戒) ist Hous Ästhetik noch sichtbar
- Edward Yang: Anderer Stil, aber ebenso der Idee des Kunstfilms verpflichtet
Dauerhafte internationale Reputation
Selbst nach dem Rücktritt gilt Hou der internationalen Filmwelt als „lebende Legende“:
- Die Cinémathèque française richtete eine Hou-Hsiao-hsien-Sektion ein
- Das Festival von Cannes würdigte seine Beiträge mehrfach
- Das Filmfestival von Venedig nennt ihn „Filmpoet“
„Hous Filme haben der Welt gelehrt, dass Film Poesie sein kann – und nicht nur Geschichte.“ – Cahiers du cinéma
Abschied und Ewigkeit (Rücktritt 2023)
Der Abschied der Demenz
2023 trat der 76-jährige Hou Hsiao-hsien wegen Alzheimer offiziell zurück – ein Schock für das internationale Kino. „Der Assassin“ wurde sein Abschiedswerk.
Die internationale Presse urteilte: „Das Ende einer Epoche.“ Doch sein Einfluss wird ewig weiterleben.
Das Große im Gewöhnlichen
Nach dem Rücktritt kehrte Hou in die Familie zurück, ging mit seinem Sohn in der Nähe seines Hauses in Taipeh spazieren und lebte das Leben eines gewöhnlichen alten Menschen. Am 8. April 2025, seinem 78. Geburtstag, fotografierten die Medien die herzliche Szene des Vater-Sohn-Spaziergangs.
Dieses Bild ist sehr „Hou Hsiao-hsien“ – keine Dramatik, keine Großaufnahme, nur der leise, poetische Alltag.
Der Platz in der Filmgeschichte
Was Hou der Welt schließlich hinterlässt, sind nicht nur Filme, sondern eine neue Art des „Sehens“:
Er bewies, dass Film ohne Hollywood-Grammatik auskommen und zugleich die Welt bewegen kann.
Er bewies, dass „langsam“ und „still“ gleichermaßen künstlerische Kraft besitzen.
Er bewies, dass Taiwan einen wichtigen Platz auf der internationalen Kultur-Bühne beanspruchen kann.
In einer immer schnelleren, lauteren Welt erinnert uns Hous Kino: Manchmal kommt die tiefste Schönheit aus dem leisesten Blick.
Er ist der Stolz des taiwanesischen Films und ein kostbarer Schatz des Weltfilms. Wenn die Filmgeschichte geschrieben wird, wird Hou Hsiao-hsiens Name für immer glänzen – nicht weil er so viele Filme drehte, sondern weil er den Film selbst veränderte.
Referenzen
- Der Goldene Löwe fiel nicht vom Himmel: Peggy Chiao über Hous internationalen Festivalweg in den 1980ern – Central News Agency
- Das Geheimnis hinter Hous Filmaufnahmen: Der landschaftsbildhafte Stil kommt nicht allein von der langen Einstellung – The News Lens
- An Ally in the Arts: How International Independent Filmmaking and Film Festivals Enhance Taiwan's Visibility – Global Taiwan Institute
- Hou Hsiao-hsien – Wikipedia
- Hou Hsiao-hsien leidet an Alzheimer; ausländische Medien: „Der Assassin“ ist sein letztes Werk – Central News Agency
- Hou Hsiao-hsien | Taiwan Cinema