Annette Lu

Von der „Aufrührerin“ zur Vizepräsidentin: Das legendäre Leben der ersten Vizepräsidentin der chinesischsprachigen Welt

30-Sekunden-Überblick: 1979 wurde Annette Lu wegen des Kaohsiung-Zwischenfalls zu 12 Jahren Haft verurteilt;
2000 wurde sie die erste Vizepräsidentin der chinesischsprachigen Welt. Diese Pionierin der taiwanesischen Frauenrechtsbewegung
brauchte 20 Jahre, um vom Gefängnis in den Präsidentenpalast zu gelangen und war Zeugin des vollständigen Wandels Taiwans von der Autokratie zur Demokratie.

Wie eine zu 12 Jahren verurteilte „Aufrührerin“ Vizepräsidentin wurde

Am Abend des 10. Dezember 1979, auf den Straßen von Kaohsiung. Annette Lu, stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift Meilidao (Schöne Insel), hielt auf einer Menschenrechtskundgebung eine 20-minütige Rede. Sie sprach ins Mikrofon: „Die Taiwaner hatten noch nie die Gelegenheit, heute mit so großer Stimme ihren Mut hinauszuschreien.“ Drei Tage später wurde sie verhaftet.

Das Urteil des Militärgerichts lautete: „Annette Lu beabsichtigte, die Regierung mit illegalen Methoden zu stürzen“, Freiheitsstrafe 12 Jahre.

21 Jahre später, am 20. Mai 2000, legte dieselbe Annette Lu im Präsidentenpalast ihren Amtseid als Vizepräsidentin ab und wurde zur ersten weiblichen stellvertretenden Staatsoberhaupt der chinesischsprachigen Welt.

Das ist nicht nur die Kehrtwendung eines individuellen Schicksals, sondern ein Abbild des Demokratisierungsprozesses Taiwans.

Die 1970er Jahre: Das Erwachen – Neuer Feminismus erschüttert die Gesellschaft

1971 kehrte Annette Lu nach Taiwan zurück, nachdem sie an der University of Illinois einen Master in Vergleichendem Recht erworben hatte. In jenem Jahr machten Studentinnen ein Drittel der Hochschüler aus, und in der Gesellschaft erhoben sich Stimmen, die „Männerplätze sichern“ wollten, aus Sorge, Männer könnten keinen Studienplatz mehr erhalten.

Die frisch in den Gesetzgebungsausschuss des Exekutivyuans eingetretene Annette Lu hörte diese Argumentation und reagierte heftig. Sie hielt eine Rede mit dem Titel „Männerzentrierte Gesellschaft, soll das ein Ende haben?“ und stellte den damals erschütternden „Neuen Feminismus“ vor – „Zuerst Mensch sein, dann Mann oder Frau“, „Linke Hand der Kochlöffel, rechte Hand der Stift“.

1974 veröffentlichte sie das Buch Neuer Feminismus, das erste nach dem Krieg von einer einheimischen Frau verfasste feministische Fachbuch. Darin propagierte sie den Slogan „Zuerst Mensch, dann Frau“, was in der traditionellen Gesellschaft für enorme Kontroversen sorgte. Damals war die Rolle der Frau in Taiwan noch als „tugendhafte Ehefrau und gute Mutter“ definiert; Lu’s Thesen wirkten wie eine Bombe.

1976 gründete sie die „Schütz-dich“-Hotline und den „Pionier-Verlag“. Diese bahnbrechenden Aktionen legten den Grundstein für die taiwanesische Frauenrechtsbewegung; sie gilt daher als Ausgangspunkt der zweiten Welle der Frauenbewegung in Taiwan.

💡 Wussten Sie schon?
Annette Lu betonte, sie vertrete eine „Frauentalent-Bewegung“ und keine „Frauenrechtsbewegung“, ein „heimisches Produkt“
und keine westliche Importware. Sie hoffte, dass taiwanesische Frauen ihre eigenen Talente entfalten, statt nur nach Macht zu streben.

Der Kaohsiung-Zwischenfall: Von der Frauenrechtlerin zur Demokratie-Märtyrerin

Ende 1978 gab Annette Lu die Chance auf, an der Harvard University zu promovieren, und kehrte nach Taiwan zurück, um sich in die Politik einzubringen. Der bevorstehende Bruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und China ließ sie erkennen, dass Taiwan vor einem großen Umbruch stand; sie entschied, die Frauenrechtsbewegung auf die Demokratiebewegung auszuweiten.

Sie trat der parteiunabhängigen Zeitschrift Meilidao bei und wurde stellvertretende Chefredakteurin. Am 10. Dezember 1979, dem Tag der Menschenrechte, veranstaltete die Meilidao-Redaktion in Kaohsiung eine Kundgebung, die Demokratie und Freiheit forderte. Annette Lu hielt vor Ort eine Rede:

„Liebe Landsleute, gewissenhafte taiwanesische Landsleute … heute ist ein großer Tag, hoffen wir, dass alle mit dem enthusiastischsten Applaus unser aller Überleben und Schicksal retten.“

Diese Rede wurde zum Wendepunkt ihres Lebens. Nach dem Ausbruch des Kaohsiung-Zwischenfalls wurde Annette Lu zusammen mit Demokratie-Anführern wie Shih Ming-teh, Lin Yi-hsiung, Chen Chu und anderen verhaftet. Im Militärprozess wurde sie zu 12 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und verbüßte tatsächlich 5 Jahre und 8 Monate.

In den Haftjahren im Jingmei- und Tucheng-Haftzentrum brach sie nicht. Sie las, dachte nach und verfasste sogar auf Toilettenpapier den Roman Diese drei Frauen, nutzte eine Waschschüssel als Schreibtisch, um der Überwachung durch die Wärter zu entgehen.

📝 Kuratorennotiz
Die acht Angeklagten des Kaohsiung-Prozesses gingen nach der Haftentlassung unterschiedliche Wege: Außer Lin Hung-hsuan wurden die anderen sieben alle einmal DPP-Vorsitzende oder amtierende Vorsitzende. Annette Lu ist die einzige, die Vizepräsidentin wurde, und die einzige Frau unter ihnen.

Rückkehr in die Politik: Von der Kreispräsidentin zur Vizepräsidentin

1985 wurde Annette Lu dank einer Amnestie von Chiang Ching-kuo vorzeitig entlassen. Nach ihrer Freilassung setzte sie ihre Demokratiearbeit fort und wurde 1986 zu den Gründungsvätern der DPP.

1992 wurde sie zur Legislativ-Yuan-Abgeordneten gewählt, mit Schwerpunkt auf Außenpolitik. 1996 wurde die Familie des Taoyuan-Kreispräsidenten Liu Pang-yu erschossen; die DPP nominierte Annette Lu für die Nachwahl zum Kreispräsidenten.

Im März 1997 wurde Annette Lu mit 55,31 % der Stimmen zur Taoyuan-Kreispräsidentin gewählt und damit zur ersten direkt gewählten Kreispräsidentin Taiwans. In ihrer Amtszeit trieb sie Politik wie „Goldene Küste gestalten“, „Taoyuan Silicon Valley entwickeln“ voran und setzte sich aktiv für Umweltschutz ein, wofür sie als Taiwans „Umwelt-Mutter“ gefeiert wurde.

2000 lud Chen Shui-bian Annette Lu ein, als Running Mate für die Präsidentschaft zu kandidieren. Diese Kombination hatte große Symbolkraft – beide hatten wegen des Kaohsiung-Zwischenfalls gesessen, nun wollten sie die 50-jährige KMT-Herrschaft herausfordern.

Am 18. März lautete das Wahlergebnis: Das Chen-Lu-Ticket gewann mit 39,30 %. Annette Lu schrieb Geschichte als erste Vizepräsidentin der chinesischsprachigen Welt.

Acht Jahre Vizepräsidentin: Weiche Diplomatie und Menschenrechtsförderung

Während ihrer Amtszeit 2000–2008 förderte Annette Lu die „weiche Diplomatie“ und besuchte mehrfach Verbündete. Als Gesamtkoordinatorin des Menschenrechtsberatungsgremiums des Präsidentenpalastes trieb sie die Verabschiedung des Geschlechtergleichstellungsbildungsgesetzes voran – ein wichtiger Meilenstein für die Geschlechtergerechtigkeit in Taiwan.

2001 erhielt sie den „Weltfriedenspreis“, der in Taiwan zwar umstritten war, international aber ihren demokratischen Kampf vom Gefängnis an die Machtspitze würdigte.

Am 19. März 2004, einen Tag vor der Wahl, wurde Annette Lu in Tainan angeschossen, ein Projektil traf ihr rechtes Knie; Chen Shui-bian wurde in den Bauch getroffen. Dieser „319-Schusswaffenzwischenfall“ ist bis heute umstritten, doch das Chen-Lu-Ticket gewann am nächsten Tag mit einem hauchdünnen Vorsprung von 0,228 % die Wiederwahl.

⚠️ Streitpunkte
Während ihrer Amtszeit äußerte sich Annette Lu mehrfach umstritten, darunter die „AIDS-als-Gottesstrafe“-These und die Aussage „Ureinwohner sind nicht Taiwans Ureinwohner“,
was gesellschaftliche Kritik hervorrief. Ihre direkte Art brachte ihr sowohl treue Anhänger als auch scharfe Kritiker ein.

Umweltvision: Taiwans Pionierin

Neben politischen Errungenschaften war Annette Lu auch eine wichtige Treiberin der taiwanesischen Umweltbewegung. Sie erkannte früh die Balance zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Umweltschutz und förderte als Kreispräsidentin Mülltrennung, Flussrenaturierung und weitere Umweltmaßnahmen.

Sie vertrat das Konzept „nachhaltige Entwicklung“, propagierte genügsames Leben und wandte sich gegen Überkonsum. Diese Umweltgedanken waren in den 1990ern noch nicht weit verbreitet, sind heute aber gesellschaftlicher Konsens.

Ihre „Müll berührt nicht den Boden“-Politik veränderte die Umweltgewohnheiten der Taiwaner nachhaltig.

Politisches Erbe und Kontroversen

Annette Lu’s politische Laufbahn ist voller Kontroversen. Sie nahm mehrmals an den DPP-Vorwahlen zur Präsidentschaft teil, ohne Erfolg. 2018 erklärte sie den „geistigen Austritt“ aus der Partei und kritisierte, die DPP der Ära Tsai Ing-wen sei nicht mehr die DPP von einst.

Sie brachte den „96-Konsens“ ein, wonach Taiwan seit der direkten Präsidentschaftswahl 1996 ein souveräner unabhängiger Staat sei, um dem KMT-„92-Konsens“ entgegenzutreten. In späten Jahren plädierte sie für Taiwans „friedliche Neutralität“; Taiwan solle sich zwischen China und den USA nicht auf eine Seite schlagen.

Ihre direkte Persönlichkeit und klaren Positionen lassen sie in der Politik sowohl respektiert als auch kritisiert werden. Die Apple Daily kommentierte einst: „Ihr Lebenslauf unter den ‚Vier Großen Himmelskönigen‘ der DPP ist unbestritten an der Spitze, doch Persönlichkeit und Emotionalität lassen oft nicht loben … aber ihre Offenheit und ihr Mut zur Wahrheit sind in der intriganten Politikwelt kostbar.“

📊 Datenquelle
Annette Lu’s politische Laufbahn: Legislativ-Yuan 1. Periode (1993–1996), Taoyuan-Kreispräsidentin 2 Perioden (1997–2000),
Vizepräsidentin 2 Perioden (2000–2008), ist die einzige nach Aufhebung des Kriegsrechts wiedergewählte Vizepräsidentin Taiwans.

Historische Einordnung: Die Bedeutung der Wegbereiterin

Blickt man auf Annette Lu’s Leben zurück, so ist sie ein Abbild des gesellschaftlichen Wandels Taiwans. In den 1970ern trieb sie das Erwachen der Frauenrechte voran, in den 1980ern stürzte sie sich in die Demokratiebewegung, in den 1990ern beteiligte sie sich an der Parteipolitik, in den 2000ern erreichte sie den Machtgipfel.

Sie ebnete den Weg für die politische Teilhabe taiwanesischer Frauen. Nach ihr traten herausragende Politikerinnen wie Tsai Ing-wen auf; der Anteil von Frauen in der Politik Taiwans liegt in Asien an der Spitze.

Ihre Geschichte lehrt: Gesellschaftlicher Fortschritt braucht Menschen, die den Status quo zu hinterfragen wagen. Vom „Aufruhr“-Urteil zur Vizepräsidentin – sie brauchte 20 Jahre, um einen Glauben zu beweisen: Die Saat der Demokratie wird immer keimen, die hohe Mauer der Autokratie wird letztlich fallen.

Wie sie im Gefängnis schrieb: „Wir kämpfen nicht aus Hass, sondern aus Liebe.“ Diese Liebe ist die Liebe zur Freiheit, zur Erde, zur Zukunft.

Das ist nicht nur Annette Lu’s persönlicher Sieg, sondern der Sieg der taiwanesischen Demokratie.

Referenzen

Über diesen Artikel Dieser Artikel wurde gemeinschaftlich sowie mit Unterstützung von AI verfasst und geprüft.
Schlagwörter
Persönlichkeit Politikerin Frauenrechtsbewegung Vizepräsidentin Kaohsiung-Zwischenfall
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Weiterführende Literatur

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