30-Sekunden-Überblick:
„Marktnamen“ sind jene Namen, die auf einem Markt gerufen werden und unzählige Menschen gleichzeitig umdrehen lassen. Das ist kein Scherz: Laut der neuesten Statistik des Innenministeriums von 2024 gibt es in ganz Taiwan über 30.000 Personen namens „Shu-fen“ (淑芬) und über 14.000 namens „Chia-hao“ (家豪). Sie belegen seit über zehn Jahren ununterbrochen die Spitzenplätze der männlichen und weiblichen Marktnamen. 1 Diese Namen spiegeln nicht die Faulheit der Eltern wider, sondern den gesellschaftlichen Konsens in Taiwan darüber, was in verschiedenen Epochen ein „guter Name“ ist.
Shu-fen und Chih-ming: Standard der 5. und 6. Klasse
Wenn Sie eine ältere Person namens „Shu-fen“ (淑芬), „Shu-hui“ (淑惠) oder „Mei-ling“ (美玲) kennen, ist das völlig normal.
In den 1960er bis 1970er Jahren (Jahre 50 und 60 der Republik) waren die Erwartungen taiwanesischer Eltern an ihre Töchter sehr einheitlich: sie sollten tugendhaft (shu 淑), schön (mei 美) und gütig (hui 惠) sein. Der Name „Shu-fen“ erreichte in jener Epoche seinen Höhepunkt, und noch 2026 steht er landesweit an erster Stelle, wobei die allermeisten Trägerinnen über 50 Jahre alt sind. 2
Bei den Männern herrschten „Chih-ming“ (志明), „Chih-cheng“ (志成) und „Wen-hsiung“ (文雄) vor. Dass der Mayday-Hit „Chih-ming und Chun-chiao“ (志明與春嬌) so viel Resonanz fand, liegt genau daran, dass diese beiden Namen damals Synonyme für „gewöhnliche taiwanesische Männer und Frauen“ waren. 3
Ya-ting und Yi-chun: Der „Ya-Yi“-Wettstreit der 7. und 8. Klasse
In den 1980er Jahren (Jahre 70 der Republik), als Taiwans Wirtschaft abhob, wurden auch die Namen „eleganter“.
Diese Generation ist die der „Ya-ting“ (雅婷) und „Yi-chun“ (怡君). Zwischen 1980 und 1995 waren diese beiden Namen unter neugeborenen Mädchen extrem verbreitet. Es gab Statistiken, wonach auf manchen Universitätszulassungslisten so viele „Ya-ting“ auftauchten, dass sie nummeriert werden mussten. 4 Im Gegensatz zur elterlichen Generation, die traditionelle Tugenden in Namen legte, fügten diese Namen eine Wunsch nach „Anmut“ und „Freude“ hinzu (ya 雅, yi 怡).
Bei den Männern begann die Ära von „Chia-hao“ (家豪) und „Chih-hao“ (志豪). Das Schriftzeichen „hao“ (豪) symbolisiert den elterlichen Wunsch, der Sohn möge ein Held werden und beruflichen Erfolg haben.
Cheng-en und Tzu-ching: „Fantasy-Roman-Stil“ ab der 9. Klasse
Schaut man sich heute die Namenslisten von Grund- und Mittelschülern an, ist „Shu-fen“ vollständig verschwunden.
Nach 2010 (Jahr 100 der Republik) vollzog sich ein drastischer Wandel in Taiwans Namensgebung. Die neue Elterngeneration, stark geprägt von Popkultur und Internetliteratur, wählt Namen, die eher nach Liebesromanen oder Fantasy-Dramen klingen:
- Männer: Cheng-en (承恩), Yu-ting (宥廷), Pin-jui (品睿)。
- Frauen: Yung-ching (詠晴), Tzu-ching (子晴), Pin-yen (品妍)。5
„En“ (恩), „jui“ (睿), „pin“ (品) wurden zu den Schlüsselzeichen der neuen Eltern. Dieser Wandel zeigt, dass sich die taiwanesische Definition eines „guten Namens“ von traditionellen Charaktererwartungen hin zu klanglicher Ästhetik und individueller Einzigartigkeit verschoben hat – auch wenn das Ergebnis immer noch sehr ähnlich klingt.
Verdopplungs-Trend: Pin-pin und Ting-ting
Das Innenministerium erfasste 2023 erstmals Statistiken zu „Verdopplungsnamen“.
In ganz Taiwan tragen über 60.000 Menschen einen verdoppelten Vornamen, wobei „Pin-pin“ (彬彬) bei Männern und „Ting-ting“ (婷婷) bei Frauen am häufigsten sind. 6 Diese Namensform war früher in Film- und Fernsehwerken (wie Lin Pin-pin) oder als Künstlername üblich, doch ein Teil der Eltern wählt sie auch, damit der Name vertrauter und niedlicher klingt.
Der Lachs-Chaos: Taiwans „Flexibilität“ bei Namen
Im März 2021 ereignete sich in Taiwan der international für Aufsehen sorgende „Lachs-Chaos“ (鮭魚之亂).
Weil die Sushi-Kette Sushiro eine Aktion „Kostenloses Essen für Namen mit ‚Lachs‘“ startete, rannten innerhalb von zwei Tagen 331 Menschen landesweit zum Standesamt, um ihren Namen zu ändern. Jemand nannte sich „Chang-chien Kuei-yu“ (張簡鮭魚), ein anderer wählte einen 36 Zeichen langen kuriosen Namen. 7
Hinter diesem „Chaos“ spiegelt sich die Besonderheit von Taiwans „Namensgesetz“ wider: Taiwaner haben im Leben drei Mal das Recht, ihren Namen zu ändern. Damit ist ein Name in Taiwan nicht nur ein elterlicher Stempel, sondern eher ein administratives Werkzeug, das jederzeit „korrigiert“ oder gegen „Nutzen“ eingetauscht werden kann. Noch 2025 zeigen Statistiken, dass etwa 20 % der damaligen „Lachs-Familie“ ihren Namen nicht wieder zurück geändert haben. 8
Warum das erzählenswert ist
Namen sind das kollektive Gedächtnis einer Insel.
Ruft man „Ya-ting“, ruft man nicht nur eine Frau, sondern eine Generation, die Taiwans Wirtschaftswunder, Prüfungsdruck und das Aufkommen des Internets erlebt hat. Sieht man ein Kind namens „Cheng-en“, sieht man eine Gruppe moderner Eltern, die ihren Kindern „feenhaftere“ Namen geben wollen.
Marktnamen sind nicht peinlich – sie sind der Beweis, dass wir gemeinsam gelebt haben.
Weiterführende Literatur
- Innenministerium: Landesweite Namensstatistik-Analyse (neueste Version 2023) — Taiwans offizielle, autoritativste Namens-Großdaten.
- „Cheng-en“ erobert Spitzenplatz, „Yi-chun“ kühlt ab: Die Philologie der Marktnamen (Readmoo) — Tiefgehende Analyse der kulturellen Bedeutung der Zeichenwahl in verschiedenen Epochen.
- Lachs-Chaos: Studie zum taiwanesischen Namensänderungsphänomen (Wikipedia) — Dokumentation der 2021 die Welt erschütternden Namensänderungswelle.
Quellen
- Neueste Marktnamen veröffentlicht (Innenministerium-Pressemitteilung) — 30.10.2023, Chia-hao und Shu-fen verteidigen erneut Spitzenplätze bei männlichen und weiblichen Marktnamen↩
- Landesweite Namensstatistik-Analyse (Version 2023) — Statistik der Haushaltsregistrierungsbehörde des Innenministeriums, weibliche Top 3: Shu-fen (31.879 Personen), Shu-hui, Mei-ling↩
- Liste der häufigsten Namen — Wikipedia — 1961-1970 waren Chih-ming, Chih-cheng die männlichen Hauptnamen↩
- Generationen-Duell der Marktnamen (Lanting-Forum) — Diskussion zu Namens Trends der 2010er Generation (Ergänzung zum Wikipedia-Artikel Marktnamen)↩
- Marktnamen Chia-hao, Shu-fen an der Spitze, Cheng-en, Yung-ching werden Mainstream (Zentralnachrichtenagentur) — 26.10.2016, Bericht über Wandel der neuen Generationennamen↩
- Erste Statistik zu Verdopplungsnamen (Landesweite Namensstatistik-Analyse 2023) — Haushaltsregistrierungsbehörde des Innenministeriums, männlich Pin-pin, weiblich Ting-ting Verdopplungs-Sieger↩
- Lachs-Chaos: Mindestens 332 Personen änderten Namen landesweit (Freiheitszeitung) — 19.03.2021, Sushiro-Aktion löst 48-Stunden-Namensänderungswelle aus↩
- Lachs-Chaos vor 4 Jahren! Noch immer 20 % der Bürger nicht zurück geändert (Yahoo News) — 03.09.2025, Nachbericht vier Jahre nach dem Lachs-Chaos↩