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Bild: Bahnsteig und Zug im Taipeh Hauptbahnhof; Foto: 4300streetcar; Lizenz: CC BY 4.0; Originalseite: 1
30-Sekunden-Überblick: 1891 war der Taipeh Hauptbahnhof ein Bahnsteig am Flussufer, 1989 schob die vierte Generation die Schienen unter die Erde. Heute treffen hier TRA, THSR, Taipei Metro und Taoyuan Airport MRT aufeinander; doch das Bemerkenswerteste am Taipeh Hauptbahnhof ist nicht, wie schnell er Menschen fortbringt, sondern dass Menschen den Verkehrsraum immer wieder in einen Ort des Verweilens, der Begegnung, des Essens und der Aushandlung von Öffentlichkeit verwandelt haben.2 3 4
1891 setzte Liu Ming-chuan (劉銘傳) die Eisenbahn durch, die Taipehs ersten Bahnhof am Ufer des Tamsui-Flusses platzierte. Frühe Quellen beschreiben ihn auch als „Bahnsteig“ nahe Dadaocheng (大稻埕). Der Name verrät, dass die Schiene anfangs keine isolierte Verkehrseinrichtung war, sondern mit Wasserweg, Güterumschlag und den Ein- und Ausfalllinien am Stadtrand verknüpft war.2 5 6
Dieser Ausgangspunkt liegt weit entfernt von der heutigen schwarz-weiß karierten Halle. Der Bahnhof war erst stadtrandliche Einrichtung, wurde später erst zur Visitenkarte der Stadt. Jede seiner Verlagerungen hinterlässt Spuren der Verschiebung des städtischen Schwerpunkts.2 4
Vier Generationen, viermal Stadt neu geschrieben
| Generation | Zeit und Lage | Hinterlassene städtische Spuren |
|---|---|---|
| Erste | 1891, nahe Tamsui-Fluss und Dadaocheng | Bahnsteig und Ausgangspunkt des Bahnbetriebs2 6 |
| Zweite | Japanische Kolonialzeit, verlegt an das nördliche Ende der Guanqian Road (館前路) | Bahnhof wird zur städtischen Visitenkarte an der Nordseite der Taipeh-Präfekturstadt4 6 |
| Dritte | 1939–1941 fertiggestellt | Postamt, Restaurant und Stahlbeton-Bahnhofsgebäude ziehen in den Bahnhof ein2 6 |
| Vierte | Inbetriebnahme am 2. September 1989 | Oberirdische Schiene geht unter die Erde, bildet das heutige dreidimensionale Umsteigesystem2 6 7 |
1901 wurde die Westlinie (縱貫線) neu trassiert, die Tamsui-Linie (淡水線) eröffnet, der Bahnhof an den heutigen Bereich der Guanqian Road verlegt und zum „Taipeh Halteplatz“ (臺北停車場). Das Taipeh Pictorial (臺北畫刊) vermerkt, das Stationsgebäude habe einen Ziegelbau, gestaffelte Warteräume und einen VIP-Warteraum besessen. „Halteplatz“ war damals die Bezeichnung für Bahnhof, kein Autoparkplatz.4 8
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Bild: Taipeh Hauptbahnhof und Eingang zur Untergrundpassage 2004; Urheber: Loren36; Lizenz: Public Domain; Originalseite: 9
Das 1939 fertiggestellte dritte Stationsgebäude war im modernen Stil gehalten, die Fassade blickte zur Guanqian Road. Nutzerbereitete historische Quellen beschreiben es als quaderförmigen Stahlbetonbau, in dem Eklektizismus und Moderne sich kreuzen, und weisen auf Postamt und Restaurant im Inneren hin. Diese Funktionen zeigen: Der Bahnhof war nicht mehr nur Ein- und Ausstiegsort, sondern begann, Kommunikation, Verpflegung und tägliche Wege als Mischnutzung zu bündeln.2 6
Das Verschwinden des dritten Stationsgebäudes ist ein oft übersehener Preis der Modernisierung Taipehs. 1979 beschloss die Zentralregierung das Taipeh-Metro-Schienen-Unterführungs-Projekt. 1986 wurde das dritte Gebäude abgerissen, Fahrgäste nutzten ein provisorisches Stationsgebäude. Am 2. September 1989 ging das vierte, unterirdische Stationsgebäude in Betrieb.2 7
📝 Kuratorische Notiz: Die Geschichte des Taipeh Hauptbahnhofs ist nicht „ein Gebäude wird durch ein anderes ersetzt“, sondern die Aufzeichnung, wie die Stadt immer wieder neu entscheidet, „wie sich Menschen bewegen sollen“.
Nachdem die Schiene unter die Erde ging
Unterführung lässt sich nicht mit dem Wort „Modernisierung“ abtun. Für das Bauwerk bedeutet sie Integration von Trasse, Bahnsteig, Tunnel und Geschossen. Für Nutzende bedeutet sie die körperliche Entscheidung: „Auf welcher Ebene bin ich jetzt?“ und „Liegt der Ausgang auf der anderen Seite?“ Die Schiene schneidet die oberirdische Stadt nicht mehr auf, doch den einst auf einen Blick erfassbaren Pfad verwandelt sie in einen dreidimensionalen Raum, der nur über Beschilderung, Geschosse und Umsteigelogik lesbar wird.3 7
Eine weitere Studie zum unterirdischen dreidimensionalen Raum behandelt den Taipeh Hauptbahnhof als komplexes Feld, das auf Beschilderung und räumliche Hinweise zur Wegfindung angewiesen ist, und nimmt den Taipeh-Bahnhof als Fallbeispiel für visuelle Leitsysteme.3 10 Daher ist Sich-Verlaufen nicht unbedingt individuelle Unachtsamkeit, sondern kann die Lesekosten sein, die entstehen, wenn jahrelange Bauwerke, verschiedene Verkehrssysteme und kommerzielle Räume im selben unterirdischen Querschnitt übereinanderliegen.
Der heutige Taipeh Hauptbahnhof ist längst nicht mehr nur TRA-Bahnhof. Offizielle Umsteigeinformationen des Taoyuan International Airport listen A1 Taipeh Hauptbahnhof als wichtigen innerstädtischen Knoten der Airport MRT: Expresszug zum Terminal 1 ca. 35 Minuten, Regionalzug ca. 49 Minuten. Die offizielle Seite nennt auch In-Town-Check-in-Services.11
Das heißt, der Bahnhof übernimmt nicht nur die Funktion „nach Ankunft weiterfahren“, sondern verlagert Teile der Flughafenabwicklung in die Stadtmitte. Reisende können hier in Richtung Taipeh City, andere Städte Nordtaiwans oder den nächsten Inlandsabschnitt abbiegen. Pendler:innen, Arbeitende, Einkaufende und Wartende nutzen gleichzeitig dasselbe Foyer.11
Offizielle TRA-Daten beziffern die täglichen Ein- und Aussteiger am Taipeh Bahnhof auf über 500.000 und stellen ihn damit auf eine Stufe mit dem Bahnhof Osaka. Diese Zahl lässt den Bahnhof wie eine gewaltige Maschine wirken, doch Menschenströme sind kein Wasser: Sie halten in der Halle an, umgehen in der Untergrundpassage, vergewissern sich an einem Ausgang neu der Richtung.12
Wie ein Bahnhof zur unterirdischen Stadt wird
Das oberirdische Stationsgebäude ist leicht zu sehen, was den Nordbahnhof (北車) aber wirklich zum Nordbahnhof macht, sind die unsichtbaren Verteiler, Anlagen und die gemeinsame Verwaltung. Das 2019 in Betrieb genommene gemeinsame Katastrophenschutzzentrum bündelt Katastropheninformationen, Anlagesteuerung und Notfallmaßnahmen des Taipeh-Hauptbahnhof-Spezialbezirks, wobei TRA, THSR, Taipei Metro, Taoyuan Airport MRT, Untergrundpassagen und Einkaufszentren – also unterschiedliche Betreibereinheiten – einbezogen sind.13

Bild: Geschossplan Taipeh Hauptbahnhof; Urheber: Tsungyenlee; Lizenz: CC BY 2.5; Originalseite: 14
Der Geschossplan macht aus dem Gefühl „Nordbahnhof ist komplex“ beobachtbare Daten. Er legt verschiedene Geschosse, Bahnsteige, Umsteigezonen und Ausgänge in einer langen Ansicht nebeneinander, sodass Nutzende sehen: Man verirrt sich nicht in einem Flur, sondern wechselt in einem vertikal gestapelten Verkehrssystem die Ebene. Solche Bilder erinnern auch daran, dass Wegfinden keine Begleitaufgabe vor der Ankunft ist, sondern Teil der Bahnhofserfahrung.3 14
Die Untergrundpassagen rund um den Taipeh Hauptbahnhof sind kein einheitlicher, homogener Korridor. Eine 2008er Studie zu Taipeh-Untergrundpassage (臺北地下街), Bahnhofsvorplatz-Untergrundpassage (站前地下街) und Taipeh New World Untergrundpassage (臺北新世界地下街) beobachtete Nutzer:innen, Gewerbe und öffentliche Aktivitäten der verschiedenen Passagen und zeigte, dass Verkehrssystem, Gewerbeart, Raumgröße und bodenseitige Flächennutzung die Nutzungsweisen gemeinsam prägen.15
Die Studie dokumentiert auch, dass breite Gänge und Treppenbereiche der Untergrundpassagen nicht nur der Durchgang dienen, sondern zu Treff- und Austauschorten von Interessengruppen werden können. Eine weitere Arbeit fasst die Untergrundpassage als städtische Ausdehnung nach unten auf, die nach Schienenunterführung und Metro-Netzbau entstanden ist: Verkehr, Handel, Verwaltung und Freizeit werden gemeinsam in die Stadt hineingegraben.15 16
Diese Perspektive verweigert es, die Untergrundpassage als bloßen Anhangskorridor des Bahnhofs zu behandeln. Manche durchqueren sie nur, manche nutzen sie als Einkaufsroute, andere vollziehen darin soziales Leben, das nichts mit Verkehr zu tun hat. Planende entwerfen Wegeführungen, Nutzende leben Orte daraus.17 15
Der unterirdische Raum gehorcht auch nicht automatisch der Planung, nur weil er geplant wurde. Forschende beobachteten, dass Jugendliche Plätze und Gänge der Untergrundpassage für Streetdance-Proben von Clubs zweckentfremdeten und so eine Form des Widerstands gegen die vorgesehene Raumnutzung schufen. Dieser Widerstand muss nicht in Parolen auftreten. Er kann darin bestehen, dass sich ein paar Menschen an einem Ort aufhalten, der ursprünglich nur zum Durchgehen gedacht war.16
📝 Kuratorische Notiz: Das Bemerkenswerteste an der Untergrundpassage ist nicht die Ladenliste, sondern wer es schafft, aus „Vorbeigehen“ ein „Hierbleiben“ zu machen. In dieser Sekunde beginnt der Verkehrsraum, soziale Erinnerung zu haben.
Nach dem Verschwinden des Westbahnhofs ist die Verkehrsgeschichte nicht verschwunden
Blickt man nur auf das Hauptgebäude, wirkt die Geschichte des Taipeh Hauptbahnhofs allzu ordentlich. Nebenan stand einst der Taipeh Westbahnhof (台北西站), 1954 erbaut, der neben dem Hauptbahnhof als Verkehrsknoten fungierte. Jinma (金馬號), Jinlong (金龍號) und Kuokuang (國光號) fuhren alle von dort ab. Die Eröffnung der Autobahnen brachte einen Höhepunkt, die Inbetriebnahme des THSR veränderte dann seine ursprüngliche Funktion.18
Nach dem Abriss 2016 wurde das Gelände als Parkgrünfläche und neue Warteanlagen geplant. Ein 62 Jahre altes Bauwerk wurde entfernt, zurück blieben die Erinnerungen an Frühlingsfest-Heimreisen, Bahnsteige und Wartebänke.18
Das Verschwinden des Westbahnhofs mahnt: Die Lebensdauer von Verkehrsbauwerken wird nicht nur durch das Äußere bestimmt, sondern auch durch neue Geschwindigkeiten und Strecken. Vom Westbahnhof zurückgeblickt ist der Taipeh Hauptbahnhof keine ewige städtische Visitenkarte, sondern bloß die derzeit noch genutzte Generation.
Halle: Durchgang, Aufführungsraum oder Wohnzimmer
Der am schwersten zu definierende Ort im Taipeh Hauptbahnhof ist vielleicht nicht der Bahnsteig, sondern die Halle. Ein PTS-Bericht (公視) weist darauf hin, dass die Halle ursprünglich als multifunktionaler Aufführungsraum konzipiert war, sich aber allmählich eine Kultur des Hinsetzens auf dem Boden durchsetzte, wenn keine Veranstaltung stattfand.19
Diese Verschiebung erzeugt eine Diskrepanz zwischen Nutzungszweck: Planende stellten sich eine weite Fläche für Events vor, Reisende und Anwohnende nutzen einen öffentlichen Innenstadtplatz, an dem man warten, rasten, sich treffen kann. Wenn Sitzgelegenheiten fehlen, wird der schwarz-weiße Schachbrettboden nicht nur Dekoration, sondern eine Fläche, auf der man ohne Konsum verweilen darf.20 21
2012 versammelten sich indonesische Migrant:innen in der Halle zum Ende des Ramadan (開齋節). Als es regnete, drängten die Menschen nach drinnen; die Stationsverwaltung stellte mit Verweis auf Wegeführung und Ordnung rote Absperrbänder und Hinweisschilder auf, was Menschenrechtsorganisationen zu Protesten gegen die unterschiedliche Behandlung öffentlichen Raums veranlasste. Im Folgejahr wechselte die Stationsverwaltung zu flexibler Lenkung, vorgeplanter Wegeführung und verstärkter Reinigung, der Konflikt drehte sich vorläufig in Richtung Koordination.19 21 22
2020 untersagte die TRA während der Pandemie das Sitzen in derhalle. Berichte dokumentieren, dass diese Maßnahme Migrant:innen traf, die die Halle als Treffpunkt nutzten, und mit der Tradition muslimischer Migrant:innen kollidierte, dort das Ende des Ramadan zu begehen.20 22
Der Streit wandelte sich schnell von einer Pandemiemaßnahme zur Auseinandersetzung um öffentlichen Raum. 2012 und 2013 hatten zivilgesellschaftliche Gruppen bereits Picknicks in der Halle veranstaltet. Nach dem Sitzverbot 2020 tauchten im Netz Aktionen auf, die mit Sitzstreiks und Picknicks das Nutzungsrecht an der Halle neu einforderten.22
Diese Kontroverse sticht ins Auge, weil die Halle wie der ortloseste Ort wirkt: Schachbrettboden, weite Fläche, Wegweiser, unaufhörlich bewegte Menschen. Gerade weil sie von so vielen gemeinsam genutzt wird, wird sie zum Ort, an dem unterschiedliche Lebensrhythmen aufeinanderprallen. Das Fest der Migrant:innen, das Warten der Reisenden, die Evakuierungsüberlegungen der Verwaltung sind keine drei getrennten Geschichten, sondern verschiedene Bedürfnisse an ein und derselben Halle.[^^5] 20 22
Ein Entwurfsdiskurs, der den Taipeh Hauptbahnhof und die umliegenden Untergrundpassagen zum Ausgangspunkt nimmt, beschreibt den Ort als unterirdischen Raum, der Massenverkehr, altes Gewerbe und neue öffentliche Erholung verbindet, und diskutiert, wie die Ansammlung von Migrant:innen und Obdachlosen das von Planenden vorgestellte formale Stadtbild herausfordert.16 10
📝 Kuratorische Notiz: Der wahre Eingang zum Taipeh Hauptbahnhof liegt nicht nur an der Oberfläche, nicht nur auf der Karte. Er liegt in jedem Moment, in dem jemand fragt: „Darf ich mich hier hinsetzen?“
Bentō: Die Reise in eine Pappschachtel packen

Bild: 60-NT$-TRA-Spareribs-Bentō; Foto: hirotomo t; Lizenz: CC BY-SA 2.0; Originalseite: 23
Bahnhofsverpflegung ist nicht nur Nachschub für hungrige Reisende. Ein Bericht von Taiwan Panorama (臺灣光華) betrachtet das Servieren von Bentōs durch Zugbegleiter:innen vom Speisewagen aus als gemeinsame Erinnerung vieler Taiwaner:innen. Reisschachtel, Zugfenster und die vorbeiziehende Landschaft erscheinen zusammen – erst so bekommt die Reise eine erinnerbare Form.24
Die Geschichte des TRA-Bentōs beginnt nicht mit einem ewigen Rezept. StoryStudio-Recherchen zeigen: 1912 hatten Expresszüge der Westlinie bereits Speisewagen der ersten Klasse. Nach dem Krieg 1949 produzierten Bahnhofsrestaurants der TRA in Kaohsiung, Tainan, Taichung, Taipeh und Songshan (松山) Bentōs, die in die Züge gebracht und verkauft wurden; 1960 gründete man die „Kleine Verpflegungsabteilung“ (小營) zur Bündelung des Verkaufs.25
Vom Bahnsteig- und Zugverpflegungsdienst entwickelte sich das Bentō zum Eigenprodukt des Bahnsystems. Wie der Bahnhof selbst vereint es Verkehrs- und Lebensfunktion. Reisende kaufen nicht nur Kalorien, sondern ein Ritual: „Ich breche auf.“25
Der Taipeh Hauptbahnhof ist einer der Orte, an denen dieses Ritual dicht auftritt. Ein Taiwan Panorama-Bericht 2013 dokumentiert, dass am TRA-Bentō-Haupthaus neben dem Ostausgang 2 (東二門) bereits um 11 Uhr morgens Schlangen standen. Manche kauften, um den THSR oder Zug zu erreichen, manche aßen vor Ort, manche nahmen sie gezielt mit nach Hause, um sie mit Familie und Freunden zu teilen.26
Dass das Spareribs-Bentō geblieben ist, liegt nicht nur am Fleisch. Taiwan Panorama vermerkt, dass die Behälter zwischen dünnen Holzkästchen, Aluminiumdosen, Edelstahldosen, Alufolienkartons und Pappschachteln wechselten. 2003, mit dem Verbot von Plastikgeschirr, stellte man vollständig auf Pappschachteln und Holzstücke in achteckiger, runder und ovaler Form um. Die Form der Schachtel wurde so selbst Teil der Reisenden-Erinnerung: Öffnet man sie, sieht man nicht nur die Beilagen, sondern auch die Art, wie eine Generation Zug fuhr.26
Ein Bericht von 2020 führt aus, dass das Spareribs-Bentō des Taipeh-Bahnhofsrestaurants mit taiwanesischem Reis zubereitet wird, die Rippen geklopft, mariniert, erst frittiert, dann geschmort werden. Diese Details zeigen: Ein Bahnhofsbentō muss für Bewegung, Warten und Teilen tauglich sein, um echte Bahnhofskultur zu werden – und nicht bloß ein Gericht im Restaurant.24
📝 Kuratorische Notiz: Der Bahnhof schickt Menschen anderswohin, das Bentō packt den Hausgeschmack vor der Abreise mit in den Wagen. Es ist der kleinste Bahnhof – öffnet man den Deckel, fährt er los.
Wie ein Bahnhof seine eigene Erinnerung bewahrt
2024 führte ein TRA-Kulturrundgang Teilnehmende in das sonst nicht öffentlich zugängliche Dokumentenzimmer, wo alte Fahrkarten, elektrische Streckensignal-Sperrgeräte, handbetriebene Vermittlungsstellen und Fahrtdienstanweisungen zu sehen waren. Der Guide sagte: „Jedes aufbewahrte Objekt verknüpft sich selbst zur Geschichte – das erst nennt man Geschichte.“5
Dieser Satz ändert, wie wir den Bahnhof betrachten. Dach, Bahnsteige, Ausgänge sind Geschichte im großen Maßstab. Eine außer Dienst gestellte Hartfahrkarte, ein nicht mehr genutztes Telefonvermittlungsgerät machen greifbar, wie das System funktionierte.5
Das heutige Stationsgebäude ist nahezu quadratisch, jede der vier Seiten hat drei Türen, insgesamt zwölf. An manchen Eingängen sind Kompasse im Boden eingelassen, der Südeingang 2 (南二門) dient wegen seiner Rückversetzung auch als Fluchtweg. Diese Details tauchen in den vier Worten „Verkehrsknoten“ nicht auf, zeigen aber, wie Architektur Orientierung, Verteilung und Sicherheit in alltägliche Handlungen einbettet.5
Der Taipeh Hauptbahnhof bewahrt auch die Schichten des städtischen Umlands. Verlasst man den Stationsbereich, gelangt man zum Nordtor (北門), zum Nationalmuseum Taiwan (臺灣博物館), zum Eisenbahnministeriums-Park (鐵道部園區), zum 228-Friedenspark (二二八和平公園) und zur Zhongshan-Halle (中山堂). Der Bahnhof ist keine isolierte Box, sondern der Eingang, der verschiedene Regime, verschiedene Verkehrstechnologien und verschiedene städtische Erinnerungen miteinander verbindet.3 5
Der Bahnhof entscheidet mit, wohin die Stadt wächst
Die Standortwahl des Taipeh Hauptbahnhofs beeinflusste nicht nur, wo Züge halten. In der Qing-Zeit lag der Bahnhof nahe der Hegoutou-Straße (河溝頭街) und Dadaocheng, was den Güterumschlag über den Tamsui-Fluss und den Zugang von Beamt:innen über den Wasserweg in die Taipeh-Stadt erleichterte. Später änderte sich die Trasse, und der Entwicklungsschwerpunkt der Stadt kippte mit.5
Dieses Detail wandelt „Bahnhof ist Verkehrsknoten“ in eine größere Frage: Verkehrsknoten produzieren umgekehrt Stadt. Wenn die Schiene nicht mehr in die ursprünglich geplante Richtung verläuft, ordnet sich auch das Verhältnis zwischen heutigem Xinzhuang (新莊), Banqiao (板橋) und Taipeh-Westbezirk über Jahrzehnte neu.5
Als 1901 der Bahnhof nahe dem heutigen Standort platziert wurde, wurde die Guanqian Road als städtisches Eingangsportal inszeniert. Heute umrahmen Nordtor, Nationalmuseum Taiwan, Eisenbahnministeriums-Park und Zhongshan-Halle den Bahnhof noch immer als einen zu Fuß lesbaren städtischen Querschnitt.3 4 5
Daher liegt das „Zentrum“ des Taipeh Hauptbahnhofs nicht nur im Stationsinneren. Es zieht nach außen Straßen, Untergrundpassagen, altes Stadttor, Museen und Geschäftsbezirke, drückt nach innen Reisende unterschiedlicher Geschwindigkeiten in dieselbe Halle. Menschen durchqueren ihn hastig, und zugleich sehen sie, wie Taipeh Vergangenheit auf Gegenwart stapelt.
📝 Kuratorische Notiz: Die tiefste Wirkung eines Bahnhofs misst sich oft nicht an der Zahl der Beförderten, sondern daran, wie viele Menschen anfangen, einen Ort als „Mitte“ zu begreifen.
Die nächste Version des Nordbahnhofs
Die Zukunft des Taipeh Hauptbahnhofs kann nicht nur fragen: schneller, heller, besser zu besuchen? Man muss auch fragen: Wenn die Umsteigeeffizienz steigt – wer kann dann noch hier bleiben? Wenn die Einkaufsflächen wachsen – haben Menschen ohne Konsum noch Sitzplätze? Wenn der Raum sauberer wird – werden dann auch die Lebensspuren mancher Menschen mit weggewischt? Diese Fragen tauchen bereits in den Aufzeichnungen zu Sitzverbot, Migrant:innen-Versammlungen und Untergrundpassagen-Nutzung immer wieder auf.19 20 21 22
Die TRA gründete 2019 das gemeinsame Katastrophenschutzzentrum des Taipeh-Hauptbahnhof-Spezialbezirks, eingebunden waren TRA, THSR, Taipei Metro, Taoyuan Airport MRT, Untergrundpassagen und Einkaufszentren. Im selben Jahr beteiligten sich rund 25 Einheiten und ca. 430 Personen an einer Übung. Diese Zahlen zeigen: Die unterirdische Stadt des Nordbahnhofs ist bereits zu groß, um sie nach Intuition eines einzelnen Stationsvorstehers oder eines einzelnen Unternehmens zu steuern.13
1891 lag der Bahnsteig am Fluss, 1901 verlegte der Halteplatz das städtische Portal an die Guanqian Road, 1989 verbarg die vierte Generation die Schiene unter der Erde, der Westbahnhof endete seine Aufgabe im THSR-Zeitalter. Jeder Umbau ließ Taipeh leichter durchqueren – und machte das „Bleiben“ zu einer umso dringenderen Verhandlungssache.2 4 18
Deshalb ist das Bemerkenswerteste am Taipeh Hauptbahnhof nicht, wie viele Linien er hat, wie viele Ausgänge, oder welche Farbe die nächste Renovierung bringt. Was er wirklich bewahrt, ist ein städtischer Widerspruch: Menschen brauchen einen Ort, um schnell fortzukommen, und sie brauchen einen Ort, um sich vor dem Fortgehen erst einmal hinzusetzen.
Literaturverzeichnis
- Datei:Taipei Main Station platform 3 May 2025.jpg|Wikimedia Commons — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩
- Historischer Wandel des Taipeh Hauptbahnhofs|ArcGIS StoryMaps — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩23456789
- Taiwan Master-/Doktorarbeit: Studie zur Wegfindung im unterirdischen dreidimensionalen Raum des Taipeh Hauptbahnhofs — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩23456
- TRA Taipeh Hauptbahnhof|Taipei Travel Net — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩23456
- In den Bahnhof eintreten, die Geheimnisse des alten Taipeh suchen: Aus Architektur und Archiv zurückblickend auf hundert Jahre taiwanesischer Eisenbahngeschichte|Story — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩2345678
- Frühester Bahnsteig, heute modernes unterirdisches Labyrinth! Taipeh Hauptbahnhof hundertjähriger Geschichte durchlief vier Wandel|United Daily News — United Daily News Bericht↩23456
- Verkehrsministeriums-Jahrbuch: Taipeh-Stadtgebiet Schienenunterführung Ostverlängerung Nangang-Projekt — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩23
- Taipeh Halteplatz|Sammlungsdaten des Nationalmuseums für Taiwan-Geschichte — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩
- Datei:TRA Taipei Station & Taipei Station Underground Mall 20041227.jpg|Wikimedia Commons — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩
- Taiwan Master-/Doktorarbeit: Taipeh Untergrundstadt — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩2
- Taoyuan International Airport: Taoyuan Airport MRT — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩2
- Vertragskategorien — Schwesterzug‧Schwesterbahnhof|Taiwan Railway Corporation — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩
- TRA-Großereignis-Chronik|Taiwan Railway Corporation — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩2
- Datei:Taipei Main Station Floor Map.gif|Wikimedia Commons — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩2
- Konsum im unterirdischen Raum — am Beispiel der Untergrundpassagen des Taipeh-Hauptbahnhof-Spezialbezirks|Hua Yi Online-Bibliothek — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩23
- Taipeh Untergrundstadt|Taiwan Master-/Doktorarbeit Wissenswertsystem — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩23
- Untersuchungsanalyse der Raumnutzung der Untergrundpassagen rund um den Taipeh Hauptbahnhof|Taiwan Master-/Doktorarbeit Wissenswertsystem — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩
- Schaffung des Westbezirks-Portals: Ein Jiazi Taipeh Westbahnhof geht in die Geschichte ein|PTS News — PTS News↩23
- Schachbrett der Taipeh-Hauptbahnhof-Halle geht in die Geschichte ein: „Sitzverbot“ löste einst Raum-Nutzungs-Debatte aus|PTS News — PTS News↩23
- Islamisches Fastenbrechen vor dem Nordbahnhof erlaubt|PTS News — PTS News↩234
- Streit um „Sitzverbot“ in der Taipeh-Hauptbahnhof-Halle: Schlimmer als Diskriminierung ist die Gleichgültigkeit, die nichts sieht|Mingren Tang — United Daily News Bericht↩23
- From “Free China” to “Little Indonesia”—Taipei Main Station and Its Contested Spaces|Taiwan Gazette — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩2345
- Datei:60元臺鐵排骨便當 (13344634153).jpg|Wikimedia Commons — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩
- Bewegte Schönheit: Die Herzensangelegenheit und Neuerung des Bahnhofsbentōs|Taiwan Panorama — Taiwan Panorama Magazin Fachartikel↩2
- Seit wann wird das taiwanesische Bahnhofsbentō verkauft?|StoryStudio — Siehe Originaltext für ergänzende Details↩2
- Erinnerungen verkaufen: TRA-Bentō geht ins Ausland|Taiwan Panorama — Taiwan Panorama Magazin Fachartikel↩2