30-Sekunden-Überblick: Das traditionelle Mid-Autumn-Fest in Taiwan war zunächst vom Mondschauen und Mondkuchenessen geprägt. In den 1980er Jahren setzte sich großflächiges Grillen im Freien durch. Die weitverbreitete Erzählung schreibt den Verdienst ganz dem Sojasaucen-Werbespot „Eine Familie grillt, zehntausend Haushalte riechen es“ zu, doch Zeitungsarchive belegen, dass das Grillen früher auftauchte – 1982 stellten Grillhersteller in Hsinchu wegen schlechter Exporte massenhaft auf den Inlandsmarkt um, das war der direkte Anstoß für die allgegenwärtigen Holzkohlefeuer jenes Mid-Autumn-Fests. Die Werbung war die Hand, die diese Geschichte ins kollektive Gedächtnis schrieb, nicht die, die das Feuer entzündete.
In der traditionellen chinesischen Welt war der 15. Tag des 8. Mondmonats, das Mid-Autumn-Fest, seit jeher ein Symbol für Wiedervereinigung, Ernte und Sehnsucht. Seit Tang und Song hoben Gelehrte unter dem Mondlicht den Becher, dichteten, aßen Mondkuchen und bewunderten Osmanthusblüten; im Volk zirkulierten die Mythen von Chang’e, die zum Mond flog, Wu Gang, der den Kassia-Baum fällte, und dem Jadehasen, der Medizin stampfte. Doch als die Zeit ins moderne Taiwan vorrückte, roch das Mid-Autumn-Fest nicht mehr nur nach dezentem Osmanthusduft und süßer Jujubepaste, sondern die Luft erfüllte sich mit dem Röstgeruch von Fleischscheiben, die über Holzkohle gebraten und mit reichhaltiger Sojasauce bestrichen wurden. Dieses Phänomen, das das Mid-Autumn-Fest fest mit dem Grillen im Freien verknüpft, ist eine kulturelle Mutation, gewoben aus industrieller Lage, kommerziellem Marketing und dem Alltag der einfachen Leute.
I. Vom kühlen Mondlicht zum Holzkohleduft der Straßen: Die moderne Wende eines traditionellen Festes
Das frühe Gesicht des Mid-Autumn-Fests in Taiwan setzte im Wesentlichen die Bräuche der eingewanderten Hoklo- und Hakka-Bevölkerung fort: Ahnenverehrung, Erdgott-Glaube, Mondkuchen und Pomelos essen. In der frühen taiwanesischen Gesellschaft war das Mid-Autumn-Fest ein vergleichsweise stiller, auf die Familie nach innen gerichteter Feiertag. Man stellte im Hof oder unter dem Laubengang ein kleines Tischchen auf, legte ein paar Wendan-Pomelos und schnitt kantonesische Mondkuchen oder taiwanesische Blätterteiggebäcke auf, die ganze Familie, Alt und Jung, saß beisammen, blickte zum hellen Mond hinauf und sprach von der Herbsternte und vom Alltag.
Diese ruhige Festatmosphäre erfuhr in den 1980er Jahren einen drastischen strukturellen Wandel. Mit Taiwans wirtschaftlichem Aufschwung und deutlich steigenden Einkommen begannen sich die Freizeitgewohnheiten von nach innen gekehrten zu nach außen gekehrten zu verlagern. Die Verbreitung von Privatwagen und das Aufkommen von Outdoor-Freizeitaktivitäten boten fruchtbaren Boden für die Geburt neuer Bräuche. Bereits 1981 berichtete die Min Sheng Daily, dass der Mingde Recreation Park in der Mid-Autumn-Nacht Camping, Grillen und Wasserspiele anbot – sichtbar also, dass das Feueranzünden in der Mid-Autumn-Nacht bereits auf Taiwans Freizeitkarte stand, bevor irgendein Grillsaucen-Werbespot bekannt wurde 1.
📝 Kuratorische Anmerkung: Die Lebenskraft traditioneller Feste liegt nicht in unveränderlichen alten Ritualen, sondern darin, wie das heutige Leben der einfachen Leute ihnen neue soziale Bedeutung verleiht. Das Mid-Autumn-Grillen ist das repräsentativste Produkt der Anpassung der taiwanesischen Alltagskultur an die moderne Transformation.
II. Das Jahr, in dem die Grills nicht verkauft wurden: Hsinchus industrielle Lage und der nachträgliche Sieg der Werbung
Zum Ursprung des taiwanesischen Mid-Autumn-Grillbrauchs kursiert die weitverbreitete Erzählung: „Der Wan-Chia-Hsiang-Werbespot hat es ausgelöst.“ Diese Erzählung kehrt die Reihenfolge um.
Der erste schwarz-auf-weiß-Beleg ist ein Bericht der Min Sheng Daily vom Oktober 1982 mit der Überschrift „Grillen und Mondschauen in diesem Jahr ‚in Mode‘“. Darin steht direkt, warum es jenes Mid-Autumn-Fest überall Holzkohlefeuer gab: „Der Grund für die Beliebtheit des Grillens liegt, so heißt es, darin: In diesem Jahr ist Grillen in Mode, hauptsächlich weil der Grillexport nicht gut läuft, die Hersteller massenhaft auf Inlandsverkauf umstellen, und die Region Hsinchu ist die Hauptbasis der Grillherstellung.“ 1 Mit anderen Worten: Was die Grills vor die Haustüren der Taiwaner brachte, war ein Berg unverkäuflicher Lagerbestände. Hsinchu als Schwergewicht der Grillproduktion drehte, als die Exportaufträge einbrachen, zum Inlandsmarkt, bewarb massiv und die Preise sanken 2.
Jener Satz, den alle auswendig können, erschien später, als die meisten denken, und früher, als die meisten denken. Später war Wan Chia Hsiang: Erst der TV-Spot von 1986 mit dem damaligen Star Chang Yung-yung ließ „Eine Familie grillt, zehntausend Haushalte riechen es“ über ganz Taiwan hallen; Kimlan stieg 1989 mit massiven Grillsaucen-Werbespots in den Kampf ein 2. Früher war der Ur-Slogan selbst – bereits 1959 hatte Ve Wong Sojasauce in der Zeitung „Eine Familie grillt, drei Haushalte riechen es“ geschaltet 3. Das heißt, dieser Satz zirkulierte fast dreißig Jahre in Taiwans Druckerzeugnissen, bis er auf ein Mid-Autumn-Fest traf, an dem die ganze Nation grillte, und zur gemeinsamen Erinnerung einer ganzen Generation wurde.
Der Werbekrieg der beiden großen Sojasaucenmarken gehört also an seinen wahren Platz zurück: Er hat den Brauch nicht erfunden, aber er schweißte das Grillen – ursprünglich Sache von Camping-Freunden und billiger Lagerware – fest an das Wiedervereinigungsbild des Mid-Autumn-Fests. Damals brachten Taiwans Fertigungsindustrie und Einzelhandelskanäle auch praktische Einweg-Grillnetze, Holzkohle und leichte Grillgestelle auf den Markt. Zuvor brauchte man umständliches Ziegelsteinschichten und Feuerbereitung; die fertigen Geräte ließen nun jede Familie in wenigen Minuten vor der eigenen Tür, auf dem Dach oder auf brachliegenden Gassenflächen Holzkohle entzünden. Geräte, Preis, Werbung und eine gerade passende Vollmondnacht mit Feiertag schoben das Mid-Autumn-Grillen gemeinsam zum landesweiten Kulturritual.
III. Kollektives Gedächtnis und Raum-Politik: Vom privaten Bereich in den öffentlichen Korridor
Wenn ganz Taiwan in der Mid-Autumn-Nacht gleichzeitig Holzkohle anzündet, übersteigt dieser Brauch das reine Essverhalten und wird zu einer einzigartigen Raum-Politik und einem sozialen Ritual.
In den Nächten rund um den 15. Tag des 8. Mondmonats vollzieht sich ein merkwändiger Wandel im städtischen Landschaftsbild Taiwans. Normalerweise verlassene Dachterrassen von Wohnblocks, Laubengänge, sogar von lokalen Behörden eigens freigegebene Flussuferparks und Grünflächen füllen sich mit einem lodernden Feuer nach dem anderen. Nachbarn, die sich sonst nicht kennen oder nur nickend grüßen, schlendern in dichtem Kohlerauch und Fleischduft gegenseitig die Stände ab, reichen gegrilltes Essen weiter. Diese soziale Umarmung, die die alltägliche Entfremdung durchbricht, trifft den Wunsch moderner Stadtmenschen nach warmer Gemeinschaft.
Doch das gesamtgesellschaftliche Fest bringt auch Herausforderungen für das moderne Stadtmanagement mit sich. Messungen des Umweltschutzamts der Stadt Taipeh zeigen, dass am Mid-Autumn-Tag 2012 und am Vorabend der Kohlenmonoxidgehalt in der Luft um das 1,3-fache anstieg, Feinstaub um fünf bis sieben Prozent zunahm. Unvollständige Verbrennung von Holzkohle erzeugt Kohlenmonoxid, Feinstaub und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe; langes Grillen oder schlechte Belüftung erhöhen die Einatmung deutlich 4. Mit wachsendem Umweltbewusstsein begannen diverse Städte und Kreise, die Auswirkungen massenhaften Holzkohleverbrennens in Stadtparks und Straßen auf die Luftqualität zu prüfen; manche Metropolregionen wiesen spezielle Grillzonen aus oder warben für umweltfreundliche Grillgeräte. Dennoch lässt die Begeisterung der Bevölkerung für das Mid-Autumn-Grillen nicht nach – der Brauch hat sich tief in die Gene der zeitgenössischen taiwanesischen Kultur eingegraben.
IV. Schlusswort: Fortsetzung des taiwanesischen Alltags in Kohlerauch und Mondlicht
Von der kühlen Mondpalast-Welt alter Dichtung bis zu den hier und dort aufsteigenden Blasebalg-Geräuschen und Grilldüften in Taiwans Gassen: Das Mid-Autumn-Fest hat in Taiwan eine erfolgreiche kulturelle Lokalisierung vollzogen. Es beweist, dass traditionelle Feste die organische Eigenschaft besitzen, sich der Umwelt anzupassen und neues Leben zu entfalten.
Immer wenn der Herbstwind aufkommt, sich der Duft der Wendan-Pomelos und der weiße Rauch der Holzkohle im Nachthimmel verweben, feiern die Taiwaner gemeinsam den Herbstvollmond – er verknüpft die kostbaren Augenblicke des Wiedersehens und die menschliche Wärme im geschäftigen modernen Leben.
Weiterführende Literatur
- Traditionelle Feste und Feierlichkeiten — Erkundet Taiwans weitere einzigartige Bräuche und Feste, die aus Zufall oder Krise entstanden.
- Taiwans Werbegeschichte — Rückblick darauf, wie TV-Werbespots der 1980er Jahre Taiwans Konsumkultur und kollektives Gedächtnis tiefgreifend prägten.
Quellen
- 【Kalte-Wissen-Wochenbericht】 Nr. 109: „Wurde der Grill-Trend wirklich von Wan Chia Hsiang angeführt?“ — StoryStudio, zitiert den Min Sheng Daily-Bericht von 1981 über Camping und Grillen im Mingde Recreation Park zur Mid-Autumn-Nacht sowie den Min Sheng Daily-Abschnitt von 1982 über Hsinchus Grillexport-Umschwenkung auf Inlandsverkauf, als Beleg dafür, dass Werbung den Trend verstärkte, nicht auslöste.↩2
- „Eine Familie grillt, zehntausend Haushalte riechen es“ seit 30 Jahren rot –原来新竹人是推手 — Business Weekly, zitiert den Min Sheng Daily-Artikel vom Oktober 1982 „Grillen und Mondschauen in diesem Jahr ‚in Mode‘“ im Originalwortlaut und verzeichnet den zeitlichen Ablauf: 1986 Wan-Chia-Hsiang-Werbespot (mit Chang Yung-yung) und 1989 Kimlan-Grillsaucen-Werbespots.↩2
- Mid-Autumn-Grillen stammt gar nicht von diesem Werbespot! Vor „Eine Familie grillt, zehntausend Haushalte riechen es“ gab es schon „Eine Familie grillt, drei Haushalte riechen es“ — United Daily News Group „Berichts-Zeit“ Zeitungsdatenbank, belegt, dass Ve Wong Sojasauce 1959 bereits „Eine Familie grillt, drei Haushalte riechen es“ inserierte.↩
- Grillen: Feinstaub und CO schießen in die Höhe – auf Belüftung achten — Umweltinformationszentrum, zitiert Taipeh-Umweltschutzamt-Messung Mid-Autumn 2012: Kohlenmonoxid +1,3-fach, Feinstaub +5 bis 7 Prozent.↩