30-Sekunden-Überblick: Am 26. Juni 2014 erhielten die Hla'alua und die Kanakanavu die offizielle Anerkennung und wurden zur 15. bzw. 16. indigenen Volksgruppe Taiwans. Die Geschichte der Hla'alua ist nicht nur eine administrative «Teilung»: Sie betrifft die vier Gemeinden von Taoyuan, das Miatungusu-Fest mit seinen Muscheln im Zentrum und eine Sprache, die in den Zwängen von Bunun, Guoyu und dem Bildungssystem allmählich ihren Alltagsraum verlor. Was die Namenskorrektur wirklich zurückerobern will, ist das Recht der Angehörigen, ihre eigene Geschichte in ihrem eigenen Namen zu erzählen.
Ein Name, den andere erst einmal für sich vereinnahmten
Am 26. Juni 2014 billigte der Exekutiv-Yuan die Namenskorrektur-Anträge der Hla'alua und der Kanakanavu. Seither wuchs die offizielle Liste der indigenen Völker Taiwans von 14 auf 16; die Hla'alua wurden zur 15. Gruppe. Dieses Datum wird oft als institutionelle Änderung notiert, doch für die Angehörigen gleicht es eher einem Namen, der lange in fremder Kategorisierung lag und endlich in die eigenen Hände zurückkehrte.1 2
Die Hla'alua wurden früher häufig den Tsou zugeordnet und als «Südliche Tsou» (南鄒) bezeichnet. Diese Bezeichnung kam nicht aus dem Nichts: Ende der Qing-Zeit nannten Han-Chinesen sie «Obere Vier Gemeinden» (頂四社), die japanische Kolonialverwaltung übernahm dies als «Obere Vier Gemeinden» (上四社) oder schlicht «Vier Gemeinden». Die Klassifizierung hinterliess historische Spuren, presste aber Völker mit unterschiedlichen Sprachen, Ritualen und Sozialorganisationen in einen grösseren Namen.1 3
Der Eigenname der Hla'alua lautet Hla'alua. Das Nationale Kulturgedächtnis verzeichnet nach Daten von Januar 2020 rund 413 Angehörige. Dies ist ein Stichtagswert und sollte nicht als Echtzeit-Bevölkerungsstand für 2026 missverstanden werden.4 Laut Rat der indigenen Völker lebt die Gruppe hauptsächlich in den Bezirken Gaojhong und Taoyuan im Bezirk Taoyuan der Stadt Kaohsiung sowie im Dorf Maya im Bezirk Namasia, zusammengesetzt aus den vier Gemeinden Paiciana, Meilong, Talicia und Yaila. Auch die Einführung im Kulturpark nimmt die vier Gemeinden und das Miatungusu-Fest als Einstieg zur Kenntnis der Hla'alua.5 Die vier Gemeinden sind nicht bloss vier Markierungen auf der Landkarte, sondern die tatsächlichen Betriebseinheiten von Ritual, Verwandtschaft und dörflicher Politik.1
📝 Kuratorische Anmerkung: Namenskorrektur ist nicht der Austausch eines Etiketts gegen ein anderes. Sie stellt die Frage «Wer hat das Recht zu benennen?» zurück in die Sprache und das Leben der Angehörigen.
Das Miatungusu ist kein Schmuckstück
Das markanteste Ritual der Hla'alua ist das miatungusu, das Miatungusu-Fest (聖貝祭). Die heilige Muschel takiarʉ gilt als Wohnsitz des Muschelgottes oder des Geistes der Urahnen; die Muschel ist daher kein blosses Accessoire an der Tracht, sondern ein Medium, das Ahnengeister, Landwirtschaft, Dorf und Zukunft verbindet. Die Unterlagen des Rats der indigenen Völker ordnen es in den Kontext der Agrarfeste ein: Das Fest erbittet Frieden, reiche Ernte und Jagd sowie das Gedeihen der Angehörigen.1
Im Fest gibt es eine Handlung, die sich durch kein modernes Objekt ersetzen lässt: die Darbringung von Wein an die heilige Muschel. Der Zeremonienmeister taucht die Muschel in Wein und beobachtet die Farbveränderung der Schale. Im rituellen Verständnis der Gruppe bedeutet das Rotwerden der Muschel, dass der Muschelgott bereits getrunken hat, und das Fest erhält Antwort. Das ist keine Verwandlung eines Naturgegenstands in ein mystisches Spektakel, sondern die Bestätigung durch eine gemeinsame Handlung: «Wir sind noch immer beisammen.»1 6
Verschiedene Quellen beschreiben Zyklus und heutige Form des Festes nicht völlig identisch. Der Rat der indigenen Völker vermerkt, dass das Miatungusu etwa alle zwei bis drei Jahre stattfindet. Lokale Kulturpublikationen berichten, dass die moderne öffentliche Veranstaltung oft auf einen Tag verdichtet wird, unterteilt in Segmente wie Erstes Begrüssungsopfer, Igelopfer, Herbeirufung des Muschelgotts, Dankopfer, Austreibungsopfer und Gemeinschaftsjagd. Diese Unterschiede mahnen: Das Ritual hat seine traditionellen Regeln, passt sich aber zwischen Gemeinschaftsbedingungen, Veranstaltungsplanung und Aussendarstellung an – man darf eine einzelne öffentliche Aufführung nicht als einzige Version betrachten.1 6
Im März 2025 führte die Nationale Pädagogische Universität Kaohsiung eine Kulturlerreise durch, mit Stationen in der Gemeinde Yaila, dem Ritualplatz der vier Gemeinden im Dorf Taoyuan, dem Ritualplatz der Meilan-Gemeinde im Dorf Gaojhong sowie der Xingzhong-Grundschule. Die Veranstaltungsbeschreibung nennt das Miatungusu einen Moment des Dialogs mit den Ahnengeister und der Stärkung des Gruppenbewusstseins. Es lässt Spracherwerb, dörflichen Raum und Schulbildung auf derselben Route zusammentreffen.7
📝 Kuratorische Anmerkung: Das Bewegendste am Miatungusu ist nicht, dass die Muschel «wundersam rot wird», sondern dass die Angehörigen sie gemeinsam zum Ritualplatz zurückbringen, sich gemeinsam erinnern, wie es geht – damit die Kultur beim nächsten Fest wieder erscheint.
«Auszug» ist nicht Zerwürfnis
Im Prozess der Namenskorrektur wird am leichtesten übersehen, dass Hla'alua und Tsou keine Fremden sind. Die Dokumentation der indigenen Völker记录, dass am 8. September 2012 im Rathaus von Alishan eine öffentliche Anhörung der nördlichen und südlichen Tsou-Gruppen stattfand. Vor Ort gab es durch Heiraten, Verwandtschaft und langjährigen Austausch gewachsene Gefühle, aber auch unterschiedliche Urteile über Gruppenklassifizierung, Sprachverlust und künftige Ressourcen.2
Diese Dokumentation bewahrt ein sehr konkretes Bild: Hla'alua und Kanakanavu möchten verstanden werden als «Brüder, die erwachsen geworden sind und einen eigenen Haushalt gründen müssen», nicht als Trennung, die Vergessen bedeutet. Diese Formulierung beseitigte die Konflikte nicht, holte die Namenskorrektur aber aus dem «Streben nach mehr Vorteilen» zurück auf die Ebene der kulturellen Lebensader.2
Ein Bericht der PTS von 2014 stellt diese Geschichte in einen klaren institutionellen Rahmen: Das Kabinett billigte die Namenskorrektur, Hla'alua und Kanakanavu wurden offiziell zur 15. und 16. Gruppe. Der Bericht weist zugleich darauf hin, dass die beiden Gruppen sechs Jahre um die Namenskorrektur gekämpft hatten; diese wurde als Ausgangspunkt für den Erhalt von Kultur und Sprache erwartet, nicht als Abschlusszertifikat.3
Für die Hla'alua liegt die schärfste Spannung genau hier: Verwandtschaftsbeziehungen können fortbestehen, aber Gruppenname, Sprache und Ritual dürfen deswegen nicht als ein und dieselbe Sache behandelt werden. Liebende Familien müssen nicht zwingend einen einzigen Volksnamen teilen. Gemeinsame Geschichte muss die Unterschiede nicht einebnen.
Wie eine Sprache im Dorf stillschweigend verschwindet
Ein Forschungsartikel von 2014 weist darauf hin, dass die Sprache der Hla'alua und die Tsou-Sprache nicht natürlich miteinander verständliche ein und dieselbe Sprache sind. In Wortschatz, Morphologie und Grammatik bestehen Unterschiede. Der Artikel dokumentiert auch, dass in Gaojhong das Bunun lange die dominante Gemeindesprache war, während Guoyu über Schule und Medien seinen Nutzungsraum erweiterte.8
Die Forschenden hörten im Feld nicht die einfache Antwort «die Angehörigen lieben ihre Sprache nicht», sondern eine Kette alltäglicher Entscheidungen: Eltern sprechen mit den Kindern in der Sprache, die sie selbst besser beherrschen; Kinder begegnen in Schule und Fernsehen dem Guoyu; Mischehen und Arbeitsmigration bringen Bunun oder Taiwanesisch herein. So stirbt die Sprache nicht an einem bestimmten Tag plötzlich, sondern zieht sich stückweise aus der Familie zurück, in Entscheidungen à la «welche Sprache ist heute effektiver».
Die Befragte Amahlu sagte einst: «Es sind nur noch sehr wenige Leute übrig, die Hla'alua sprechen; wenn wir nicht schnell einen Weg finden, sie zu retten, ist es zu spät.» Sie schlug vor, bereits im Kindergarten zu beginnen und Kinder in immersiver Umgebung an die Sprache heranzuführen. Das Gewicht dieses Satzes liegt darin, dass er zugleich die Krise der Sprache eingesteht und anerkennt, dass wöchentliche paar Stunden in der Schule die Sprache nicht unbedingt in den Alltag zurückbringen.8
Eine andere Befragte, Aluvai, äusserte sich wie ein Türöffner: «Bei uns sprechen sehr wenige Hla'alua kai; selbst wenn man spricht, versteht niemand… Wenn nur Hla'alua beisammensitzen und plaudern, würde man es vielleicht sprechen.» Die Sprache ist nicht in einem abstrakten «Traditionsbruch» verschwunden; sie versteckt sich noch in manchen Menschen, manchen Beziehungen, manchen Augenblicken, die sich nur öffnen, wenn Angehörige beisammen sind.8
📝 Kuratorische Anmerkung: Sprachrevitalisierung ist nicht das Aufkleben einiger Vokabeln in Lehrbücher, sondern Menschen wieder glauben zu lassen: Wenn ich in dieser Sprache spreche, wird wirklich jemand antworten.
Kulturelle Revitalisierung ist nicht das Einweisen der Vergangenheit in Glasvitrinen
Die heutige Form des Miatungusu zeigt, dass Kulturerhalt nicht damit getan ist, Gegenstände wegzuschliessen. Das Kulturamt der Stadt Kaohsiung hebt bei der Vorstellung des Miatungusu hervor, dass Angehörige aus der Ferne ins Dorf zurückkehren, Versammlungshaus und Ritualplatz reinigen und herrichten. Lokale Publikationen beschreiben «Weindarbringung an die heilige Muschel» und das «Muschelwerfen um Glück» der Meilong-Gemeinde als konkrete Ritualabschnitte.6
2024 berichtete die Indigenous Television über ein akademisches Symposium des Forschungszentrums für indigenes Wissen der Nationalen Pädagogischen Universität Kaohsiung zum Wissenssystem der beiden Völker; Inhalte umfassten Silben und Grammatik der Hla'alua-Sprache sowie den Prozess der gemeinsamen Wissenssammlung durch Älteste, Angehörige und Experten. Der Bericht erwähnt, dass die Teams auf ein Hla'alua-Wissenswörterbuch und ethnische Bildung hinarbeiten.9
Hier liegt ein wichtiges Gegenintuitives: Die Namenskorrektur ist nicht das Ende der Kulturbewahrung, sondern lässt die Bewahrungsverantwortung klarer bei den Angehörigen und Kooperationsteams liegen. Museen, Schulen, Forschungszentren und Regierung können Ressourcen bereitstellen, aber nicht für die Angehörigen entscheiden, welches Wort bleiben soll, welcher Ritualabschnitt öffentlich sein darf, welche Geschichte von wem erzählt werden soll.
Der Name der Hla'alua erscheint daher nicht nur in der Völkerliste. Er steckt in den Ortsnamen der vier Gemeinden von Taoyuan, in einer aufbewahrten Muschel, im Zögern der Älteren, welche Sprache sie mit den Kindern sprechen sollen, und in jedem erneuten Zurückkehren ins Dorf, um das Ritual neu zu lernen.
Die Frage an das nächste Miatungusu
Blickt man nur auf den 26. Juni 2014, wirkt die Geschichte der Hla'alua wie ein Perfekt: offizielle Anerkennung, Gruppenstatus festgestellt, Name ins System eingetragen. Richtet man den Blick aber auf Ritualplatz und Familien, läuft die Geschichte weiter. Sprachliche Nutzende werden weniger, die Bevölkerungsgrösse ist nicht gross, das Ritual muss zwischen traditionellen Regeln und zeitgenössischer öffentlicher Aufführung Balance finden.2 3 8
Daher liegt die Bedeutung der Hla'alua nicht in der Zahl «Taiwan hat eine 15. Gruppe», sondern darin, dass sie uns den wahren Massstab der Volksanerkennung vor Augen führt: Ob eine Gruppe ihre sprachliche Differenz bewahren kann, ob sie das Ritual nicht nur anschaubar, sondern für die nächste Generation erlernbar macht, ob sie bei geteilter Verwandtschaftsgeschichte mit den Tsou dennoch Hla'alua sagen kann.
Beim nächsten Miatungusu wird der Zeremonienmeister wieder Muschel, Wein und Angehörige gegenüberstehen. Diese Handlung wirkt klein, doch sie beantwortet eine grosse Frage: Wenn ein Name einst von anderen vereinnahmt wurde – wer ist noch bereit, ihn zurückzuholen?
Referenzen
- Hla'alua|Rat der indigenen Völker — Offizielle Gruppenkurzinformation, Verteilung der vier Gemeinden, Miatungusu, Handwerk und Sozialorganisation.↩23456
- «Teilung» als erneute emotionale Verbindung|Dokumentation der indigenen Völker — Dokumentiert die Namenskorrektur 2014, die Anhörung 2012 sowie Beziehung und Forderungen zwischen Hla'alua und Tsou.↩234
- «Hla'alua», «Kanakanavu» – Indigene Völker auf 16 erhöht|PTS News — Billigung der Namenskorrektur 2014, beide Gruppen werden 15. und 16. Gruppe, Nachrichtenbericht über Namenskorrektur und Kultur- und Spracherhalt.↩23
- Hla'alua|Nationales Kulturgedächtnis — Kultureintrag zu Gruppenverteilung, vier Gemeinden, Namenskorrektur 2014 und Miatungusu.↩
- Hla'alua|Zentrum für Entwicklung der indigenen Kultur — Einführung der Hla'alua im Kulturpark der indigenen Völker.↩
- Kulturmarketing – Magische heilige Muschel: Der Muschelgott der Hla'alua|Kulturamt der Stadt Kaohsiung — Lokale Kulturpublikation stellt zeitgenössischen Ablauf des Miatungusu, Weindarbringung an die heilige Muschel und Muschelwerfen um Glück vor.↩23
- Kulturlerreise zum Miatungusu der Hla'alua 2025|Nationale Pädagogische Universität Kaohsiung — Veranstaltungsorte und Beschreibung der Ritual-Kulturlerreise 2025.↩
- Sprachverlust und -revitalisierung der Hla'alua|Dokumentation der indigenen Völker — Sprachgenealogie, Feldinterviews, Gründe des Sprachverlusts und Revitalisierungskonzepte.↩234
- Symposium zum Aufbau des Wissenssystems der beiden Völker teilt Ergebnisse und fördert Austausch|Indigenous Television — Bericht über die Wissensforschung der beiden Völker 2024, Hla'alua-Phonologie und Aufbau des Wissenswörterbuchs.↩